Kategorie: Allgemein

Ghosting oder über die Notwendigkeit einer Abschiedskultur

Text: Beata Sievi, Lesezeit ca.30 Min.

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„Im Schmerz der Trennung ist das Bewusstsein von der Zerbrechlichkeit aller Beziehungen enthalten, das Bewusstsein von der Vorläufigkeit allen Erlebens und Teilens, allen Versprechens und Hoffens. Es ist ein Bewusstsein, ein ganz unsentimentales, einer letzten Einsamkeit. Würde ist eine Art, diese schmerzliche Erfahrung gut zu bestehen. Worauf kommt es dabei an?“

Peter Bieri

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Eine unerwünschte Trennung ist eine schmerzhafte Erfahrung. Sie bedeutet das Ende der Hoffnung, die wir in eine Beziehung und in einen Menschen gelegt hatten. Sie ruft das Gefühl einer existenziellen Einsamkeit hervor. Unter allen Formen der Entzweiung gibt es aber eine, die mehr Schmerz bereitet als alle anderen. Diese Art der Trennung verletzt unsere Würde. In der heutigen Beziehungskultur kommt sie so häufig vor, dass sie 2015 unter dem Begriff Ghosting ins Wörterbuch Collins und in die deutschsprachige Wikipedia aufgenommen wurde.
Ghosting bedeutet ein unerwarteter vollständiger Kontaktabbruch ohne Ankündigung. Es setzt einer intimen Beziehung, einer Freundschaft oder einem Flirt ein Ende – durch Funkstille. Kennzeichnend dabei ist die wortlose Verweigerung jeglicher Erklärung.
Der englische Begriff, der so viel wie «vergeistern» bedeutet, verharmlost das grosse psychische Leid, das dieses Verhalten bei den Verlassenen verursacht. Beschrieben wird Ghosting bis anhin vor allem aus der psychologischen Perspektive. Insofern es immer mehr um sich greift, haben wir es aber mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun, und ich will es deshalb auch aus einer moralphilosophischen Perspektive betrachten.

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Vom psychischen Leid schweigend Verlassener

Die Autorin Anne Witschorek, die selbst mit Ghosting konfrontiert wurde, behauptet, dass die Gewalt, welche die verlassene Person bei dieser Art der Trennung erlebt, nicht weniger stark ist, als wenn sie aus einem fahrenden Auto hinausgeworfen würde – «ohne Vorankündigung, auf gerader Strecke, ohne Tempolimit, bei Vollgas».
Niedergeschlagenheit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, Depressionen und Suizidversuche – das Leid der Trennung lastet auf Menschen, die von Ghosting betroffen wurden, schwerer und länger als bei allen anderen Formen unerwünschter Trennungen. Die Verlassenen machen sich zunächst grosse Sorgen, dass dem Partner etwas Schreckliches zugestossen sein könnte. Später, wenn klar wird, dass die Funkstille beabsichtigt ist, setzen die Spekulationen über die eigene Mitverantwortung am Geschehen ein. Irgendwann machen sich Verwirrung und Hilflosigkeit breit. Die Gehirnforschung erklärt die Symptome, die bei den Opfern des Ghostings auftreten, mit der Überaktivierung des „Social monitoring systems“. Dieses versucht, den massiven Stress, der durch den unerwarteten Kontaktabbruch ausgelöst wird, zu bewältigen und sucht die Umgebung und das Gedächtnis ununterbrochen nach möglichen Deutungen ab. Das einzige aber, was die verlassene Person in dieser Lage wirklich beruhigen könnte, ist die Erklärung, die vom anderen kommt. Erhält sie eine solche nicht, bleibt das Gehirn ruhelos. Die italienischen NeurowissenschaftlerInnen Giovanni Novembre, Marco Zanon und Giorgia Silani haben nachgewiesen, dass die Ablehnung und das soziale Ausgestossensein im Gehirn die gleichen Regionen aktivieren wie der körperliche Schmerz. Ghosting kann daher einen emotionalen Schaden verursachen, der dem körperlichen Missbrauch ähnelt.

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Ohnmacht und Demütigung

Was psychologisch als Zustand von Stress und Desorientierung beschrieben wird, bezeichnet der Philosoph Peter Bieri als Ohnmacht und Demütigung. «Jede Situation, in der uns Informationen fehlen, um uns zurechtzufinden, ist mit der Erfahrung der Ohnmacht verbunden», schreibt er in seinem Buch «Eine Art zu leben. Über die Vielfalt der menschlichen Würde». Wenn die Informationen nicht aufgrund eines Schicksalsschlags ausbleiben, sondern willent-lich vorenthalten werden, wird ein Mensch erst recht gedemütigt. Mit einer solchen Form der Demütigung haben wir im schweigenden Beziehungsabbruch zu tun. Er verletzt die Würde. Insbesondere dann, wenn sich der verschwundene Mensch dem Schmerz der verlassenen Person gegenüber gleichgültig stellt, und den Bitten um ein Gespräch oder eine klärende Nachricht mit einer erbarmungslosen Stille begegnet, und damit jegliche Abhilfe verweigert.
Um aus dieser demütigenden Situation herauszukommen, unternehmen die Ghosting-Opfer alles Erdenkliche. Auch wenn Aussenstehende davon abraten, suchen einige die persönliche Konfrontation, das einzige, was ihr Leid lindern könnte. Die Geschichten über die mutigen und originellen Einfälle, die darauf abzielen, die oder den anderen zum Reden zu bringen, könnten Bände füllen. Doch in einem unbegreiflichen Stupor gefangen, bleiben die Täter resistent gegen jeden noch so verzweifelten Mitleid-Appel. Erzwingt die verlassene Person doch eine Begegnung, wird sie wahrscheinlich ein erniedrigendes Schauspiel ertragen müssen. Gut möglich, dass sie als unbekannter Eindringling behandelt wird oder ihr die Türe wortlos vor dem Gesicht zugeschlagen wird. Die meisten Verlassenen ahnen die verletzenden Szenarien voraus und stellen ihr Bedürfnis nach Sicherheit in den Vordergrund. Sie verzichten deshalb auf das Suchen einer letzten Begegnung – und auf mögliche weitere Würde-Verletzungen.

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Ghosting als Verletzung der Würde

Die Würde gehört zu den höchsten Gütern des Menschen. Peter Bieri beschreibt sie als eine bestimmte Art, das menschliche Leben zu leben und als ein reziprokes Phänomen. Einerseits erhebt Würde den Anspruch, von anderen auf eine bestimmte Art und Weise behandelt zu werden, andererseits verpflichtet sie einen selbst, anderen Menschen gegenüber ebenfalls zu einer bestimmten Haltung.
Auch in intimen Beziehungen und in der Situation der Trennung gilt es gegenseitig auf die Würde zu achten, betont Bieri. Dies bedeutet zweierlei. Einerseits sind beide Partner einer Beziehung stets dazu angehalten, die Freiheit des anderen zu respektieren, selbst dann, wenn die persönliche Entwicklung darin mündet, dass eine Trennung notwendig scheint. Die Person, die gehen möchte, kann ihre Würde nur wahren, wenn die andere sie gehen lässt. Anderseits ist sie selbst dazu verpflichtet, ihren Abschiedswillen zu kommunizieren und zu begründen. Sie muss rechtfertigen, was sie tut, denn die Folgen ihres Tuns betreffen nicht nur sie selbst. Ohne diese Rechtfertigung wird nicht nur die Würde, sondern auch die Subjektivität des Partners in Frage gestellt. Deshalb empfinden die Verlassenen eine schweigende Trennung als eine Vernichtung und erleben sie, vor allem wenn es sich um langjährige Beziehungen handelt, als seelischen Mord.

Der weitere zentrale Aspekt einer würdevollen Trennung ist, nach Bieri, die gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung: «Anerkennung ist eine manifestierte Einstellung, die den anderen erreicht». Das Loslassen, ist erst möglich, wenn man sich im Moment des Abschieds klar und unmissverständlich für das gemeinsam Erlebte bedankt. Auch ein Konflikt entbindet uns nicht von der Verpflichtung, rückblickend das Gute, ohne das keine Begegnung stattgefunden hätte, wahrzunehmen. Es ist die bewusste Verweigerung der Anerkennung der wertvollen Momente, die Ghosting so schwer erträglich macht. Wer eine Beziehung wortlos abbricht, behandelt alles als «nicht der Rede wert» – nicht nur die Gegenwart und die Zukunft, sondern auch die gemeinsame Vergangenheit.

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Die Beziehungskultur der Ambivalenz und Unverbindlichkeit

Ghosting befindet sich am Ende eines grossen Spektrums ambivalenten Beziehungsverhaltens, dessen Schattierungen in der gegenwärtigen Dating-Kultur alle unter eigenständigen Begriffen bekannt sind: breadcrumbling – „mit Brotkrümeln füttern“ – bedeutet, jemandem unverbindliche, schmeichelnde Nachrichten zu senden oder auf eine andere Art gerade so viel Aufmerksamkeit zu schenken, dass er oder sie interessiert und in Bereitschaft bleibt. Es ist eine bewusste Strategie, die oft in mehreren Beziehungen gleichzeitig eingesetzt wird, mit lediglich dem Ziel, die eigene Anziehungskraft zu prüfen. Das Verhalten ist stark mit simmering verwandt, wo eine Person auf „einer kleinen Flamme warmgehalten“ wird, als Option, falls andere Bekanntschaften nicht einschlagen. Noch konfuser ist das benching und icing, wo der Kontakt zwar für immer längere Zeiten ohne richtige Grundangabe „eingefroren“, doch nie ganz abgebrochen wird.
Diese Phänomene, die allesamt auf ein Empathie-Defizit und auf die Abwesenheit von Skrupeln beim Anwenden von Täuschungsstrategien hindeuten, subsumiert die bekannte Paartherapeutin Esther Perel unter dem Begriff „stabile Ambiguität“ und sie beklagt sowohl die ambivalente Bindungs-Disposition als auch das schwache ethische Rückgrat der Millenium-Generation. Andere machen lediglich die Verbreitung der digitalen Technik für den Wandel der Beziehungs- und Abschiedskultur verantwortlich. In der Tat simulieren die Online-Kennenlern-Plattformen und Chat-Dienste einerseits schnell eine soziale Verbundenheit, machen aber andrerseits den Rückzug aus einer Bekanntschaft sehr einfach, wie z.B bei dem populären „Tinder“ durch das „Wegwischen“. Die Statistiken sind mitunter beunruhigend. 2014 berichteten in einer US-Onlineumfrage 13 % der Befragten über Ghosting-Erfahrungen, wobei das häufigste Auftreten in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen zu beobachten war. 2018 wurden laut Angaben in „Aio“, dem deutschen Magazin für die mobile Zukunft, bereits bis zu 80 % der Nutzenden der Dating-Portale Opfer von Ghosting. Detaillierte Recherchen über den Anstieg von schweigendem Abbruch von Langzeit-Beziehungen sind erst im Gange. Pionierarbeit geleistet hat diesbezüglich in dem deutschsprachigen Raum Tina Solimann mit ihren beiden Büchern „Funkstille“ und „Sturm vor der Stille“. Die zahlreichen Abbruchgeschichten und die enorme Resonanz, die die beiden Bücher ausgelöst haben, zeigen, dass Ghosting ein breites kulturelles Problem darstellt.

