Sexualtrieb zwischen Natur und Kultur–Salon Bericht Teil 2

o.T.
Bild: Ewald Vorberg

„Sex – Die wahre Geschichte“ – Chris Ryan`s Plädoyer für Wollust im Urparadies

Monogamie ist von der Natur nicht vorgesehen. Mit dieser wissenschaftlich fundierten Erkenntnis widerspricht das Buch „Sex – Die wahre Geschichte“ dem bisher vorherrschenden Verständnis menschlicher Evolution. Die beiden Autoren untersuchen die prähistorischen Wurzeln der menschlichen Sexualität und fragen, welches Sexual- und Paarungsverhalten das natürliche ist. Die Veranlagung zur Monogamie, die Darwin und nach ihm viele Evolutionsbiologen konstatierten, scheint eine Fehlinterpretation zu sein.

Die Autoren greifen die Wurzeln unseres Verständnisses von Ehe an und argumentieren, dass die Ideologie der Monogamie einen ungesunden Druck erzeugt. Es ist eine Tatsache, dass unsere Gesellschaft das Nachlassen der sexuellen Anziehung in Langzeit-Beziehungen nicht als natürlich annehmen kann und gleichzeitig nach sexueller Treue verlangt. Dies hat sowohl zahlreiche Therapie-Angebote als auch eine Erotik-Industrie hervorgebracht. Beide sind darauf ausgerichtet  das nachlassende Begehren anzukurbeln und sind damit zu einem blühenden Wirtschaftszweig angewachsen.

Gestützt auf Forschungsergebnisse der Anthropologie, Primatologie und Vorgeschichte machen die Autoren darauf aufmerksam, dass Promiskuität in der neolithischen Zeit nicht wahlloser Sex mit Fremden bedeutete, wie wir sie heute verstehen, sondern sexuelle Kontakte mit mehreren Partnern innerhalb der Gemeinschaft. Somit stand die Sexualität ursprünglich im Dienste einer breit angelegten sozialen Verbundenheit.

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Pietro Donzelli, Album: „Luce“, Nimbus Kunst und Bücher

Salon-Reflexionen zu Lektüre von Chris Ryan

Für den Salon-Abend habe ich Fragmente des Buches gewählt, in denen zwei Themen im Vordergrund standen: der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Libido und der Zusammenhang von Monogamie und Eifersucht.

Die Frage danach ob Frauen genauso intensiv wie Männer Sex geniessen können wurde schon zur Zeit der Aufklärung diskutiert. Auch wenn wir heute weniger Probleme haben die Gleichberechtigung im sinnlichen Vergnügen zu akzeptieren, herrscht noch kein Konsens über die Voraussetzungen dafür. Ist es wirklich so, dass Frauen von Natur aus eine stärkere emotionale Bindung an den Partner benötigen, um Sex zu geniessen, oder ist dieses Verhalten kulturell bedingt? Aus meinen Begegnungen und Gesprächen mit Männern und Frauen geht hervor, dass die Verbindung von Sexualität und Gefühlen nicht so sehr durch das Geschlecht, sondern vielmehr durch unser Bindungsmodell geprägt wird. (Wir könnten anstelle von Bindungsmodell auch einfach von unserer Fähigkeit sprechen, Nähe zu empfinden und die damit verbundenen Emotionen zu regulieren).

Auch betreffend Eifersucht wird oft die Frage ihres Ursprungs diskutiert. Mit den Berichten über promiskuitive Urvölker und polygame Gruppenehen beweist Ryan, dass Eifersucht nicht unser genetisches, sondern ein kulturelles Erbe sei. Seiner Meinung nach ist romantische Liebe nur in unserer Kultur mit der Vorstellung verknüpft, den geliebten Menschen zu besitzen. Oft dient sie als Ausgleich zu einer mangelhaften elterlichen Liebe. In den Ur-Gesellschaften hingegen scheint das Eingebunden-Sein des Einzelnen in die Gemeinschaft unglaublich viel stärker zu sein. Die Menschen verfügen somit von Grund auf über eine sichere Bindung und können ihre Sexualität viel freier leben. Sexualität und das Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit sind nicht, wie in unserer heutigen Zivilisation, miteinander verknüpft.

