Kollaborative Kraft

Text: Beata Sievi

Ende September 2020 übernahm ich die Leitung eines kreativen Ateliers in einer der Stiftungen, die sich im Kanton Zürich um die Arbeitsintegration junger Erwachsener kümmert. Die erste schöpferische Aufgabe innerhalb des dreimonatigen Programms, die ich den Teilnehmern stellte, war eine gemeinsame künstlerische Aktion. Die Gruppe von 14 Personen bekam eine Aufgabe, gemeinsam eine Installation zum Thema „Was ist für mich wichtig im Leben?“  zu gestalten und zwar in Form eines grossen Puzzles. 

Auf die Idee zu diesem Projekt kam ich während meinen ersten Recherchen über collaborative art, als ich meine Laufbahn im sozialen Bereich begann. So erfuhr ich über das „Collaborative Puzzle Project“, das 2009 von den Künstler*innen Tim Kelly, Marie Maber und Sandy Taylor während des Jugendfestivals in Brookdyle lanciert wurde. Die Teilnehmer*innen des Festivals bekamen damals die Aufgabe, 60cm x 60cm grosse Puzzle-Stücke kreativ zu gestalten. Die thematische Vorgabe lautete: „Show me, what is meaningfull for you“ – zeige mir das, was dir im Leben wichtig ist. Für die Gestaltung standen Farben, Farbstifte, verschiedene Papiere und Printmedien zur Verfügung. Die Aufgabe stiess auf grosses Interesse und  weckte positive Energie, so dass innerhalb von zwei Tagen eine grossflächige Installation entstand. Die wohlwollende Resonanz hielt auch nach dem Festival an. Immer mehr Gruppen und Institutionen wollten ihre eigene gemeinsame Puzzle-Installation gestalten und Tim Kelly wurde zum international bekannten Botschafter des Projekts. Mittlerweile wurden unter seiner Anleitung in vielen unterschiedlichen Räumen und Ländern ca. 10 000 Puzzleteile zusammengestellt. Eine Menge, die aufeinander gestapelt, gleich gross wie Empire State Building wäre. 

Tim Kelly und seine Puzzle-Stücke

Die Puzzle-Installation ist nur ein Beispiel für die in den letzten zwei Jahrzehnten populär gewordene collaborativ art. Diese Kunstform halte ich für ein sehr geeignetes Medium, um zwischenmenschliche Verbundenheit zu stiften. Insbesondere in den Institutionen, in denen sich die meisten der sozial benachteiligten Menschen stark auf ihr eigenes Unglück konzentrieren.

Vik Muniz – künstlerischer Projekt mit den Mitarbeiten der Mühlhalde Gramacho

In den letzten zwei Jahrzehnten widmeten sich immer mehr Künstler der collaborative art, weil sie bewusst mit dem Modernismus und der für ihn charakteristischen elitären Rolle des Künstlers bricht. Künstler*innen wie Wendy Ewald oder Vick Muniz, arbeiten als Vermittler*innen mit Gruppen ausserhalb des künstlerischen Milieus und mit Menschen, deren Werke normalerweise keinen Platz in Museen oder anderen Ausstellungsräumen finden – Kindern, Senioren, Nachbars-Gemeinden, ethnischen Minderheiten oder Deponie-Arbeitern. Sie kreieren Kunst nicht für, sondern mit den Gemeinschaften und integrieren alle Beteiligten in die künstlerischen Gestaltungsprozesse. 

El Anatsui – Konstruktion aus Schraubverschlüssen der alkoholischen Getränke
El Anatsui – Konstruktion aus Schraubverschlüssen der alkoholischen Getränke

Der nigerianische Künstler El Anatsui, dessen Ausstellung „Triumphant Scale“ kürzlich im Kunstmuseum Bern zu sehen war, beschäftigt jeweils 20 bis 30 Studioassistenten gleichzeitig, um seine monumentalen Arrangements aus Flaschenverschlüssen zu realisieren. „Einheiten“ mit ca. 200 Flaschenverschlüssen werden von jedem einzelnen Assistenten, der entweder ein Kunststudent oder ein einfacher Dorfbewohner ist, mit Kupferdraht zusammengebunden. Diese Blöcke werden anschliessend auf den Boden gelegt, wo verschiedene Kompositionen und Arrangements ausprobiert werden können. Jedes Stück hat seinen Platz und ist auf wundervolle Weise mit anderen verbunden – ein langer Prozess des Aufbaus, der Dekonstruktion und des Wiederaufbaus, der allen Beteiligten kreative Kontrolle über ihr Handwerk gewährt. Solche Projekte hängen in der Regel mit progressiven Bildungstheorien und radikalen demokratischen Einstellungen zusammen. 

Auch in meinem Puzzle-Projekt war die Herausforderung nicht nur künstlerischer sondern auch handwerklicher Natur. Nachdem die Bestellung der vorgefertigten leeren Puzzlestücke direkt bei Tim Kelly kurz vor dem Programmbeginn ins Wasser gefallen war, blieb mir nichts anderes übrig, als nicht nur die Gestaltung sondern auch die Vorbereitung – den Zuschnitt der Puzzlestücke – zum Teil des Projektes zu machen. Nachdem ich eine Handstichsäge sowie Kunststoff-, Sperrholz- und Spannplatten eingekauft habe, verbrachte ein Wochenende mit dem Experimentieren. Der Kurvenschnitt wurde leider bei keinem Material wirklich genau und es war vor allem sehr anstrengend und zeitaufwändig! Am Schluss entschied ich, meine Programm-Teilnehmenden dazu aufzufordern, die Puzzleteile mit einem starken Cutter aus Altkarton auszuschneiden. Dazu reichten zwei Muster aus Kunstschaumstoff, die ich in hinreichender Genauigkeit mit der Handstichsäge fertigte. Zum Glück erhielt ich rechtzeitig per E-Mail von Tim Kelly die Puzzlegrafik in der Originalgrösse, die ich als Muster verwenden konnte, und ich fand gerade rechtzeitig genügend grossflächige Kartonschachteln in der Abfallsammlung der Winterthurer Altstadt.