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Unethische Motive im Dating

Oft wird argumentiert, dass die sinnlichen Begegnungen in der Dating-Kultur von heute von vornherein nicht auf Dauer angelegt seien, weshalb weder das Vortäuschen von Ehrlichkeit noch ein abrupter Abbruch moralisch angreifbar seien. Doch diese Argumentation ist nicht schlüssig, zumal die inneren Haltungen, mit welchen Menschen einander auf der Partnersuche begegnen, meistes nicht explizit kommuniziert werden. Oft werden das Wohlwollen und Vertrauen der einen von den anderen bewusst und einseitig genutzt.
In einem Interview von Jo Sales für Vanity Fair 2015 geben junge Männer zu, im Dating oft unehrlich zu sein, weil ihnen das Vortäuschen von romantischen Gefühlen und  von Interesse an einer dauerhaften Beziehung mehr sexuelle Erlebnisse ermöglicht, als wenn sie die ausschliessliche Zweckorientierung in den Kontakten offenlegen würden. Diese Männer neigen dann auch dazu, sich aus den Begegnungen zu „vergeistern“. In seinem Buch „Der Sympathie-Schalter“ berichtet der ehemalige FBI Agent Jack Schäfer, dass in seinem Seminar, das ursprünglich für Geheimdienstoffziere konzipiert wurde, auch unerwartet Studenten aufgetaucht sind, weil es sich herumgesprochen hatte, dass die von ihm gelehrten Manipulations-Techniken einen verblüffenden Erfolg im Dating-Game zeitigen. Stellen wir uns vor, was geschieht, wenn ein vom FBI geschulter Verführer auf eine Frau trifft, die auf die althergebrachte Praxis des Vertrauens baut und in der Online-Plattform nach einem Kandidaten für eine feste Beziehung sucht. Das immer häufigere Zusammentreffen von Menschen mit so unterschiedlichen Motivationen, in einem Begegnungsraum, der über keine ethischen Normen verfügt, hinterlässt die Akteure zunehmend verwirrt und im Ungewissen.

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Gesellschaftlicher Umgang mit schweigendem Beziehungsabbruch

Das unethische Verhalten in Liebesdingen ist zwar im digitalen Zeitalter einfacher und verbreiteter als früher, aber neu ist es nicht. In dem 1782 erschienenen Roman «Gefährliche Liebschaften» von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos etwa treiben zwei prototypische Figuren, ein altadeliger Vicomte und eine altadelige Marquise, das Spiel mit der Vortäuschung der Liebe so weit, dass es mit dem Tod endet. Auch der unangekündigte Kontakt-abbruch war schon lange vor dem Internetzeitalter bekannt. Im 19. Jahrhundert gab es Männer, die Frauen mit Eheversprechungen lockten, ihre «Unschuld raubten» und spurlos verschwanden. Später wurden die verlockenden Versprechungen anders – es ging mehr um Liebe als um die Ehe, aber auch diese Bündnisse wurden von einigen schweigend verlassen. Viele Frauen von heute erinnern sich an einen Jugendfreund oder Liebhaber, der sich auf einmal weder durch Briefe noch Telefonate erreichen liess. Ihr Schmerz ist selbst nach vielen Jahren lebendig.

Auch in Scheidungen sind die Kommunikationsverweigerung und emotionelle Härte gut bekannt, so dass die Vermutung nahe liegt, dass einige Scheidende auch ganz ohne Wort gehen würden, wenn sie nicht durch Nachkommen und materielle Güter gebunden wären.
Sich einer Situation zu stellen, wenn das Interesse an dem gemeinsamen Weg mit dem anderen Menschen erschöpft ist, stellt eine Herausforderung dar. Der schweigende Rückzug scheint etwas mit dem Unwillen zu tun zu haben, diese Herausforderung anzunehmen. Doch ist die Bereitschaft zu einer persönlichen Aussprache, auch im Falle einer Kränkung oder Überforderung, ein Gradmesser für die Fähigkeit, sich in sozialen Beziehungen verantwortlich zu verhalten – und somit eine Charakterfrage.

Welche Charaktereigenschaften bei einem Menschen gefördert werden, hängt wesentlich von der Kultur ab, in welcher er aufwächst, und die seine Sozialisation mitbestimmt. Es ist aufschlussreich zu vergleichen, welche soziale Kompetenzen in unserer Gesellschaft in verschiedenen Epochen gefördert wurden und wie man mit dem Phänomen des unerwarteten schweigenden Kontaktabbruchs umgegangen ist.

Über den Verführungskult im 19 Jh. – das Veranlassen eines einvernehmlichen Geschlechtsverkehres durch falsches Versprechen und anschliessende Flucht – wurde damals eine breite öffentliche Debatte geführt. In seinem Buch „Lust und Freiheit“ erwähnt der britische Historiker Faramarz Dabhoiwala zahlreiche Theateraufführungen, Romane und Presseartikel, die der allgemeinen gesellschaftlichen Empörung Rechnung trugen. Als Massnahme gegen die unfairen Verführer wurde in England sogar eine Geldstrafe in Erwägung gezogen. Die Namen der arglistigen Männer gab man unter den Bekannten weiter, und die Männer wurden der sozialen Ächtung ausgesetzt. Heute hingegen steht die Reputation eines Ghosts kaum auf dem Spiel, zumal die unmittelbare Umgebung selten etwas von seinem Treiben erfährt. Oder aber sie zieht es vor, sich nicht einzumischen, um mit dem Täter eine gute Beziehung zu wahren. Vor dem Hintergrund der allgemein akzeptierten Kultur der Unverbindlichkeit ist es auch viel schwerer, den Vertrauensmissbrauch als solchen klar zu sehen.

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Psychologie des Ghostings – Charakter- oder Persönlichkeitsstörung?

Alleingelassen suchen die Opfer nach einer Abhilfe in den Online Foren oder in der psychologischen Fachliteratur. Letztere betrachtet den schweigenden Beziehungsabbruch als eine passiv-aggressive Form des emotionalen Missbrauchs und spricht von Grausamkeit. Oft wird im Zusammenhang mit Ghosting die narzisstische Persönlichkeitsstörung erwähnt. Narzissten, die sich durch einen strukturellen Empathie-Mangel auszeichnen, brechen oft die Beziehungen ab, in der sie zu wahrer Reziprozität aufgefordert werden. Da sie sich durch eine solche Aufforderung gekränkt fühlen, dient das Schweigen zudem der Vergeltung. Die Kränkung stellt hier einen Mischzustand dar aus den Gefühlen von Scham, Ärger und Wut, sowie Angst vor dem Kontrollverlust. Da diese Emotionen nicht angemessen reguliert werden können, benötigen die Narzissten eine interaktionale Handlung, wie Ghosting, die ihnen ein Gefühl von Dominanz und Kontrolle wiedergibt. Darüber ob ein solches maladaptives Verhaltensmuster mit einem mangelndem Selbstwertgefühl und einer frühkindlichen emotionalen Deprivation erklärt werden kann, oder ob es sich eher um überzogenes grandioses Selbst und – als zentrale biografische Ursache – um den Mangel an Grenzen und der angemessenen Einordnung in die soziale Gruppe handelt, streitet sich derzeit die Fachwelt. Damit ist den Opfern von Ghosting, sofern sie sich in die Fachliteratur vertiefen, auch keine wirkliche Orientierung geboten.

Hilfreich können dennoch die Überlegungen des amerikanischen Psychiaters und Charakter-Coachs George Simon sein, der anstelle des Begriffs Persönlichkeitsstörung die Bezeichnung Charakterstörung verwendet. Die Neigung, persönliche Ziele auch ohne Rücksicht auf die Gefühle der anderen durchzusetzen, entfaltet sich, seiner Meinung nach, auch bei Menschen, die eine intakte Kindheit hatten. Sie hängt nicht so sehr mit emotionalen Vernachlässigungen oder Traumatisierungen zusammen, sondern mit der misslungenen Formung des Charakters. Dieser wird als eine geglückte Verbindung von der Fähigkeit zur ethisch-moralischen Schlussfolgerung, der Motivation diese Umzusetzen und der dazu notwendigen Impulskontrolle verstanden. Die sensible Phase liegt zwar im Alter von 6-12 Jahren, doch ist die Charakterbildung, laut Simon, „ein lebenslanger Prozess, in dem wir Selbstdisziplin und Fähigkeit entfalten zusammen mit anderen Menschen verantwortungsvoll zu leben“. Angefragt, wie er Ghosting versteht, antwortete der amerikanische Psychiater, dass er dieses Verhalten nicht als passiv betrachtet und es definitiv zu dem Spektrum der Charakterstörungen zählt. Das Fehlen ethischer Normen in den Beziehungen, wie wir sie in der heutigen Dating-Kultur vermehrt erleben, fördere zusätzlich solche Phänomene.

Wenn der 28-jährigen Musiker, der im Interview mit Susi Coen im Independet 2015 ohne jegliche Scham bekennt, mehrere Frauen ohne Ankündigung und Erklärung verlassen zu haben, und sagt: «Ich bin einfach irgendwie faul. Wenn ich die Frauen danach ignoriere, belastet es mich weniger“, dann bestätigt das Simons Einschätzung. Hier scheinen weder unbewusste Ängste noch Abwehrmechanismen im Spiel zu sein, sondern es geht um reine Bequemlichkeit, die sich am Schmerz einer anderen Person kaum stört. In seinem Buch „Character disturbance“ plädiert Georg Simon dafür, dass wir im Falle von aggressivem und zerstörerischem Verhalten in Beziehungen öfters vom Unwillen als von der Unfähigkeit der Täter sprechen sollten. Diese Auffassung hat auch den Vorteil, dass sie von den Betroffenen nicht noch Verständnis für jemanden, der sie verletzt hat, einfordert, sondern sie zur emotionalen Distanznahme befähigt.