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„Garten der Lüste“ , Heronymus Bosch, 1500

In Ryan’s Ausführungen und Schilderungen der polygamen Gemeinschaften ist der Wunsch, irgendwie an diese ursprüngliche „Welt ohne Angst“ anzuknüpfen, spürbar. Aber ist das eine realistische Perspektive in einer  Welt, in welcher 60 % der Menschen emotionelle Defizite und ein unsicheres Bindungsmodell aus ihrer Kindheit davontragen? Neurologisch gesehen ist nicht nur die genetische sondern auch die nachgeburtliche Prägung besonders im Bindungsbereich sehr stark. Woher sollen wir  unsere Sicherheit nehmen, um mit Eifersucht besser umgehen zu können? Welche Chancen haben wir in Bezug auf eine freie Sexualität, wenn uns dieses Urvertrauen in die haltende Umwelt fehlt? Diese Fragen bleiben im Buch unbeantwortet.

Das letzte Jahrzehnt hat mit ihren uneingeschränkten Möglichkeiten der digitalen Kommunikation eine wachsende Anzahl von Angeboten für unverbindlichen Sex, in all seinen Formen gebracht. Auch wenn die Befreiung der Sexualität von den Zwängen religiöser Normen ihrer Entfaltung dient, scheint derzeit aber im Hinblick auf die volle Entwicklung unseres Potentials doch eine gewisse Orientierungslosigkeit zu herrschen. Wie sind die Angebote zu deuten? Sind sie, wie Christian Ryan suggeriert ein Anknüpfen an unsere wahre Natur, oder aber nur ein reflexartige Genuss-Suche, die von den Angeboten der Marktwirtschaft gesteuert wird.

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Bild: Beata Sievi

Eva Illouz („Warum Liebe weh tut“) macht darauf aufmerksam, dass der heute oft gestellte Anspruch auf emotionelle Distanz auch in sexuellen Beziehungen ein neuer Ausdruck der männlichen Macht sei. Sie hält Frauen dazu an, auf ihre Bindungsbedürfnisse im Zuge so verstandener sexueller Freiheit keineswegs zu verzichten. Die Emanzipation hat aus ihrer Sicht so etwas wie eine Gleichstellung in der Reduktion der Bedürfnisse hervorgebracht, aber keine wahre Freiheit. Auch Konrad Stauss („Bonding-Psychotherapie“) verdeutlicht, dass unsere westliche Zivilisation dazu neigt, die Bindungsbedürfnisse zugunsten der Autonomie und Selbstverwirklichung zu opfern, um dem hoch gesteckten Leistungsdruck zu genügen. Da Sexualität biologisch gesehen eine Funktion der Bindung ist, scheint es mir nicht möglich über freie Sexualität zu diskutieren ohne sich die Fragen zum Umgang mit unseren Emotionen und Bedürfnissen nach Nähe und Sicherheit, die in sexuellen Begegnungen entstehen, zumindest klar zu stellen.

Rollo May, befürchtete schon in den 80-er Jahren, dass uns Eros im Meer des Sex-Konsums verloren geht. In seinem Werk „Liebe und Wille“ behauptet er – im Gegenteil zu Chris Ryan – dass ein Mensch kein Affe sei und seine Fähigkeit zu persönlicher Verbindung im Sexual-Akt von Angesicht zu Angesicht genau das wesentlich Menschliche sei…

Und welche Wünsche und Visionen in Bezug auf den Umgang mit Liebe und Sexualität in unserer Gesellschaft erweckte in Ihnen die Lektüre, liebe Salon-Gäste?

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