Puzzlestücke von der Mustervorlage abzeichnen und ausschneiden – ein Teamwork
Handwerkliche Herausforderungen
Das Zusammenkommen in der Gruppe
Besprechung des Vorgangs und wichtige Gruppenentscheidungen

Der grosse Reiz der kollaborativen Kunst liegt im Erleben der Gemeinschaft und in der neuartigen Definition der Künstlerrolle. Hier werden die Kunstwerke nicht von einer einzelnen Person, sondern von einer Gruppe oder einem Kollektiv erschaffen und alle sind dazu angehalten, zu dem gemeinsamen Werk auf eine bedeutsame Art beizutragen. Es handelt sich nicht um blosses Zuliefern der einzelnen Komponenten, sondern um eine Form der geistigen Zusammenarbeit, die von allen Beteiligten einen schöpferischen Beitrag und gemeinsame Entscheidungen erfordert. In meinem Puzzle-Projekt wurde gemeinsam über den Zuschnitt von Puzzleteilen und über die Art und Weise, wie das grosse Werk im Raum installiert werden soll, entschieden. Die Gestaltung der Stücke hingegen stellte den individuellen und unverwechselbaren Beitrag jedes Einzelnen dar.

Individuelle Gestaltung des Puzzlestücks
Gestaltung des Puzzles zum Thema: „What is meaningfull for you“ unter der Anleitung von Beata Sievi

Das Puzzle-Projekt wurde meine erste wirklich erfolgreiche Erfahrung mit collaborative art. Ich war sehr erleichtert, als sich die Gruppe auf die Aufgabe ohne grosse Skepsis einliess und als die Teilnehmer innerhalb von 3 Stunden die benötigten Puzzleteile ausgeschnitten hatten. Da ich anfänglich die Selbstorganisation nicht zu stark beeinflussen wollte, verlief die Planung für die Puzzle Verteilung und spätere Zusammenstellung lediglich mit Hilfe einer handgefertigten Skizze mit den Initialen der Beteiligten. Dies erwies sich später als ungenügend und führte zu einem vorübergehenden Chaos: Beim ersten Zusammenführen der sorgfältig und individuell gestalteten Teile standen die meisten Bilder auf dem Kopf und wegen des ungenauen Schnitts konnte man ihren Platz nicht beliebig tauschen. Doch die Gruppe fand zum Glück eine Lösung, auch wenn sie mit Mehrarbeit verbunden war. 

Die Rolle der Projektleiterin, die ich anfänglich delegieren wollte, musste ich letztendlich entschieden und definitiv selbst besetzen, um die Informationsflüsse zu gewährleisten. Die Gruppe arbeitete an dem Projekt während insgesamt 4 Wochen jeweils am Vormittag; an manchen Tagen alle zusammen, an den anderen unterteilt in zwei kleinere Gruppen. Es war immer wieder jemand krank, abwesend oder schlecht drauf, und öfters mussten die von einer Person angefangenen Aufgaben und erdachten Lösungswege von anderen weitergeführt werden. So hatten beispielsweise an der Holz-Konstruktion, die das gesamte Puzzle stützt und trägt, zwei verschiedene Duos an unterschiedlichen Tagen gearbeitet. Es war ein schöner Moment als ich vom Baumarkt zurückkam, wo ich in Eile per Velo die letzten Nägel holte, und die ganze Gruppe arbeitend vorfand. Ich erwartete, dass die Gruppe während meiner Abwesenheit eine längere Zigarettenpause einlegen würde. Doch ich täuschte mich – die gesamte Puzzle-Wand stand auf den Sockeln als ich das Atelier betrat. Die Jungs hatten nur noch auf die zusätzlichen Nägel gewartet,  um der Konstruktion mehr Stabilität zu verleihen.

Puzzle-Installation auf den Holzsockeln

Die individuelle Gestaltung eines eigenen Puzzleteils war für die meisten der persönlichste und freudigste Moment, dem ich genügend Zeit liess. Auch hier galt es, sich  durch Absenzen und Verzögerungen nicht irritieren zu lassen und abzuwarten, bis auch der letzte Teilnehmer mit seinem Werk fertig war. Berührend war, was beim Gedanken an die wichtigen Dinge im Leben in den Fokus geriet – Familie, Haustiere, Natur, Ideal der Freiheit oder aber auch Schwermut, Bewusstsein der Vergänglichkeit und persönliche Blockaden. Und wie die Themen durch die Puzlleform sogar physisch ineinander griffen. Auch wenn es mich bei diesen Aufgaben gelegentlich traurig machte, wenn einzelne sich mit dem vorgegeben Thema lediglich oberflächlich auseinandersetzten –  ich durfte es nicht beeinflussen.