In einigen Foren, die sich mit Ghosting befassen, wird den Betroffenen – zu denen heute Frauen und Männer gleichermassen gehören – empfohlen, den eigenen Anteil am Geschehen zu reflektieren. Insbesondere angesichts schwieriger und länger andauernder Beziehungen wird es den Verlassenen von den Bekannten und Freunden angelastet, dass sie die Vertrauenswürdigkeit der geliebten Person, falsch eingeschätzt haben, und sie somit selbst für ihr Schicksal Schuld tragen. Doch dies ist ungerecht. Auch wenn einige Menschen Schwierigkeiten in Liebesbeziehung auf sich nehmen, niemand kann mit Ghosting rechnen oder es vorausahnen.

Die Auseinandersetzung mit der Schuld bzw. mit der Verantwortung am eigenen Leid erinnert an den Diskurs über das Vertrauen und den Vertrauensmissbrauch, der seit langem in der Philosophie stattfindet. Einige neue Strömungen der ökonomischen Vertrauensforschung, die sich auf Spiel- und Vertragstheorien stützten, wollen das Vertrauen als einen rational begründbaren Akt sehen, dem nur das Abwägen von plausiblen Gründen vorausgeht. In dieser Interpretation bedeutet jemandem zu vertrauen nichts anders, als aufgrund vergangener Erfahrungen sein wahrscheinliches Verhalten abzuschätzen. Einige Moralphilosophen der Gegenwart warnen vor einer solchen reduktionistischen Betrachtungsweise, da diese zur Erosion der Vertrauenssysteme in Beziehungen beiträgt.

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Kultur des Vertrauens

Die PhilosophInnen, die Vertrauen nicht als eine rationale Überzeugung, sondern als ein genuin moralisches Phänomen verstehen, betonen zwei Aspekte des Vertrauens, die in jeder zwischenmenschlichen Begegnung, sowohl der flüchtigen als der dauerhaften, von Bedeutung sind. Der erste Aspekt betrifft die Wahrhaftigkeit, d.h. das Übereinstimmen den Aussagen mit der Wirklichkeit. Indem wir uns darauf verlassen, dass dies, was jemand über sich selbst, die Motive seines Handelns und allenfalls über seine Gefühle sagt, auf Wahrheit beruht, gewähren wir ihm Vertrauen und ermöglichen damit den ersten Kontakt. Diese kulturelle Praxis ist so selbstverständlich, dass wir uns ihrer oft gar nicht gewahr sind. (Ihre Wichtigkeit wird aber vielen Teilnehmer der neuen Dating-Kultur, die mit Vortäuschung operiert, erst im Schmerz der Enttäuschung bewusst.)

Der zweite Aspekt des Vertrauens ist die Voraussetzung der grundsätzlich wohlwollenden Intentionen des Gegenübers. In den zwischenmenschlichen Begegnungen müssen wir uns sowohl darauf verlassen können, dass wir nicht als Mittel zu einem bestimmten Zweck benutzten werden, sondern selbst als Personen gemeint sind, als auch darauf, dass wir wohlwollend oder zumindest nicht böswillig behandelt werden. Dieses Wohlwollen sollte nicht nur solange anhalten wie wir gemeinsame Ziele verfolgen, sondern auch dann, wenn die Interessen voneinander zu weichen beginnen und wir in einen Konflikt geraten.  In einer intimen Beziehung bedeutet es, dass man im Falle einer Trennung, die nüchtern betrachtet eine Situation abweichender Interessen ist, mit einer kooperativen und respektvollen Haltung des Partners bzw. der Partnerin rechnet. Eine solche Haltung zeigt sich unter anderem – auch angesichts einer emotionellen Betroffenheit – im klaren Verzicht auf psychische und physische Gewalt.

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In seinem Essay „Vertrauen – eine Emotion?“ bezeichnet der Philosoph Christoph Ammann das Vertrauen als eine „engagierte Einstellung“, über die wir nicht so frei verfügen können, die sich als «die Abwesenheit von Zweifel und nicht als Anwesenheit guter Gründe» manifestiert. Dies trifft zweifelsohne auf jeden Zustand der Verliebtheit, Faszination und länger anhaltender Zuneigung zu.
Gerade in den sinnlichen Begegnungen sind wir bereit Vertrauen zu zeigen, indem wir uns ungeschminkt und unbekleidet hingeben, noch bevor uns jemand seine Vertrauenswürdigkeit hat beweisen können. Unser Vertrauensvorschuss hängt dabei nicht nur von dem ab, wie das Gegenüber sich uns gegenüber verhält, sondern auch von unserer Lebensgeschichte, von der bisherigen Erfahrung in Vertrauensverhältnissen und von dem eigenen emotionellen Engagement. Wer bis anhin nur gute zwischenmenschliche Erfahrungen gemacht hat, gewährt dem anderen schneller einen Vertrauenskredit, was keinesfalls als leichtfertig abgetan werden sollte. Indem ich dem anderen vertraue, ermögliche ich ihm nämlich, sich meines Vertrauens würdig zu erweisen und mit mir in eine Vertrauensbeziehung zu treten. „Nur wenn ich anderen vertraue, erkenne ich sie als Wesen an, denen vertraut werden kann, so wie sie mich als einen anerkennen, dessen Wünsche oder Rücksichtnahme erfordern“ – betont Hartman und erklärt damit das Vertrauen zu einem Akt, der unsere Menschlichkeit konstituiert.

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Ghosting als Vertrauensmissbrauch

Die besondere Fragilität des Vertrauens besteht darin, dass es weder vertraglich noch durch ein Versprechen abgesichert werden kann. Jemandem zu vertrauen, bedeutet auf Kontrolle zu verzichten und ihm stets einen Ermessensraum zu sichern, wie er mit dem ihm geschenkten Vertrauen umgeht. Annette Baier formuliert es in ihrem Essay „Vertrauen und seine Grenzen“ zutreffend: „Vertraut man anderen, dann räumt man ihnen die Gelegenheit der Verletzung ein, und zeigt sich sogleich zuversichtlich, dass sie diese Gelegenheit nicht nutzen werden.“
Im Ghosting wird diese Gelegenheit einer Verletzung nicht nur nicht gemieden, sondern durch die Verweigerung der Aussprache sogar aktiv eingesetzt. Es ist das basale, allgemeine Vertrauen in Rücksicht und Mitmenschlichkeit, das sich in bestimmter kommunikativer Praxis manifestiert, die hier verletzt wird. Aus ethischer Sicht gibt es, abgesehen von Fällen, in denen jemand aus Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz, d.h aus Notwehr handelt, keinen ethisch plausiblen Grund, eine Aussprache zu verweigern, wenn sie vom anderen erbeten wird, insbesondere wenn zuvor ein Vertrauensverhältnis bestand. Zudem liegt bei einem schweigenden Beziehungsabbruch die Vermutung nahe, dass es für eine der Personen von Anfang an um eine zweckorientierte Beziehung handelte, in welcher das Vertrauen einer anderen Person instrumentalisiert wurde. Somit schädigt der „Abbrecher“ nicht nur die ihm vertrauende Person, sondern verletzt die gesamte kulturelle Praxis des Vertrauens und macht sich damit moralisch angreifbar. Zu Recht empfinden die Betroffenen neben Trauer auch Bestürzung und Empörung und wünschen sich von ihrer Umgebung Verständnis und Solidarität.

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Für eine neue Kultur des Abschieds

Die neue Beziehungskultur hat uns aus den Fesseln der bürgerlichen Konventionen befreit und ermöglicht eine noch nie dagewesene Bandbreite romantischer und erotischer Erlebnisse. Doch können die zwischenmenschlichen intimen Begegnungen nur dann auf Dauer funktionieren, wenn sie in eine Kultur eingebettet sind, die Vertrauensverhältnisse als wertvoll und die eigene Vertrauenswürdigkeit als erstrebenswert erachtet. Diese Werte bedürfen einer gezielten Förderung. „Die Fähigkeit, edlere Gefühle zu empfinden, ist in den meisten Naturen eine äusserst zärtliche Pflanze, die nicht an widrigen Einflüssen, sondern schon an mangelnder Pflege zugrunde gehen kann“ – beobachtete bereits im 19 Jh. Philosoph John Stuart Mill und postulierte, dass jeder einzelne an seinem Charakter arbeitet, um nicht so sehr sich selber, sondern möglichst vielen anderen Menschen Glück zu bereiten. Eine solche Aufforderung kann jedoch nur in einer Gesellschaft realisiert werden, die Ausbildung bestimmter Charaktereigenschaften – auch solchen, die zu einem würdevollen Abschied befähigen – zu einer Bedingung für den persönlichen und den gesellschaftlichen Erfolg macht.

Schluss

Information über die Autorin:

Beata Sievi ist Modefachfrau und Psychologin und studiert derzeit Angewandte Ethik an der Universität Zürich. Ihr besonderes Interesse gilt der Tugendethik.


Danksagung:

Ich danke Roger Hofer vom Philosophie Salon am Obertor für die Einführung in die Philosophie des Vertrauens.

Bei der Redaktion des Textes war für mich der geduldige Lektorat von Rolf Schneider sehr hilfreich. Zudem hat Marianne Ulmi vom Kopfwerken Gmbh mich mehrmals herausfordert,  meine Gedanken präzise zu formulieren und ich hoffe, dass ich dieser Anforderung gerecht wurde.

Ulla Rohr und Maria Isliker haben mit Ihren dialogischen Bilder die künstlerischen Akzente und Kontrapunkte gesetzt. Seit 10 Jahren kommunizieren die beiden Künstlerinnen per Briefpost zwischen Italien und Schweiz. In dem Austausch haben sie auch Fotografie mit einbezogen, die teilweise zeichnerisch ergänzt wurde. Zwei Welten begegnen sich – im Anliegen menschlichen Werte immer wieder ins Bewusstsein zu bringen.