Irma’s portrait, Vik Muniz, Szene aus dem Dokumentarfilm Waste Land

Ich dachte oft an Vik Muniz, der künstlerische Projekte auf Jardim Gramacho, der grössten Müllhalde von Rio De Janeiro, ins Leben rief. Im Dokumentarfilm von Lucy Walker „Waste Land“ sagt er: „Es geht um die Erfahrung, wie Kunst Menschen verändern kann, und um die Frage, ob sie das überhaupt kann. Ist das möglich, und wie wirkt sich das aus? Die Kombination von Kunst und Sozialprojekten ist für mich das Wichtigste. So holt man die Leute, und wenn auch nur für wenige Minuten aus ihrem gewohnten Umfeld heraus und zeigt ihnen eine andere Welt, eine andere Perspektive, aus der sie sehen können, wo sie stehen.“ Es klingt nach einem minimalistischen Ansatz, wenn sich der Künstler und Projektleiter tatsächlich nur mit diesem flüchtigen Moment der Berührung mit der Kunst zufrieden gibt. Es steckt jedoch ein Idealismus drin, an die verwandelnde Wirkungskraft der Kunst überhaupt zu glauben. Nun hatte Muniz mit seinen Projekten, zumindest bei einigen Müllhalden-Arbeitern von Gramacho, wahre und anhaltende Veränderungen angestossen. Ob dies die Kraft der Kunst bestätigt oder eher die Motivation der Teilnehmenden, aus dem realen Elend herauszukommen bezeugt, darüber kann spekuliert werden. In diesem Spannungsfeld bewege ich mich jedenfalls in meinem Arbeitsalltag. Nichts ist durch das Puzzleprojekt unmittelbar einfacher geworden. Oft begegne ich der Gleichgültigkeit gegenüber anderen künstlerischen Projekten oder sogar einem stumpfen Widerstand. Aber das Aufstellen des Puzzles erlebte ich als einen intensiven Moment der Verbundenheit und ich erinnere mich gerne daran. Die Installation steht jetzt an einem repräsentativen Ort und ist eine Zeugin unserer täglichen Bestrebungen im Leben weiterzukommen, die jede Person genauso wie das Puzzlestück auf ihre ganz individuelle Art gestaltet.

Puzzle-Installation als Beispiel der kollaborativen Kunst, Projektleitung: Beata Sievi

Falls Sie sich für das Puzzle-Projekt interessieren, Sie gern diese oder eine andere kollaborative Kunstinstallation realisieren möchten und Unterstützung oder detaillierte Informationen benötigen, schreiben sie mir bitte auf die Adresse salon@beatasievi.ch

„Worte, Worte, Worte“ – Collagen Beata Sievi

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Poesie der gefundenen Worte – Herta Müller

„Im Heimweh ist ein blauer Saal“. – Diesen mysteriösen Buchtitel, der zugleich eine Zeile aus Hertha Müllers Wort-Collage ist, entdeckte ich kurz vor Weihnachten unter den Geschenk-Empfehlungen der Zeitschrift Republik. – „Die Collagen von Herta Müller sind beides zugleich: Kunstwerk und Gedicht, Sprache und Bild, Spiel und poetischer Ernst“ las ich im Klappentext und bestellte sogleich das empfohlene Buch. Es stellte sich als eines der besten – und für mich folgenreichsten – Geschenke heraus, die ich mir je selbst gemacht habe!

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Bereits nach den ersten flüchtigen Blicken ins Innere des Buches überkam mich eine neue Gestaltungs-Euphorie. Wort-Collagen, dass könnte auch mein Weg aus Sprachlosigkeit werden. Nach Monaten des diplomatischen Schweigens gegenüber meinen Arbeitgebern, Kollegen, Dozierenden, Bekannten und Freunden fing ich an, über all das, was mich bewegt, empört oder belustigt mit den Wörtern und Wortgruppen der anderen zu sprechen. – In einer Art Dammbruch entstanden in kurzer Zeit mehrere Wort-Collagen – eine unerwartete und befreiende Wort-Lust gegen Frust.

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„Ultimo Tango“ – Collage von Beata Sievi, Januar 2020

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„Qualifikationsgespräch“ – Collage von Beata Sievi, Januar 2020

„Zudem sind die einzelnen ausgeschnittenen Wörter alle verschieden, jedes Wort ist ein anderer Gegenstand, vielleicht sogar ein Individuum.“ – schreibt Herta Müller in der Einführung zu Ihrem Collagen-Buch. “Das Aussehen, die unterschiedlichen Grössen, die Farbe, die Schrift sind für die Collage genauso wichtig wie die Bedeutung des Wortes. Im Grunde ist die Individualität der Wörter, die beim Tippen immer gleich aussehen, das Fesselnde an der Kleberei.“ – Ähnlich aufregend empfand auch ich die kreative Arbeit. Das ästhetische Potential und der künstlerische Anspruch einer Collage-Gestaltung eröffneten sich mir nach und nach und meine Arbeit wurde zunehmend sorgfältig. Die Wörter Sie zu neuen ungeahnten Konstellationen zusammenzufügen und dabei nicht nur auf Sinn und Spiel von Farben und Formen, sondern auch auf die Schönheit der gesamten Komposition zu achten, wurde zu einer neuen Herausforderung und bescherte mir mehrstündige Flow-Erlebnisse. „Es ist eine der intensivsten Kontakte mit der Sprache, weil man jedes Wort einzeln anfassen muss.“ – bringt es Herta Müller auf den Punkt. Da die Wörter aus vielen verschiedenen Zeitschriften stammen, tragen sie mit ihrer haptischen Vielfalt zur Sinnlichkeit der Texte bei.

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„Wunsch und Wirklichkeit“ – eine Collage anlässlich des 54-sten Geburtstags von Beata Sievi

„Je länger ich mit den Wörtern arbeitete, umso länger wurden die geklebten Texte.“ – berichtet Herta Müller über die Entwicklung ihrer Kunst. Es sei für sie mittlerweile selbstverständlich, mit gefundenen Worten zu schreiben. Anders als Herta Müller, die offenbar das Gedicht manchmal schon im Kopf entwirft und ihn anschliessend aus den ausgeschnittenen Wörter zusammensetzt, suche ich selten nach Ausdrücken, die sich bereits in meinem Kopf aneinander reihen, sondern lasse mich vom gefundenen Material und vom Zufall inspirieren.