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WOLLUST – DIE SCHÖNSTE TODSÜNDE – LESUNG VOM 6. APRIL 2019

Zichy, Sammlung Hans-Jürgen Döpp
Michaly Zichy, Sammlung Hans-Jürgen Döpp, http://www.aspasia.de

Sexuelle Empfindungen und sexuelle Aktivitäten hängen mit der Befriedigung zentraler menschlicher Bedürfnisse zusammen. Sie zeigen eine große Variationsbreite sowohl in der Intensität des Erlebens als auch im Spektrum des sexuellen Verhaltens. Das sinnliche Verlangen kann einen Menschen gelegentlich derart überwältigen, dass dieser für Stunden, Tage oder sogar Wochen das Gefühl hat, nicht mehr Herr seiner selbst zu sein. „Mit Wollust zu leben ist, als wäre man an einen Geistesgestörten gefesselt“ – sagt Philosoph Simon Blackburn in seinem Essay „Wollust. Die schönste Todsünde.“ Und er betonnt, dass so etwas wie kontrollierte Ektase gar nicht gibt, wenn man vor Lust die Erde beben spürt. So ergeht es auf jeden Fall auch dem Protagonisten des Romans „Morbus Fonticuli“ von Frank Schulz, der der sexuellen Energie und dem üppigen Körper der Exfloristin Bärbel verfällt und dabei Verstand und Stellung verliert. Seine auserwählte scheint ein Archetypus der lustvollen Frau zu sein, die sich um nichts anderes, als um sinnliches Vergnügen kümmert:

«Sie war eine Holly Golightly aus der Provinz. Sie war eine der wenigen Frauen ohne Handtasche, die ich kannte; Geld trug sie lose in den Jeans beziehungsweise, wenn sie ein Kleid anhatte, in den Stiefelchen, im Slip oder im Dekolleté. Scheine, versteht sich. Münzen verwendete sie – und keineswegs erst zur Zeit ihres gerade zu spät venezianischen Lebensstils als prosperierende Geschäftsfrau – als Trinkgeld und Almosen, oder sie schenkte es Kindern. Sie rannte einfach so in der Gegend herum, nichts am sensationellen Leib als das Nötigste. Im Sommer lief sie barfuss, den Haustürschlüssel am Halskettchen, darüber ein leichtes Fähnchen: ohne Geld, ohne Sorgen, ohne Verlegenheiten. Fast immer fand sich ein lüsterner Grünschnabel, ein Marktbeschicker oder Schornsteinfeger, ein Intellektueller Stromer oder chevalesker Frührentner, der sich Schwachheiten einbildete und ihr ein Eis oder ein Glas Sekt spendierte. Sie lebte in den Tag und in die Nacht hinein, nicht nur in die Samstagnacht wie so viele ihre Altersgenossen.» Gab es für diese Romanfigur ein reeller Prototyp oder handelt es sich um reine Phantasie des Autors und die männliche Phantasie schlechthin?

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John Coller, Lilith 1887

Die 1,5 Stündige Lesung „Bärbel Episoden – oder die Fesseln der Wollust“, die am 6. April in meinem Salon stattfinden wird, bietet eine Auswahl der aufregendsten sinnlichen Abenteuer von Bodo und Bärbel. Faszinierend und fesselnd sind dabei nicht nur die sonderbaren Freilichtakten und originellen Szenarien der sinnlichen Begegnungen, sondern die Dynamik der gegenseitigen sexueller Herausforderung. „Wollust ist hier wie gemeinsames musizieren, wie eine harmonische Symphonie aus Freude und entsprechender Reaktion“ – beschreibt Blackburn eine glückliche Liebesbegegnung, was auch auf Bodo und Bärbel zutrifft. Hier finden beide nicht in erster Linie Gefallen an sich salbt, sondern an der Erregung des anderen. Die Liebesszene auf der Köhlbrandbrücke gehört mit Sicherheit zu den gewagtesten Liebesszenen der Literatur. Wer dran Anstoss nimmt, dem sei erinnert, dass selbst der griechische Philosoph Diogenes den Geschlechtsakt als natürlich angepriesen hat, und um dies zu beweisen ihn mit seiner Frau Hipparchia auf den Treppen des Tempels sich in aller Öffentlichkeit zu treiben pflegte. Eindrücklich und sprachlich gewandt ist auch das Zugeständnis der Protagonisten des Romans für die gemeinsame Vorliebe für Lingerie, das die These vom Blackburn bestätigt, dass Wollust im wesentlichen die Vorfreude auf sexuelle Aktivität sei.

Der Text von Schulz verquirlt Nonsens und Kalauer, Ironie und Sarkasmus, Satire und Parodie, und ist – in der hervorragenden Interpretation des Schauspielers Ulrich Vogel – ein furioses Hörvergnügen. Nach der Lesung findet eine moderierte Diskussion darüber, ob und unter welchen Umständen sexuelle Impulse die Kraft besitzen unsere Willensprozesse zu durchkreuzen.

Teilnehmer*innen Zahl ist auf 18 Personen beschränkt. Anmeldung bis 6. März an salon@beatasievi.ch. Bitte bei Anmeldung eine volle Anschrift angeben.

Datum: 6. April 2019, 17-21 Uhr, Eintrittspreis: CHF 65 Neugäste/ CHF 55 Stammgäste inkl. Konsumption (Prosecco, Wein, Kafé, Tee, Salziges und Süsses. Ort: Salon-Bibliothek von Beata Sievi, Winterthur

April 2019

Information über den Schauspieler:

Ulrich Vogel wirkt als Schauspieler, Sänger, Sprecher, Kabarettist und Bühnenbildner im Raum Karlsruhe – Frankfurt. Die Bühnenreife erlangte er am Staatstheater Karlsruhe.
Von 1992 – 2005 war er am Theater der Stadt Heidelberg als Schauspieler engagiert. Dort gewann er auf Grund seiner stimmlichen Fähigkeiten, auch spartenübergreifend, als Sänger ein treues Publikum. Daneben hat er sich durch zahlreiche, vor allem auch erotische Lesungen im Frankfurter Venusberg, einen Namen als gefragter Vorleser gemacht. Derzeit arbeitet er freiberuflich mit Wohnsitz in Karlsruhe.

Michaly Zichy, Sammlung Hans-Jürge Döpp
Michaly Zichy, Sammlung Hans-Jürgen Döpp, http://www.aspasia.de

 

 

 

 

Korsett und Emanzipation

Text von Beata Sievi

In den 20 Jahren meiner Arbeit als Korsettdesignerin wurde ich immer wieder darauf hingewiesen, besonders gern von Journalisten, dass das Korsett ein Symbol der weiblichen Unterdrückung sei. Diesen Vorurteilen versuchte ich stets mit Gelassenheit zu begegnen. Nachdem ich in den letzten zwei Jahren eine Reihe kultureller Veranstaltungen organisiert habe, die die Befreiung der weiblichen Sexualität aus den Fesseln des Patriarchats thematisieren, werde ich nun erst recht gefragt, wie ich Korsetterie und Emanzipation miteinander verbinde. Die Antwort: Es ist nicht das Korsett, das weibliche Verführung mit Unterdrückung verbindet, sondern das Patriarchat. Denn Korsetts können Frauen durchaus darin bestärken, ihre Rechte und ihr Vergnügen aktiv einzufordern.

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Lady showing bracelet to her suitor, Jean-François Detroy 1734

Korsett und erotische Subjektivität der Frau

Als ich mich vor 20 Jahren mit der Geschichte des Korsetts zu befassen begann, stiess ich auf die Werke der amerikanischen Modeforscherin Valerie Steele. Die Untersuchung konkreter historischer Beispiele führte sie in ihrem Buch „The corset. A cultural history“ zum Schluss, dass ein Mieder schon früh ein Mittel der selbstbewussten Inszenierung weiblicher Schönheit war und in Verführungen gekonnt eingesetzt wurde. Frauen des 18. und 19. Jh. waren weit davon entfernt, lediglich Objekte des männlichen Begehrens zu sein, sondern  spielten aktiv mit ihrer modischen Aufmachung. Valerie Seele lieferte mir damit einen Beweis für meine vage Intuition, dass es zu kurz greift, Korsetts per se mit Einschnürung und Unterdrückung gleichzusetzen.

Heute, nach der Lektüre der Werke der berühmten Soziologin Eva Illouz, würde ich zu der Analyse von Valerie Steele gerne etwas ergänzen.  In ihrem Werk „Warum die Liebe weh tut“ argumentiert Eva Illouz, dass Schönheit und sinnliche Anziehungskraft in der patriarchalischen Gesellschaft über Jahrhunderte so etwas wie ein „erotisches Kapital“ darstellten. Diese auf dem Heiratsmarkt und in illegitimen Liaisons bewusst eingesetzte Währung ermöglichte es Frauen, einen sonst unzugänglichen ökonomischen oder sozialen Status zu erreichen. Bei diesem Tauschhandel wurden ihre sexuellen Bedürfnisse nur angedeutet und blieben oft unbefriedigt, was mit mangelndem Wissen über die weibliche Sexualität und mit rigiden Moralvorstellungen zusammenhing, welche die Sexualität nur innerhalb der Ehe legitimierten. Dennoch waren zumindest die Bindungswünsche der Frauen anerkannt und mit der Rolle der Ehefrau und Mutter ging  soziale Anerkennung einher.

Edmund Blair Leighton - Signing The Register
Edmund Blair Leighton 1920 – Signing The Wedding Register

 

Erotische Freiheit und fehlende Selbstbestimmung

Heute ist die Situation anders. Das fundierte Wissen über weibliche Sexualität ist vorhanden und gut zugänglich und die Einschränkungen der Religion sind weggefallen. Wie steht es aber um die weibliche Selbstbestimmung in den intimen Beziehungen in dieser neuen Epoche der Befreiung? Eva Illouz ist überzeugt, dass Frauen die grossen Verliererinnen der sexuellen Revolution sind. Sie haben heute zwar einen besseren Zugang zu Bildung und grössere Chancen auf beruflichen Erfolg, dennoch bleiben die grossen Reichtümer und somit die ökonomische Macht der Männer immer noch unangetastet. Die Tatsache, dass die Sexualität aus den Schranken der Ehe befreit wurde, Frauen aber ökonomisch benachteiligt blieben, half den Männern in den letzten 50 Jahren eine neue sexuelle Kultur herauszubilden, die sich vor allem an ihren Bedürfnissen nach Abwechslung, Bindungslosigkeit und Sexyness orientiert. Innerhalb dieser Kultur, die nach den Prinzipien des kapitalistischen Markts von Angebot und Nachfrage funktioniert, sind Frauen einer starken Konkurrenz untereinander ausgesetzt und haben keine Druckmittel um sich den männlichen Normen und Bedürfnissen zu entziehen. «Die Sexualität zu befreien, ohne die wirtschaftliche und politische Macht der Männer anzutasten, bedeutet, Frauen auf einem offenen und deregulierten Markt in eine strukturell prekäre Lage zu bringen.» – sagt Eva Illouz im Interview für Philosophie Magazin Nr.3/2018.