Winterfeeling 2020

Das Ausschneiden und Sammeln der Wörter und Werbeslogans wurde bald zu einer wahren Liebhaberei. Sie trieb meine Aufmerksamkeit auf der Wort-Jagd durch noch so belanglose Werbeflyer und triviale Zeitungsberichte und verwandelte meine Zeit in den Warteschlangen und Wartezimmern dieser Welt in eine Entdeckungsreise, die stets neue Trophäen einbringt. „Der perfekte Total-Look“, „Heiraten soll Spass machen“, „Vertrauen zahlt sich aus“, „Bullshit-Erkennungskompetenz“ – Wort-Schätze, die darauf warten, noch einmal in Erscheinung treten zu können und in einem neuen Kontext ihre Wirkung zu entfalten.

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Mit der Zeit stiess Herta Müller auf das Problem der Aufbewahrung. Diese Schwierigkeit stellte sich auch bei mir ein. Die Autorin richtete sich ein Wortschränkchen mit alphabetisch angeordneten Schubladen ein, damit sie schnell ein Wort findet, wenn sie es benötigt. Im Unterschied zu ihrer Lösung, sind meine Wörter hauptsächlich nach Themen oder nach einem emotionellen Kolorit in separaten Schachteln angeordnet. Dennoch war auch ich gezwungen, zusätzliche Ablagen für Adjektive, Verben, Artikel und Präpositionen einzurichten, um die gefundenen Phrasen schneller miteinander verbinden zu können.

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Collagen Entwurf, Beata Sievi

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Zeitschrift der Kultur DU, Jahrgang 1962

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Collagen Entwurf, Beata Sievi

Im Zuge der Recherchen habe ich eine grosse Vorliebe für ganze Sätze und Werbe-Slogans entwickelt, die ich entweder nur in Fragmenten verwende oder aber ganz belasse und in einen neuen Kontext setze. Da ich eine grosse Sammlung alter Zeitschriften aus den Bereichen der Kultur, Mode und Kosmetik besitze, steht mir für meine Collagen ein umfangreiches Material zu Verfügung, der eine intensive und erkenntnisreiche Begegnung mit der Sprache der Werbung ermöglicht. Der Wandel der kulturellen Prägung von Geschlechter-Rollen, Berufsbildern sowie der postulierten und gelebten Werten wird augenfällig. Am stärksten fällt mir aber auf, wie die romantische Liebe und Intimität, früher als ein Refugium in einer kommerzialisierten Welt begriffen, von der kapitalistischen Wirtschaft einverleibt wurden. Die intimsten Sphären unseres Lebens unterliegen durch die Werbung einer permanenten Steuerung und einem von ihr ausgeübten subtilen oder offensichtlichen Konsumzwang. Solche Phänomene in meinen Collagen explizite sichtbar zu machen und ad absurdum zu führen, ist mir allergrösstes Vergnügen.

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„Zum Stand der Krise“ – Querschnitt aus den Zeitungen im März 2020

Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich eine Collage auch im Auftrag gestalten könnte – die Antwort ist natürlich – JA. Das dies möglich ist, beweisen persönlich gestaltete Geburtstags-Collagen als auch eine grossformatige Collage, die ich im Auftrag eines Teams anlässlich des Abschied vom beliebten Arbeitskollegen gestaltet habe – mit einem von vielen Personen zusammengetragenen Material.

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Abschieds-Collage im Auftrag eines Teams

Der Arbeitsaufwand einer Collage lässt sich erst dann ermitteln, wenn das Thema und die Grösse festgelegt sind. Zögern Sie nicht mich – am besten per E-Mail an salon@beatasievi.ch – einfach anzufragen! Für meine persönlichen Collagen habe ich, ausser diesem Blogbeitrag auch eine separate Unterseite eingerichtet, wo ich alle meine bisherige Collagen in der chronologischen Reihenfolge zeige und wo ich gelegentlich die Neuheiten ohne längere Kommentare publizieren werde.

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Collagen von Beata Sievi – auch auf Bestellung!

Kawabata – zwischen Verdinglichung der Frau und Sehnsucht nach Resonanz – Salon-Ansprache vom 29. Februar 2020

Am 29. Februar hat Thomas Blubacher aus dem Roman „Die schlafenden Schönen“ von Yasunari Kawabata in meinem Salon vorgelesen. In dem folgenden Blogartikel können Sie meine Einführung in den Abend, nachträglich um einige Reflexionen aus der Salon-Diskussion ergänzt, nachlesen.

Text: Beata Sievi, Lesezeit 20 Min

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Es ist eine kalte Winternacht, Januar 1985. Die Wanduhr in der obskuren Mansarde in dem Warschauer Proletarierquartier Zoliboz zeigt zehn Minuten vor Mitternacht. Eine junge Frau, die vor einigen Monaten aus Danzig zu ihrem Psychologie-Studium hierher angereist war, liegt auf dem Bett und lauscht dem durch die Ritzen des undichten Fensters eindringenden Wind. Es ist, als würde sie regungslos ihre Einsamkeit betrachten. In die Stille der Winternacht drängt sich auf einmal ein Radiogeräusch. Die tiefe Stimme des Moderators kündigt eine Lesung aus japanischer Literatur an. „Die schlafenden Schönen“ – ein Roman des in Polen bereits bekannten Nobelpreisträgers Yasunari Kawabata, der soeben ins Polnische übersetzt wurde. Er sollte in zehnminutigen Abschnitten jeden Tag vor Mitternacht vorgelesen werden. Die Studentin horcht und hört – 10 Minuten Begegnung mit einer fremden Einsamkeit – als Remedium gegen das eigene Alleinsein. Dies war meine erste Begegnung mit dem Roman, den ich im Rahmen einer Salon-Lesung bereits zum zweiten Mal, einem breiteren Publikum vorstelle.

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Polnische Ausgaben der Kawabata`s Romane: „Die Stimme des Berges“ und „Die schlafenden Schönen“

Den geheimnisvollen Namen des Bücherautors Yasunari Kawabata hatte ich bereits als Mädchen in der Bibliothek meiner Pflege-Mutter entdeckt. Die poetischen Titel wie „Schneeland“, „Tausend Kraniche“ oder „Die Stimme des Berges“ weckten meine Neugierde und ich begann die Bücher zu lesen, noch bevor ich alle Zusammenhänge verstehen konnte. Dabei erlag ich der Magie altjapanischer Traditionen und Mythen, sowie Kawabatas origineller Sprache. Seine Protagonisten sind oft von tiefen Emotionen der Liebessehnsucht und der Trauer bewegt. Da ihre Dialoge oft nach Andeutungen verstummten, verlor ich mich in Vermutungen darüber, was zwischen den beschriebenen Personen wirklich vorgefallen oder nicht vorgefallen war. Insbesondere faszinierte mich die verschlüsselte Art, wie man sich in diesem Kulturkreis gegenseitig Zuneigung zeigte. So konnte sich die Liebe zum Beispiel im Muster des getragenen Kimonos oder in einem Riss der handgefertigten Teeschale offenbaren, wobei die verliebte Person nie sicher sein konnte, ob derart kodierte Botschaft überhaupt vom Gegenüber verstanden wurde. Meine Faszination von diesen zaghaften und scheuen Gefühlsäusserungen gründete – wie ich es erst heute erkenne – in einer Sehnsucht nach Nähe gepaart mit einer tiefen Angst vor Ablehnung, die ich mit dem Autor teilte.

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Muster eines festlichen Tomesode Kimonos aus den 70-er Jahren.

Schon früh war für mich die imaginative Aktivität, die erlaubt, Erfahrungen und Emotionen der fiktionalen Charaktere nachzuvollziehen sehr wichtig. Die Literatur ermöglichte mir oft eine «Quasi-Erfahrung» von Situationen und Begegnungen mit fremden Menschen. Ich lernte ihre Motive zu verstehen, sie wurden allmählich zu Vertrauten. Heute teile ich diese Erfahrung mit meinem Salon-Publikum, in der radikalen Überzeugung, dass uns die Literatur, mit ihrem Appel an die Fähigkeit der empathischen Perspektiven-Übernahme, in eine neue Art von Menschen verwandelt. Auch mit ihren künstlerischen Mitteln der Sprache und der Metaphern erweitert sie stets den Horizont unseres Vorstellungsvermögens.

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Muster eines festlichen Obis getragen zum Tomesode Kimono.

Die Sprache Kawabatas orientiert sich sowohl an der traditionellen japanischen Literatur als auch an den modernen Einflüssen des europäischen Expressionismus. Doch keiner seiner Romane erinnert so stark wie „Die schlafenden Schönen“ an eines der ersten und bedeutendsten Werke der japanischen Literatur, Genji monagatari. Dieser aus dem 11. Jahrhundert stammende Text handelt vom leuchtenden Prinzen Genji, der sein Leben lang die Schönheit der Frauen aus unterschiedlichen Perspektiven, in immer wieder fortgesetzten und in einander verschachtelten Erzählungen beschreibt. In einer dieser Geschichten, die den Titel „Glühwürmchen“ trägt, wird die Prinzessin Tamakazura von Genji in einer bewölkten Viertelmondnacht in ein Zimmer geführt, um den Prinzen Hotaru zu begrüssen, der sie zu sehen begehrt. Tanakazura und Hotaru befinden sich im selben Zimmer, jedoch sind sie durch eine Art Seidenvorhang getrennt. Die Prinzessin weiss daher nicht, dass der Prinz sie gerade in dem Augenblick durch einen Spalt beobachtet, in dem Genji hinter ihr einen Schwarm Glühwürmchen aus einem Tuch entlässt. „Der Prinz überlegte, wo sich die Prinzessin wohl aufhalte, und hatte das Gefühl, ihr ein wenig näher zu sein. Klopfenden Herzens spähte er durch einen Spalt des wundervollen, feinen Seidenvorhangs und sah ganz unerwartet in weniger als zwei Meter Entfernung ein Licht aufblitzen, in dem sich ihm ihre Schönheit zeigte.“

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Leuchtkäfer (Hotaru), Kono Bairei (1844-1895)

Die überraschende Schönheit einer Frau, die im roten Dämmerlicht des mit Samtvorhängen umhüllten Zimmers noch geheimnisvoller erscheint, ist auch ein wiederkehrendes Motiv in den „Schlafenden Schönen“. Auch hier wird die Schönheit der Frau erst durch einen männlichen Betrachter erkennbar und sie weckt das Begehren, doch bleibt die Frau selbst unzugänglich. Die emotionale Unerreichbarkeit – ein für Kawabata charakteristisches Thema – und die Neigung des Autors zur Melancholie sind keineswegs lediglich eine literarische Manier, sondern hängen zusammen mit den tragischen Lebensumständen, die ihn schon früh geprägt hatten.

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Yasunari Kawabata

1899 in Osaka in eine gut etablierte Arztfamilie, hineingeboren, war Yasunari bereits als Vierjähriger verwaist und lebte danach bei seinen Grosseltern. Im Alter von 5 Jahren verlor er jedoch seine Großmutter. Seine ältere Schwester, die er nur einmal sah, weil sie bei anderen Angehörigen aufgezogen wurde, starb, als er 10 Jahre alt war. Den Tod des Grossvaters erlebte er mit 15 und danach lebte er kurz bei der Familie seiner Mutter, um bald darauf in ein weit entlegenes Internat einzuziehen.