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Billiard-Spieler. Bild: Ewald Vorberg

Auch die junge Philosophin Margret Stokowski kommt in ihrem Buch «Untenrum frei» zu ähnlicher Schlussfolgerung: «Während wir glauben, wir hätten die Fesseln des Patriarchats längst gesprengt, haben wir nur gelernt in ihnen shoppen zu gehen». Dabei bezieht sie sich auf die Tatsache, dass sehr viele Frauen in den erotischen Begegnungen immer noch auf ihr erotisches Vergnügen verzichten. Dies bestätigen Psychologinnen und Sexologinnen wie Martha Meana, Peggy Orenstein, Tabea Freitag und Sandra Konrad, die sowohl mit reifen als auch mit jungen Frauen arbeiten. Die Forscherinnen machen darauf aufmerksam, dass vielen Frauen von heute der Zugang zum eigenen sinnlichen Empfinden fehlt. Oft wissen sie kaum, was sie wollen, und lassen sich deshalb auf sexuelle Praktiken ein, die ihnen keinen Spass bereiten. Sie täuschen den Männern ihre Erregung vor und stellen das eigene Vergnügen hintenan. Woran liegt es, dass viele Frauen selbst nach der sexuellen Revolution so bereitwillig Männer befriedigen und so wenig Engagement für die Erfüllung ihrer eigenen sexuellen Wünsche zeigen?

Psychologische Forschungen nennen unterschiedliche Gründe. Erstens sind viele Frauen immer noch überzeugt, dass sie durch sexuelle Unterwerfung das Interesse des Mannes gewinnen oder dieses erfolgreich aufrechterhalten können. Insbesondere, wenn es um die erste Verliebtheit geht, steht die Sexualität im Dienst der Bindung und wird unbewusst instrumentalisiert. Hier ist das eigene Vergnügen noch involviert, aber das erotische Potential wird oft nicht ausgeschöpft, weil Mädchen ihre Climax und all das, was zu ihr führen könnte, von ihren jungen Partnern nicht einzufordern wissen. Auch in Langzeitbeziehungen kommen viele Frauen nicht auf ihre Kosten, weil ihnen die Lust mit den Jahren abhandenkommt. Gefangen in dem Modell der monogamen Ehe, verzichten sie auf erregende Abenteuer und zwingen sich, die eheliche Pflicht auch ohne Lust zu erfüllen.

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Ein Hochzeitspaar. Roberto Donetta 1922

Als zweite Gruppe der Motive, weshalb Frauen auf die männlichen sexuellen Wünsche reagieren, auch wenn sie selbst dabei nicht erregt sind, nennen die Forscher Befriedigung unterschiedlicher sozialer Bedürfnisse. In vielen persönlichen Interviews und Fragebogen mit Heranwachsenden zeigt sich, dass vor allem Fellatio eine verbreitete Praktik ist, die nur von den Männern mit körperlicher Lust betrieben wird. Junge Frauen hingegen schildern sie als eine „unpersönliche Angelegenheit“ und sie vergleichen Oralverkehr sogar mit einem Zahlungsmittel, das ihnen besondere Dienste leistet. Ganz anders als vor 30 Jahren, als orale Stimulation noch als Zeichen einer ganz grossen Intimität galt.

Die Befragungen von Jugendlichen zeigen zwei Hauptmotive, weshalb junge Frauen Männer oral befriedigen, selbst wenn sie dabei weder emotionell engagiert noch erregt sind. Einerseits versuchen sie damit in Situationen grossen Drucks – bis hin zur Erpressung – den Partner mit oralem Sex zu besänftigen, ohne in den Geschlechtsverkehr einwilligen zu müssen. Die Häufigkeit, mit welcher sie diese Strategie anwenden, deutet daraufhin, dass männliche Dominanz im heutigen Dating sehr oft vorkommt und es den Frauen an anderen Mitteln, damit umzugehen, komplett fehlt. Zudem gibt es, aller Aufklärung zum Trotz, heute noch Frauen, die glauben, dass Männer aufgrund der hormonellen Unterschiede von der sexuellen Spannung befreit werden müssen und dass Verantwortung dafür einer Frau obliegt. Als zweites Motiv für ihre Fügsamkeit führen viele Mädchen an, dass eine Einwilligung in Fellatio ihnen „die richtige Art der Popularität“ unter den Männern einbringt und ihren Status in der Peer-Gruppe erhöht. Offenbar setzt hier die von Männern produzierte Pornografie bereits im Alltag die Standards dafür, was Frau für einen Mann interessant macht.

Gefragt nach ihrem eigenen Empfinden geben Mädchen zu, dass sie bei solchen Praktiken keinen wirklichen Spass haben. „But it’s definitely not the physical side of it, because that’s so gross and it really hurts my throat. I mean, it’s sort of fun getting in the rhythm of it. But it’s never fun fun”, meinte eine 18-Jährige, die von Peggy Orenstein interviewt wurde. Diese Haltung unterstützen bedauerlicherweise zahlreiche Frauenzeitschriften, indem sie nicht nur einfache Tipps für Fellatio abgeben, sondern auch – wie z.B. in der Online- Version von Glamour und Freundin – Frauen belehren, wie es möglich ist, sogar den Würgereflex abzutrainieren, um den berühmten „Job“ besser zu verrichten.

„Würde die Menschheit dieselben Anstrengungen in die Raumfahrt stecken, wie die Redaktionen von Frauenzeitschriften in Blowjob-Ratgeber, könnten wir längst zum Kaffeetrinken auf den Mars“ – bringt es Margret Stokowski auf den Punkt.

Auch ich betrachte die gegenwärtige Situation als höchst problematisch und alarmierend. Das grösste Potential der Sexualität liegt in der Reziprozität! Sexuelle Praktiken, in welchen männliche Bedürfnisse nach sexuellem Vergnügen selbstverständlich befriedigt werden, während die Frau ihre körperlichen und emotionalen Empfindungen gänzlich abspalten muss, um daraus irgendeinen sekundären psychischen oder sozialen Nutzen zu ziehen, kreieren ein ungesundes strukturelles Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Sie entfremden beide Agierende vom Glückspotential, das einer reziproken erotischen Begegnung innewohnt. Eine derartige Instrumentalisierung der weiblichen Sexualität untergräbt zudem die Integrität der Frau und zementiert die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen.

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“Orgasm is a human right”

Die erotische Anziehung zwischen den Menschen ist eine Urkraft. Von Anbeginn meiner Arbeit als Korsettdesignerin habe ich mich als Botschafterin dieser Kraft verstanden. Meine Korsetts sind dazu bestimmt, in den heterosexuellen Beziehungen die weibliche Verführungskraft zu bestärken. In meinen Kreationen sehen Frauen so aus, wie sie es sich wünschen und wie das männliche Auge es erträumt. Der begehrende Blick eines Mannes vermag dafür die weiblichen Sinne anzuregen. Hier stehen sich beide Geschlechter in ihrer vollen Potenz als gleich starke Wesen gegenüber. «Potent zu seinbedeutet, von der Möglichkeit in die Aktivität zu kommen», sagt Philosophin Svenja Flasspöhler in ihrem Essay «Die potente Frau» und sie fordert dazu auf, den in unserer Kulturgeschichte männlich konnotierten Begriff der Potenz neu zu definieren. Dies könnte damit beginnen, dass Frauen sich dazu entscheiden, ihr sexuelles Vergnügen aktiv einzufordern und darauf zu beharren, dass ihr Potenzial in sinnlichen Begegnungen sowohl Entfaltung als auch Kulmination findet.

Literatur:

The corset. A cultural history. – Valerie Steele
Warum Liebe weh tut. – Eva Illouz, Surkamp 2016
Girls & Sex: Navigating the Complicated New Landscape.– Peggy Orenstein, Paperback 2017
Die versteckte Lust der Frauen. – Daniel Bergner, Knaus 2014
Emotionale Gewalt durch Pornografie und frühe Sexualisierung. -Tabea Freitag in: Bindung und emotionale Gewalt – Karl Heinz Brisch(Hrsg.), Klett-Cotta 2017
Das beherrschte Geschlecht. – Sandra Konrad, Piper 2017
Untenrum frei. – Margret Stokowski, Rowohlt 2017
Die potente Frau: eine neue Weiblichkeit. – Svenja  Flasspöhler, Ullstein Verlag 2018

Eine Lesung zu dem Thema „Von Freiheit zur Selbstbestimmung“ veranstalte ich zusammen mit Julia Knapp am 9. Februar 2019. Weitere Informationen finden Sie hier.

«Von sexueller Freiheit zur Selbstbestimmung – eine Bestandesaufnahme» Lesung und Diskussion am 9. Februar 2019

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«Während wir glauben, wir hätten die Fesseln des Patriarchats längst gesprengt, haben wir nur gelernt in ihnen shoppen zu gehen», stellt die junge Philosophin Margret Stokowski in ihrem Buch «Untenrum frei» (Rowohlt, 2017) fest. Frauen geben sich der Illusion hin, über ihr Sexualleben selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen, während sie durch Erziehung, durch Medien und Ratgeber immer wieder geschickt gelenkt oder gar manipuliert werden.

Die Tatsache, dass in den Frauenzeitschriften Blowjob-Tipps Dutzende von Seiten füllen und die Kurse, die eine bekannte Sexboutique in Zürich zu diesem Thema neuerdings anbietet, ausgebucht sind, geben dieser Aussage recht.