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Yasunari Kawabata, 1946

Diese biografischen Details erklären, weshalb in so vielen von Kawabatas Werken eine Trennungssituation und ein Gefühl der Distanz eingewoben sind. Seine Figuren erwecken oft den Eindruck, dass eine unsichtbare Mauer um sie herum aufgebaut ist. In einem 1934 veröffentlichten Werk schrieb Kawabata: „Ich habe das Gefühl, nie die Hand einer Frau im romantischen Sinne gehalten zu haben[…] Bin ich ein glücklicher Mann, der doch Mitleid verdient?“. Ein unveröffentlichter Eintrag aus Kawabatas Tagebuch zeugt von einer besonders schmerzhaften Liebensgeschichte, die er im Alter vom 20 Jahren erlebte: Seine geliebte Hatsuyo Ito, wurde von einem Mönch in einem Tempel vergewaltigt, was sie dazu veranlasste, ihre Verlobung mit Yasunari zu brechen. Auch wenn er später Beziehungen mit Frauen einging und heiratete, – und ein erfolgreicher und über die Grenzen Japans gefeierter Autor wurde – 1968 erhielt Kawabata den Nobelpreis für Literatur – empfand er lebenslang eine tiefe emotionale Unsicherheit. 1972 setze er seinem Leben selbst ein Ende. Da er keine Botschaft hinterliess, kann über die möglichen Gründe für den Selbstmord nur spekuliert werden. Seine Biographen betonen die tiefe Trauer, die der Selbstmord seines Schriftsteller- Freundes Yukio Mishima bei ihm auslöste. Zweihundert Nächte hintereinander sollte Kawabata Albträume über Mishima gehabt haben und fühlte sich vom Geist des Verstorbenen verfolgt. In diesem Gemütszustand teilte Kawabata öfters seinen Freunden mit, dass er auf einer Reise manchmal hoffte, durch einen Flugzeugabsturz umzukommen.

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Nobelpreis Verleihung 1968

Die Auseinandersetzung mit Tod und Vergänglichkeit sind zentrale Motive in den „Schlafenden Schönen“. «Ein alter Mann ist nun mal ein Nachbar des Todes», offenbart Eguchi, Protagonist des Romans und sehnt sich danach, neben einer jungen Frau im geheimen Haus der schlafenden Schönen zu sterben. Das Haus ist nur für ältere Männer bestimmt und bietet junge Frauen im Tiefschlaf an. Eguchi verbringt dort mehrere Nächte neben immer anderen jungen Frauen und Mädchen. Eine zunächst für den Leser verstörende Idee?

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Bijinja von einem modernen Künstler Yasunari Ikenaga

Schlaf ist eine intime Angelegenheit; je tiefer er wird, umso mehr verlieren wir die Kontrolle, sind möglicherweise Blicken und Handlungen anderer, Nichtschlafender, ausgeliefert und wollen uns darauf verlassen, dass diese Asymmetrie nicht ausgenutzt wird. Indessen sind die Regeln des seltsamen Hauses, den wir im Roman kennenlernen, zwar vorgegeben, doch bleibt deren Auslegung letzten Endes den unbeaufsichtigten Besucher überlassen. Gleichermassen von der Sinnlichkeit tief Schlafenden und gänzlich verfügbaren Frauenkörper angezogen, wie von dem für die alten Männer beschämenden Arrangement, diesem „senilen Spiel“, wie er es nennt, abgestossen, sucht Eguchi dennoch in immer kürzeren Zeitabständen das Haus der schlafenden Schönen auf. Was veranlasst ihn, den in Liebesdingen höchst Erfahrenen dazu, immer wieder zurückzukehren? Was genau ist sein Begehren? Ist es nur der Wunsch, sich im Alter noch einmal an jungen Körpern zu erfreuen, ohne dabei in Gefahr einer Demütigung zu laufen?

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Shunga, Utamaro

Was aus Neugier auf einen sinnlichen Genuss für einige Stunden beginnt, lässt den alten Mann unaufhaltsam in ein experimentelles Begehren geraten. Es stellt sich schnell heraus, dass jede Frau andere Phantasien und andere Erinnerungen in ihm lebendig werden lässt. Die Gedanken an Frauen, die Eguchi in seinem Leben gekannt hat – die eigene Ehefrau, die Töchter, mehrere Geliebten, Prostituierten und Bekanntschaften einer Nacht – entfalten sich in weiten Assoziations-ketten, in denen Eguchi sich als Vater, Ehemann, Geliebter und Liebender in verschiedene Lebensphasen zurückversetzt sieht. Erst mit der Einnahme des bereitliegenden Schlafmittels kann er den oft schuldbeladenen Reflexionen jeweils ein Ende setzen.
Nicht herrscht hier also der alte, das Vergnügen suchende Mann, wie es anfangs aussieht, sondern die narkotisierten Frauen scheinen mehr und mehr über ihn zu verfügen. Dabei entfaltet ihre Schönheit eine höhere Macht über den Betrachter aus und bestätigt, was der englische Philosoph George Scruton in seinem Film „Why beauty matters“ sagt: „In der individuellen Wahrnehmung besitzt das Schöne stets eine überzeugende Kraft, der wir uns nicht entziehen können. Es spricht zu uns direkt wie die Stimme eines intimen Freundes“. Beim Eguchi wirkt die Begegnung mit der weiblichen Sinnlichkeit zuweilen wie ein schmerzvoller Stachel und lässt ihn zwischen dem Besitzwunsch und der Sehnsucht nach tiefer emotionaler Bindung schwanken. Selbst im tiefsten Schlaf spielen die jungen Frauen ihr ganz unterschiedliches Aussehen, ihren spezifischen Geruch und individuelles Gebaren, ihre eigenen Möglichkeiten aus und zwingen ihn, den versierten Liebhaber, sowohl seine Angst vor dem Verlust der sexuellen Potenz wahrzunehmen als auch sich mit dem lang Verschütteten, dem nicht Geklärten und nicht Eingestandenen auseinanderzusetzten.

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Shunga, Utamaro

Es ist ein psychoanalytisch anmutender Prozess, und oft eine qualvolle Seelenarbeit. Bei manchem Leser mag dieser psychische Schmerz eine allfällige moralische Empörung mildern. Die anderen werden an der Selbstverständlichkeit, mit welcher Kawabata die erotischen Verhältnisse innerhalb einer ausdrücklich patriarchalen Kultur darstellt, eher als befremdend empfinden. In ihrem Essay „Verdinglichung“ nennt die Philosophin Martha Nussbaum sieben Möglichkeiten, eine Person als Ding zu behandeln: Instrumentalisierung, Trägheit, Austauschbarkeit, Besitzverhältnisse, Leugnung der Autonomie, Negierung der Verletzbarkeit und der Subjektivität. Auch wenn das Haus der schlafenden Schönen – sollen wir ihn für einen Augenblick als eine reale Einrichtung betrachten – die meisten diesen Bedingung erfüllt und kritisch betrachtet werden muss, scheint der Protagonist, der diese Einrichtung in Anspruch nimmt, gerade von dem Wunsch getrieben zu sein mit den angebotenen Frauen in reziproken Kontakt zu treten und ihre Individualität und Handlungsfähigkeit zu erleben.

Vielleicht sollten wir den Roman von Kawabata als eine Parabel für eine Kultur betrachten, in welcher sich die Männer nach der erotischen Resonanz und Authentizität der Frauen sehnen, ohne zu erkennen, wie sie mit ihrem für Patriarchat charakteristischem Habitus, die Frauen ihrer erotischen Subjektivität berauben? In eine von diesen Widersprüchen geprägte Kultur wurde auch ich hineingeboren und auch mir erschien in meiner Jugend die Schönheit und Verführungskraft als eine Möglichkeit der Machtausübung. Wer sich dieser Macht allein verschreibt, wird der Konfrontation mit ihrer Fragilität und Vergänglichkeit nicht entkommen.

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„Wahre Schönheit“, Chikanobu Toyohara

 

„Die schlafenden Schönen“ und die Vergänglichkeit des Eros – Salon-Vorankündigung

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Holzschnitt von Kotagawa Utamaro

Meine Faszination mit der japanischen Kultur besteht seit meiner Jungend und wurde durch die Romane des japanischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Yasunari Kawabata geweckt, die ich als junges Mädchen in der Bibliothek meiner Pflegemutter fand. Die geheimnisvollen Titel wie „Schneeland“ , „Tausend Kraniche“ und „Die Stimme des Berges“ oder „Die schlafenden Schönen“ weckten meine Neugierde und ich erlag schnell der Magie altjapanischer Traditionen und Mythen und Kawabatas origineller Sprache. Seine Dialoge bestehen oft aus wagen Andeutungen, Bildfolgen sind gleichsam musikalisch komponiert. Seine Protagonisten sind meistens durch tiefe Emotionen der Liebessehnsucht und Trauer bewegt, doch bleibt ihr inneres Leben verborgenen und drückt sich höchstens symbolisch aus – im Muster des getragenen Kimonos oder in einer Teeschale, die man als Geschenk der geliebten Person überbringt.

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Kitagawa Utamaro, Sechs Schönheiten (Fragment)

Erst viele Jahre später entdeckte ich die Zeichnungen von Kitagawa Utamaro. Mit dem Beginn der Kansei-Zeit (1789–1819) schuf er eine Anzahl von Frauen-Porträts, die als bijin ōkubi-e bekannt wurden, also Bilder, in denen die Köpfe der Porträtierten das ganze Blatt einnehmen. Die Frauen in den Zeichnungen von Utamaro sind mit Detail-Reichtum dargestellt,  umfassen verschiedene Temperamente, soziale Klassen und offenbaren auch innere Zustände der Dargestellten. Damit unterscheiden sie sich von den idealisierten, ausdruckslosen Schönheiten, die das  populär gewordene Genre überflutet haben.

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Holzschnitt von Kitagawa Utamaro

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Holzschnitt von Kitagawa Utamaro, „Liebe für die Bauersfrau“ 1795

Bijin-ga gilt mittlerweile als Gattungsname für Holzschnitt – Darstellung ( ukiyo-e) von schönen Frauen, die jeweils dem zeitgenössischen Schönheitsideal entsprachen, unabhängig von der Entstehungszeit der Kunstwerke. Die Geschichte dieser Kunstgattung erlaubt die allmählichen Veränderungen des weiblichen Schönheitsideal in Japan zu verfolgen.

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Japanische Kunstdrucke, Frau bei der Anwendung des Puders, Hashiguchi Goyo , 1918

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Yasunari Ikenaga, zeitgenössicher bijin-ga Künstler, geb. 1965

Um meiner langjähriger Faszination mit der japanischen Kultur Rechnung zu tragen, habe ich 2005 für mich ein traditionelles japanisches Kostüm angefertigt, das aus einem festlichen Kimono, einem Unterkimono (nagajuban) und einem Obi besteht. Der Kimono wurde von mir, gemäss der japanischen Tradition, von Hand genäht, wobei die gesamte Kreation mehr als 50 Stunden Arbeit benötigte. Um das Kimono Tragen zu können habe ich mich von einer japanischen Kimonomeisterin unterrichten lassen. Auch die meisten japanischen Frauen wären nicht in der Lage, ohne weitere Hilfe einen Kimono korrekt anzuziehen. Die typische Ausstattung für Frauen umfasst normalerweise zwölf oder mehr einzelne Stücke, die jeweils auf eine bestimmte Weise angelegt werden müssen. Es gibt daher noch immer professionelle Kimono-Anlegegehilfen, die man vor allem für besondere Anlässe zur Unterstützung anstellen muss.