„Würde die Menschheit dieselben Anstrengungen in die Raumfahrt stecken wie die Redaktionen von Frauenzeitschriften in Blowjob-Ratgeber, könnten wir längst zum Kaffeetrinker auf den Mars“ – bringt es Stokowski auf den Punkt – „und immer wieder wird Blasen wie etwas dargestellt, wo eine Frau eben durch muss (…) dem Mann zuliebe„. Gleichzeitig haben die jüngsten Forschungen ermittelt, dass lediglich  28 % Frauen beim Ausführen der Fellatio wirklich erotisches Vergnügen empfinden. Die Mehrheit sieht darin eine Pflichtübung und traut sich nicht zu, diese abzulehnen. Hingegen mögen 69 % der Frauen den Cunnilingus. Sie nehmen es sich aber nur selten heraus, diesen von Männern zu verlangen, auch wenn sie bereits wissen, dass das ein zuverlässiger Weg ist, um zu ihrem Orgasmus zu kommen.

Woran liegt es, dass viele Frauen so bereitwillig alle Tipps aufsaugen, die auf die Befriedigung des männlichen Begehrens ausgerichtet sind und viel weniger Engagement für die Erfüllung ihrer eigenen sexuellen Wünsche aufwenden? Wie Margret Stokowski konstatiert auch die Psychologin Sandra Konrad in ihrem Buch «Das beherrschte Geschlecht» (Piper, 2018), dass die weibliche Sexualität sich in den letzten dreissig Jahren nicht wirklich emanzipiert, sondern eher «maskulinisiert» hat; die von Männern produzierte Pornografie setzt Standards für unsere eigene Fantasien, wir vergrössern operativ unsere Brüste, üben Pole-dance und Striptease in Fitness-Studios und lassen uns im Namen der Freiheit auf unverbindliche, oft unbefriedigende Sexualkontakte ein.

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Demgegenüber gilt es, das weiterzuführen, wofür die Feministinnen der früheren Generationen gekämpft haben, und unsere eigenen Bedürfnisse als Frau wahrzunehmen statt uns unter einem neuen trügerischen Deckmantel der sexuellen Befreiung bereitwillig am Begehren der Männer zu orientieren. Namhafte Philosophinnen, Soziologinnen und Psychologinnen setzen sich in ihren neu erschienenen Werken mit den strukturellen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im Umgang mit der Sexualität auseinander und ermutigen uns, die Emanzipation voranzutreiben.

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Das Duo In flagranti – Beata Sievi und Julia Knapp – lädt ein zu einer Soirée im intimen Rahmen mit Kurzlesungen dieser brillanten Texte. Anschliessend findet eine moderierte Diskussion statt. Auch wir sind überzeugt, dass sexuelle Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung nicht dasselbe sind und dass der Schritt in die Selbstbestimmung sich nicht von alleine ereignen wird. Die gemeinsame Reflexion ist ein wichtiger Bestandteil, um in diese Richtung voranzugehen.

DATUM:  9. Februar 2019, 17 Uhr
ORT:  Beata Sievi`s Salon Bibliothek, Neuwiesenstrasse 97, 8400 Winterthur
PREIS: CHF 65 Neue Gäste / CHF 55 Salon Stamgäste (Snacks, 1 Glas Wein, Kaffee und Kuchen inklusive)
KONDITIONEN: Ihre Anmeldung wird per E-Mail bestätigt und ist verbindlich.
ANMELDUNG: salon@beatasievi.ch

februar 2019

 

 

„Lust und Freiheit“ – menschliche Sexualität zwischen Natur und Kultur

Dieser Artikel ist eine Einleitung zu dem gleichnamigen Vortrag den ich am 8. Mai für Freidenker/innen Verein in Winterthur und am 27.Oktober in meinem Salon gehalten habe.

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Anatomische Studie eines Geschlechtsaktes, Leonardo Da Vinci 1494

Sexuelle Empfindungen und sexuelle Aktivitäten hängen mit der Befriedigung zentraler menschlicher Bedürfnisse zusammen. Sie zeigen eine große Variationsbreite sowohl in der Intensität des Erlebens als auch im Spektrum des sexuellen Verhaltens. Das sinnliche Verlangen kann einen Menschen gelegentlich derart überwältigen, dass dieser für Stunden, Tage oder sogar Wochen das Gefühl hat, nicht mehr Herr seiner selbst zu sein.

Diese Heftigkeit des sexuellen Begehrens und die Vielfalt der Praktiken machen es oft schwer, die Grenzen zwischen >Normalität< und >Abweichung< eindeutig zu ziehen. Es ist deshalb nicht weiter erstaunlich, wenn uns genau dieses Problem seit Menschengedenken bewegt: Dichter und Denker waren vielfach damit beschäftigt, sexuelle Grenzerfahrungen in Worte zu kleiden, Maler und Bildhauer haben ihm bildliche Formen verliehen. Immer schon waren Mächtigere – seien es Stammesführer, Herrscher, Gerichte, Kirchen, Religionsgemeinschaften oder Wissenschaftler – darauf bedacht, Normen und Regeln für akzeptierbare Sexualität zu formulieren und diese durchzusetzen. Diese Vorschriften hatten nicht nur eine restriktive, sondern auch eine beschützende Funktion. Auch wenn der Mensch im Verlaufe der Geschichte die Fähigkeit zur Selbstreflexion entwickelt hat, begegnet er trotzdem in der Sexualität teilweise seiner biologisch-animalischen Natur.

,,Die kulturelle Überfärbung der sexuellen Antriebe gehört sicherlich ebenso  zu den ursprünglichen Kulturleistungen und Existenzerfordernissen des Menschen wie Werkzeug und Sprache, ja, es spricht nichts dagegen, in dieser Regelung  die primärere Sozialform jeglichen menschlichen Verhaltens zu erblicken.“ 
Helmut Schelsky

Der heute allgegenwärtigen Begriff »Sexualität« wurde erst 1820 vom Botaniker August Henschel (1790-1856) in einer Studie über die Vermehrung der Pflanzen in die Wissenschaft eingeführt. Heute ist die Sexualität des Menschen als eigenständiges Fachgebiet an den Universitäten etabliert.

In meinem Vortrag werde ich mich mit der Geschichte sexueller Anpassung im Abendland befassen. Zum besseren Verständnis, möchte ich zuerst auf die im Titel erwähnte Gegenüberstellung von Kultur und Natur eingehen.

"Natur", Bild: Ewald Vorberg
„Natur“, Bild: Ewald Vorberg
Zwischen Natur und Kultur
„Kultur“, Bild: Ewald Vorberg

Wenn wir die Einflüsse der „Natur“ gegen die der Kultur abwägen: Worüber reden wir eigentlich?

Entwicklung von Lebewesen, und so auch die Entwicklung des sexuellen Verhaltes lässt sich auf zwei Ebenen betrachten:

Die Phylogenese (wörtl. “Entstehung der Gattung”) ist die Entwicklung von Lebewesen im Sinne der biologischen Evolution und wird auch Stammesgeschichte bezeichnet. Hier fragen wir, ob dieser oder jener Unterschied der biologischen Veranlagung, der heute zwischen Frauen und Männern besteht, die Frucht einer „rein natürlichen“ Entwicklung des kulturellen Selektionsdrucks ist. Im Bezug auf Sexualität werden hier z.B die Auswahlstrategien für den Sexualpartner oder die Bedeutung von Orgasmus diskutiert.

Die Ontogenese auch als Individualgeschichte bezeichnet, ist die Entwicklung des Individuums vom Embryo zum Erwachsenen. Hier wird das Zusammenspiel von genetischen Anlagen und Kultur d.h. des sozialen Umfelds, in dem sich der Mensch entwickelt hat, untersucht. In Bezug auf Sexualität gehört hier z.B. die Frage der Entwicklung der Geschlechts-Identität, die Untersuchung frauenfeindlichen Einstellungen einer Gesellschaft oder Zusammenhang von Sexualität und Bindung.

Mein Vortrag beschäftigt sich vorwiegend mit dieser zweiten Ebene. Dabei vertrete ich eine Ansicht, jede Eigenschaft einer Person ein Resultat der Interaktion zwischen Natur und Kultur ist, ohne dass es möglich ist, ihre jeweiligen Anteile zu quantifizieren. Die Verschränkung zwischen, Evolution, Biologie und Kultur ist stets in Bewegung. Was uns bleibt, ist die Reflexion darüber, wie diese Faktoren in den verschiedenen Epochen zusammengewirkt haben. In meinem Vortrag werde ich vor allem untersuchen wie unsere Kultur von Antike bis zur Moderne unsere grundsätzliche Einstellung zu sexueller Lust prägte und geschlechtsspezifisch definierte. Ich bin überzeugt – zumal der Mensch seine Kultur stets neu erschafft – dass eine so verstandene Reflexion wichtige Hinweise für die Gestaltung unserer Sexualität heute und in der Zukunft ergeben kann.

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Der Sündenfall, Grosses Zittauer Fstentuch, 1472, Bild: Abegg Stiftung Riggisberg

THEMEN DES VORTRAGS IM ÜBERBLICK
TEIL 1. SEXUALITÄT IN DER KULTUR DES PATRIARCHATS

· Antike:   Entmystifizierung der heidnischen Sinnlichkeit
· Frühchristentum und im Mittelalter: Religiöser Eifer und Kultur der sexuellen Disziplinierung
· Sieg der Aufklärung: Sexualität wird zur Privatsache
· Aufstieg der sexuellen Freiheit und Libertinage – männliche Promiskuität und weibliche Tugend

TEIL 2. IRRWEGE UND ERRUNGENSCHAFTEN DER SEXUALLWISSENSCHAFT

· Verhängnisvolles Erbe von Dr.Kraft-Ebbing
· Errungenschaft des 21. Jh.: Korrekte Darstellung der weiblichen sexuellen Organe
· „Frauen sind von Venus und Männer sind vom Mars“ – Mythen über die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Sexualität aus neurobiologischer Sicht
· Übergreifendes neuroendokrines Regulationsmodell von sexueller Aktivität und Bindung und die Frage der sexueller Kontrolle
· Blick in die Zukunft: Welche Beziehungs-Modelle ergeben sich aus den neuen Erkenntnissen?

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Sexualakt, Griechenland, 500-475 v.u.Z Der Kranz des Mannes deutet daraufhin, dass es sich um eine Symposion-Szene handelt. Liebeskunst”. Museum Rietberg Zürich 2002

Dieser 1,5 Stündige Vortrag, der auch eine Power-Point Präsentation umfasst, kann bei mir gebucht werden. Senden Sie mir eine Anfrage an die Adresse: atelier@entrenous.ch

Gespräch mit dem Stein – oder die Erfahrung der Ohnmacht in Beziehungen

Gespräch mit dem Stein 4 - Brett - Hilke Knoblauch 2005

Text: Beata Sievi, Bilder: Hilke Knoblauch

Das Gedicht von Wislawa Szymborska „Gespräch mit dem Stein“ begleitet mich seit meinem 22. Lebensjahr. Ich schrieb es damals in mein Tagebuch hinein. Die Poesie gab in wenigen Worten eine existenzielle Erfahrung wieder, die mir vertraut war – die Erfahrung der Ohnmacht in Beziehungen. Vor kurzem entdeckte ich die Werke  der Künstlerin Hilke Knoblauch, die im Zusammenhang mit dem Gedicht  der polnischen Dichterin entstanden. Ein Zyklus von 18 kleinformatigen Arbeiten auf Leinwand greift auf Naturmaterialien wie Schiefer, Holz oder Rinde zurück und ist dem Thema der Ausgrenzung gewidmet.

Gespräch mit dem Stein 1 - Mach auf - Hilke Knoblauch 2005

Wislawa Szymborska

Gespräch mit dem Stein

Ich klopfe an die Tür des Steins. –
„Ich bin’s, mach auf. Lass mich ein,
ich will mich umschauen in dir, dich einatmen wie die Luft.
„Geh weg“, sagt der Stein. –
„Ich bin dicht verschlossen.
Sogar in Teile zerschlagen, bleiben wir dicht verschlossen.
Sogar zu Sand verrieben, lassen wir niemanden ein.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich komme aus reiner Neugier.
Das Leben ist meine einzige Chance.“

Ich möchte deinen Palast durchschreiten
und dann noch das Blatt und den Wassertropfen besuchen.
Ich hab nicht viel Zeit für das alles.
Meine Sterblichkeit sollte dich erweichen.
„Ich bin aus Stein“, sagt der Stein,
und muss gezwungenermaßen ernst sein.
Geh weg. Lachmuskeln hab ich keine.“

Ich klopfe an die Tür des Steins. –
„Ich bin’s, mach auf. 
Man sagt, es gibt große leere Säle in dir,
unbetrachtet, vergeblich schön,
taub, ohne ein Echo von irgendwessen Schritten.
Gib zu, dass du selbst nicht viel davon weißt.“
 
„Große und leere Säle – sagt der Stein – aber ohne Raum.
Schön, möglich, aber jenseits des Geschmacks deiner ärmlichen Sinne.
Du kannst mich kennenlernen,
du wirst mich aber niemals erkennen.
Meine ganze Oberfläche wende ich dir zu,
meine Innenseite wende ich von dir ab.“

Gespräch mit dem Stein 6 - Lötzinn- Hilke Knoblauch 2005

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich suche keine Zuflucht für ewig.
Ich bin nicht unglücklich. Ich bin nicht obdachlos.
Meine Welt ist eine Rückkehr wert.
Ich komme herein und gehe
mit leeren Händen wieder hinaus.
Und zum Beweis, dass ich wirklich da war,
zeig ich nichts vor außer Worten,
denen niemand Glauben schenken wird.“

„Du kommst nicht rein“, sagt der Stein.
Dir fehlt der Sinn der Anteilnahme.
Kein Sinn ersetzt dir den Sinn der Anteilnahme.
Selbst der bis zur Allsicht geschärfte Blick
nützt dir gar nichts ohne den Sinn der Anteilnahme.
Du kommst nicht rein,
hast kaum eine Ahnung von diesem Sinn,
kaum seinen Ansatz, eine Idee davon.“

Gespräch mit dem Stein 10 -Schiefer - Hilke Knoblauch

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich kann nicht zweitausend Jahre warten,
bis ich eintrete unter dein Dach.“
„Wenn du mir nicht glaubst“, sagt der Stein,
frag das Blatt, es wird dir dasselbe sagen.
Frag den Wassertropfen, er sagt dasselbe wie das Blatt.
Frag schließlich das Haar auf deinem Kopf.
Ich platze vor Lachen, vor großem Lachen,
vor Lachen, das ich nicht lachen kann.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.“
 
„Ich hab keine Tür“, sagt der Stein.

Gespräch mit dem Stein 6 - Lötzinn - Hilke Knoblauch

Ein Mensch spricht mit einem Stein. Auch wenn eine Türe bei Steinen in Wirklichkeit nicht vorkommt, wird im Gedicht an die Tür des Steines geklopft. Die polnische Dichterin, Wislawa Szymborska bedient sich der expressiven Kurzform – ihre knappen, aneinander gereihten Sätze, die eine unmögliche Situation ohne jegliche Erklärung behaupten, wirken realistisch und absolut. Sie legen eine Vermutung nahe, dass hier von der seelischen Dynamik zweier Menschen die Rede ist. Der eine Mensch sieht im anderen das Nicht- Vorhandene. Es ist sein eigener Wunsch nach Öffnung und Verbundenheit, der die Türe zum Inneren des anderen heraufbeschwört.
Der Stein des Gedichts ist trotz seines Steinseins, mit der Fähigkeit zum Sprächen ausgestattet. Auch hier werden knappe Sätze in der Alltagssprache formuliert, wodurch der Eindruck einer menschlichen Subjektivität und einer wahrhaftigen Auseinandersetzung entsteht. Die Sprache dient dem Stein allerdings nur zur Zurückweisung aller Annäherungsversuche. „Ich bin aus Stein“ – bekundet er in knappen Worten, wie jemand der sagt – „ Ich bin so“.
In mehreren Strophen beschreibt Szymborska eine Dynamik der verzweifelten Suche nach Nähe. Das lyrische Subjekt – ob Frau,  Mann oder Kind – lässt sich von der wiederholten Ablehnung nicht entmutigen, klopft an die Türe des Steins und bringt stets neue Argumente vor.

Gespräch mit dem Stein  - Nie mam drzwi - Keine Türe - Hilke Knoblauch

Gespräch mit dem Stein 2 - Natur - Hilke Knoblauch

Da der Stein männlichen Geschlechts ist und der Dialog an mancher Austausch unglücklich Liebender erinnert, entsteht beim Leser schnell der Eindruck, es könnte ein Gespräch zwischen einer Frau und einem Mann sein. Wer würde sonst die innere Schönheit des Steins erkunden wollen? Ihm seine eigene Schönheit bewusst machen? Als der Stein dennoch unberührt bleibt, zwingt sie sich selbst emotionslos wie er zu handeln – „Ich werde mit leeren Händen wieder hinausgehen“ – verspricht sie, wie eine Frau, die einem Mann vor der sinnlichen Begegnung zusichert, dass sie sich in ihn nicht verlieben wird. Verzicht auf Gefühle, um Gefühle zu wecken – was für eine paradoxe, demütigende Strategie wird durch die seelische Not erzeugt! Sogar die Bereitschaft zur Geheimhaltung wird betont – „Ich zeig nichts aussen vor“ verspricht die Verblendete, um den Stein für sich zu gewinnen und seine Angst vor Nähe zu beschwichtigen. Als Allerletztes legt sie ihre Vergänglichkeit als Argument in die Schale.
Es ist erstaunlich und schmerzhaft zu beobachten, dass die Frau auch dann nicht aufgibt, wenn sie ausgelacht wird. Auch wenn der Stein selbst ihr alle objektiven Gründe für die Unfruchtbarkeit ihres Strebens erklärt, klopft sie ein Mal mehr an seine innere Türe – und erfährt dabei die endgültige Abweisung. Ihr ersehntes Objekt führt ihr vor Augen, dass sie etwas übersehen hat – die vermeintliche Türe zu seinem Inneren existiert nicht.

Gespräch mit dem Stein 8 - Mach auf - Hilke Knoblauch

In der Psychoanalyse wird eine solche Dynamik als  Faszination mit einem abweisenden Objekt beschrieben und sie kann beiden Geschlechtern widerfahren. Ihr Ursprung liegt in der Kindheit.
Wenn die Bindungsbedürfnisse und die Notwendigkeit affirmativen Austauschs von den Eltern nicht erfüllt werden, findet eine pathologische Abkehr von der äußeren Realität statt. Statt der tatsächlich frustrierenden Begegnung mit seiner Bezugsperson, phantasiert das Kind ein gutes inneres Objekt. Dies erlaubt einerseits, die Erfahrung der Ohnmacht zu vermeiden, anderseits muss die Bezugsperson, auf die ein Kind angewiesen ist, nicht als schlecht gedacht werden.
Später manifestieren sich solche verinnerlichten Beziehungs-Strukturen als eine Barriere zwischen verschiedenen Ebenen des Geistes, so dass zum Beispiel eine unangenehme Wahrheit oberflächlich akzeptiert, aber in einem tieferen Teil der Psyche geleugnet wird. Die Art und Weise, wie man unerwünschte Gedanken und Wahrnehmungen ersetzt, ist meist ein unbewusster Prozess, und es sind immer mehrere Faktoren, die eine solche Fähigkeit und die Wahrscheinlichkeit, dies zu tun, beeinflussen.
Franz Kafka hat von seiner Ohnmachtserfahrung angesichts nicht erfüllter Wünsche nach Zuneigung und Fürsorge in seinem „Brief an den Vater“ berichtet: „Nun bist Du ja im Grunde ein gütiger und weicher Mensch, aber nicht jedes Kind hat die Ausdauer und Unerschrockenheit, so lange zu suchen, bis es zu der Güte kommt.“
Das lyrische Ich im Gedicht von Szymborska hat diese Ausdauer und Unerschrockenheit gehabt. Und es ist daran gescheitert.

Gespräch mit dem Stein 15 - Bleiblech - Hilke Knoblauch

Das Gedicht „Rozmowa z kamieniem“ wurde ins Deutsche von Karl Dedecius übersetzt und ist zu finden in: Hundert Freuden, Wislawa Szymborska, Suhrkamp 1996.

Der gesamte Zyklus von 18 Arbeiten zu dem Gedicht von Wislawa Szymborska und weitere Informationen über Hilke Knoblauch finden Sie auf diesem Homepage.  Die Kunstwerke wurden im Rahmen einer Ausstellung „Focus Szymborska“ in der Inselgalerie in Berlin 2005 gezeigt und stehen derzeit bei der Künstlerin zum Verkauf zu Verfügung.

Gespräch mit dem Stein 15 - Bleiblech - Hilke Knoblauch, 2005

 

Die weibliche Lust: Was will die Frau?

Am 3. Februar war Dr. Eliane Sarasin zu Gast in meinem Salon. Sie hielt einen Vortrag über die weibliche Lust. Auf Wunsch von den Salon-Gästen hat Dr. Sarasin die Zusammenfassung Ihres Vortrags in Form eines Blogartikels zu Verfügung gestellt.

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Bild: Ewald Vorberg

Von Eliane Sarasin Ricklin, Zürich 2018

Die weibliche Lust gilt als noch wenig entdeckter Kontinent in der Sexualforschung. Bereits Sigmund Freund sagte am Ende seiner Karriere: «Die grosse Frage, welche ich auch nach 30 Jahren Studium der weiblichen Seele nicht beantworten kann ist: Was begehrt das Weib?» Diesen rätselnden Blick haben auch heute fast 100 Jahre später noch viele Männer und nicht selten auch die Frauen selbst. Die weibliche Lustlosigkeit ist der häufigste Grund, weshalb Frauen eine sexualmedizinische Beratung aufsuchen.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Zur Geschichte der weiblichen Sexualität

Die Sexualität ist immer vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Zeitepoche zu sehen und dementsprechend auch in stetem Wandel: Angefangen von der Antike bis zur heutigen Gegenwart kennzeichnet die weibliche Sexualität ein Mix von Faszination aber auch Angst und Repression.

In der Antike genoss die Sexualität der Frau durchaus ein hohes Ansehen. Galen, ein griechischer Arzt, vertrat gar die Ansicht, dass der Orgasmus der Frau die Voraussetzung für eine Empfängnis sei. Mit dem Christentum veränderte sich die Sichtweise deutlich. Es beginnt schon damit, dass Eva Adam mit dem Apfel verführte und so verantwortlich für die Vertreibung aus dem Paradies ist. Im Kontrast dazu empfing die reine Maria den Sohn Christi unbefleckt, also keusch. Die weibliche Lust resp. die weibliche Verführung galten als gefährlich. Die Hexenverbrennungen im Mittelalter und der Keuschheitsgürtel zeugen von dieser Sichtweise. Die Sexualität der Frau wurde ins Korsett der Ehe gezwängt. Statt Vergnügen bedeutete Sex eine eheliche Pflicht zur Sicherung der Nachkommenschaft. Diese Einstellung hielt sich bis ins letzte Jahrhundert. Die grosse Veränderung kam mit der sexuellen Revolution Ende der 60er-Jahre. In dieser Zeit kam es zur Auflehnung gegenüber den die Sexualität betreffenden moralischen Gebote und Verbote. Der Ruf nach freier Liebe auch für die Frau wurde durch die Erfindung der Pille unterstützt und erstmals war eine Trennung von Sex und Reproduktion möglich.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Was wissen wir eigentlich darüber, was Frauen zu Sex motiviert?

2007 wurden über 1000 Frauen auf einem amerikanischen Campus befragt, aus welchem Grund sie Sex haben und es fanden sich 237 verschiedene Gründe! Hier eine kleine Auswahl: Aus Einsamkeit, aus Liebe, weil er so gut riecht, weil er so gut aussieht, um ihn zu binden, aus Rache, um Eifersucht zu wecken, aus Pflichtgefühl, aus Langeweile, weil ich mir einen Orgasmus verspreche, aus Neugier, gegen Geld, für Statuszuwachs, für’s Selbstwertgefühl, aus Lust an Unterwerfung, um Macht auszuüben, als Schlafmittel, zur Unterstützung der Diät, um Kinder zu zeugen, als Belohnung für den Hausputz, damit er sich wohl fühlt, für ein paar neue Schuhe…Deutlich resultiert, dass es nicht immer um Liebe und Bindung (etwas, was man Frauen ja meist nachsagt) sondern sehr wohl auch um körperliche Lust oder eben auch um Sex als «Mittel zu Zweck» geht.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Aus der Forschung kennt man verschiedene Pole, zwischen denen sich die weibliche Lust in einem Spannungsfeld bewegt:

Die beziehungsmotivierte Lust gegenüber der selbstbezogenen also autozentrierten Lust

Insbesondere bei jüngeren Frauen wie auch «jüngeren» Beziehungen steht oft der Wunsch nach Nähe und Intimität zum Partner im Vordergrund, wenn Frauen sich auf Sex einlassen. Es gibt jedoch sehr wohl auch eine selbstbezogene- insbesondere auf den eigenen Körper bezogene- Lust auf Sex. Frauen können durch verführerische Kleidung und Auftreten ihre Lust positiv beeinflussen, indem sie die männliche Aufmerksamkeit wecken. Das gleiche gilt für Fantasien, in denen Frauen sich selbst als «Objekt der Begierde» erleben. Dazu passen die häufig berichteten Überwältigungsfantasien von Frauen oder Sexszenen mit mehreren Männern, welche auf den ersten Moment doch etwas stossend wirken können. Erregend empfinden die Frauen den Gedanken des Kontrollverlusts, des Ausgeliefert seins. Nicht dass diese Fantasien in die Realität umgesetzt werden wollen!! Nichtsdestotrotz weiss man heute, dass das Skript «ich bin so unwiderstehlich, dass die Männer nicht anders können, als mich zu packen» für Frauen enorm luststeigernd ist. Dieser Aspekt wurde sehr lange von der Sexualforschung ausgeblendet, da er in der Zeit der emanzipierten, selbstbewussten und unabhängigen Frau nicht passend erschien. Um ein Lustobjekt zu sein, braucht es den männlichen Blick und davon ist die Frau viel abhängiger als es dem Feminismus lieb ist.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Zwei weitere gegenüberliegende Pole sind das Begehren und begehrt werden als eigene und bereits befriedigende Qualität und der sexuelle Akt aus einem nichtsexuellen Motiv

Während beim Mann die sexuelle Lust auf den sexuellen Akt zielt und -falls nicht möglich- in Frustration endet, so muss dies bei der Frau nicht so sein. Aus Interviews mit Frauen weiss man, dass nicht immer Geschlechtsverkehr oder Orgasmus deren angestrebtes Ziel des sexuellen Begehrens ist. Die sexuelle Lust kann als Zustand für sich bereits befriedigend sein. Die Luststeigerung durch den begierigen Blick des Mannes, diesen zu geniessen ohne es jedoch zum Vollzug kommen zu lassen, kann durchaus als hohes Potential der Selbstbestimmung gedeutet werden.

Die männliche Logik funktioniert mehr nach dem «wer A sagt, der muss auch B sagen». Die Frau hingegen, wenn sie A sagt, möchte neu entscheiden, ob sie auch B sagt. Dies kann nicht selten zu Verwirrung und Frustration beim Gegenüber führen. Die Neuevaluation vor dem «B-sagen» liegt auch darin, dass die Gefahren von Sex (Schwangerschaft, Infektionen) für die Frau deutlich grösser sind als für den Mann.

Das Gegenteil von der Lust ohne es zum Sex kommen zu lassen ist der Sex, welcher ohne Lust begonnen wird.

Bereits am Anfang dieses Jahrtausends entwickelte Rosmary Basson ein Modell der weiblichen Sexualität, welches als Alternative zum klassischen linearen Modell von Masters&Johnson «Lust – Erregung – Orgasmus – Auflösung» gesehen wird. Sie berücksichtigt die Beobachtung, dass viele Frauen sexuelle Aktivität aus einem Standpunkt der sexuellen Neutralität also ohne Lust beginnen. Deren Motivation ist nicht ein innerer Lustimpuls sondern eine Belohnung im Sinne von Nähe oder Beziehungserhaltung. So kann sich die Lust erst nach der körperlichen Erregung also während dem Akt einstellen.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Zum Schluss noch das Dilemma zwischen Autonomie und Bindung: Die Lust in Langzeitbeziehungen

Im Verlauf längerer Partnerschaften berichten Paare häufig über eine abnehmende Sexualität. Wichtig ist, dass dies weniger mit dem Alter der Partner zu tun hat als mit dem Alter der Beziehung. Frauen beklagen früher und öfter den Rückgang der Lust als Männer.

Es zeigen sich 3 Hauptgründe:

1. Die Institutionalisierung der Beziehung: Sex wird zur legitimierten Pflicht, es fehlt das aufregende, heimliche, neue vom Anfang der Beziehung

2. Schwierigkeiten mit Rollenwechsel zwischen der de-sexualisierten Rolle der Hausfrau, Mutter und/oder Berufsfrau hin zur lustvollen Geliebten

3. Übervertrautheit: Sex wird vorhersehbar und nicht mehr erregend.

Dazu passt die Formel von Jack Morin, einem amerikanischen Sexualtherapeuten: Erregung= Anziehung + Hindernis. Erotik braucht ein Hindernis, etwas fremdes, eine Schwierigkeit, welche überwunden werden muss. Dies macht eine erregende Dramaturgie aus! Frauen scheint es noch schwerer zu fallen als Männern, zu begehren, was sie bereits haben.

Abschliessend gilt festzuhalten, dass das sexuelle Begehren der Frauen je nach Lebensphase und Kontext unterschiedlich sein kann. Die Lust in der Eroberungsphase zu Anfang der Beziehung ist meist kein Problem, in Langzeitbeziehungen nährt sich diese aus Momenten der Überraschung und der Fremdheit.

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Bild: Evald Vorberg

Literatur:

Guter Sex trotz Liebe, Ulrich Clement 2015; Wild Life: Die Rückkehr der Erotik in die Liebe – Esther Perele; Die versteckte Lust der Frauen: Ein Forschungsbericht, Daniel Bergner, 2014.

Dr. Eliane Sarasin Sie ist als Sexualtherapeutin in Brust-Zentrum Zürich tätig. Sie wird  voraussichtlich am 2. Februar 2019 mit einem Vortrag über den weiblichen Orgasmus wieder ein Gast in meinem Salon sein.

Ich bedanke mich bei Ewald Vorberg für die wunderschönen Bilder, die in meinem Blog als Illustration des Thema „Weibliche Lust“ zu ersten mal öffentlich publiziert werden. Weitere Informationen über den Fotograf sind hier zu finden: www.evaldvorberg.de.