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Holzschnitt von Kitagawa Utamaro, Toilette

In der Literatur unternahm der Nobelpreisträger Yasunari Kawabata ein bemerkenswerter Versuch der Auseinandersetzung mit der weiblichen Schönheit und Erotik. Sein Roman „Die schlafenden Schönen“ aus dem Jahr 1960 fasziniert mich seit vielen Jahren und ich werde am 29. Februar 2020  in meinem Salon eine Lesung aus diesem Roman anbieten.

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Yasunari Ikenaga, zeitgenössicher bijin-ga Künstler, geb. 1965

Protagonist des Romans ist ein Mann an der Schwelle zum Alter wird von einem Freund in ein Freudenhaus besonderer Art eingeführt. Das Haus ist nur für ältere Männer bestimmt und bietet junge Frauen im Tiefschlaf an. Eguchi verbringt – in immer kürzer werdenden Abständen – mehrere Nächte neben immer anderen jungen Frauen und Mädchen. Eine jede weckt andere Phantasien, andere Erinnerungen an Frauen, die Eguchi in seinem Leben gekannt hat – an die eigene Ehefrau und die Töchter, an Geliebte, an Bekanntschaften einer Nacht. Im Mittelpunkt der Erzählungen steht die Beschreibung der Schönheit und Erotik der jungen Frauen, die Kawabata mit seinem geschulten Empfinden für Ästhetik gekonnt ausführt. Die Spannung entsteht, gerade weil zwischen Eguchi und den Mädchen immer eine Distanz bleibt und die Mädchen letztlich für ihn unerreichbar bleiben. Trotz der moralischen Bedenken, ob es richtig ist, neben wehrlosen, wie Spielzeuge für ihn hergerichteten Frauen zu schlafen, ziehen ihn die schlafenden Schönen immer wieder aufs Neue an und er ist geneigt herauszufinden, was es mit dem Freudenhaus auf sich hat. Doch ehe er das Geheimnis aufdecken kann, kommt es zu einer Katastrophe. Eine Geschichte, die in der patriarchalischen Kultur eingebettet ist und Fragen betreffend der Verdinglichung der Frauen aufwirft. Anderseits ist es eine Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit des Eros, die der heutigen Überhöhung aktiver Sexualität entgegenläuft und einen Zugang zu sinnlicher Melancholie eröffnet.

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Bijin-ga von dem modernen Künstler, Yasunari Ikenaga

Samstag, 29. Februar 2020, 17 Uhr – „Die schlafenden Schönen“ – Thomas Blubacher liest aus dem Roman von Yasunari Kawabata, Moderation und Kimonovorführung – Beata Sievi.
Ort: Beata Sievi`s Salon Bibliothek, Winterthur. Eintritt CHF 65 ( inkl. Konsumation). Anmeldung: salon@beatasievi.ch. (Der Salon ist ausgebucht, es besteht eine Warteliste)

„Unnahbar und ungestüm“ – Salon mit Vincenzo Todisco und dem „Eidechsenkind“ – 30. November 2019

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Junge mit Eidechse, Französische Malerei 19 Jh.

Kindheit hinterlässt nicht nur Spuren, sondern manchmal auch bleibende Narben. Da sich ein Kind den Ort, an dem es auf die Welt kommt und das soziale Umfeld in dem es aufwächst, nicht aussuchen kann, ist es oft gezwungen, angesichts widriger Umstände spezifische Überlebensstrategien zu entwickeln. Mit der Zeit drohen diese – einst in der Not funktionierenden Taktiken – zu festen Persönlichkeitsmerkmalen heranzureifen, die anderen Menschen fremdartig und unverständlich erscheinen. So ergeht es jedenfalls dem „Eidechsenkind“ aus dem Roman von Vinzenco Todisco, das von seinen Eltern – italienischen Gastarbeitern in der Schweiz der 60-er Jahre – über mehrere Jahre im Verborgenen gehalten wird und in einer Atmosphäre von Angst und emotionaler Entbehrung heranwächst.

Die Geschichten der versteckten Kinder, die durch das Rechtssystem der Schweiz nicht akzeptiert waren, sind – neben dem tragischen Schicksal der Verdingkinder – mit Schmerz, Scham und Schuld behaftet. Vinzenco Todisco nähert sich dem Thema mit grosser literarischer Intensität und erzählt eine Geschichte, die gleichzeitig über das Politische hinausgeht. Sein Eidechsenjunge ist ein Archetyp des Ausgestossenen und Sonderbaren – des „Anderen“ schlechthin und erinnert an den in der Literatur und im Film mehrfach präsentierte Fall des geheimnisvollen Findlings Caspar Hauser, oder an solche literarische Figuren wie der kleinwüchsige Oskar Mazerath aus der „Blechtrommel“ von Günther Grass und an Ben – das fünfte „Neandertaler-Kind“ aus dem Roman von Doris Lessing.

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Auch wenn in Todiscos Geschichte die sozialen und politischen Gegebenheiten als schicksalhafte Komponenten nicht von der Hand zu weisen sind, regt der Text auch eine weiterführende Reflexion an; Wie gehen wir heute, einige Jahrzehnte später, mit schwierigen Kindern um, die uns als Eltern, Pflegeeltern, Pädagogen, Lehrer und Therapeuten begegnen? Welche Herausforderung stellen Menschen dar, die sich nach Liebe und Bindung sehnen und diese gleichzeitig verhindern? Ist es gelegentlich sinnvoll der Empathie Grenzen zu setzen? Wie können wir zwischen den erworbenen und somit formbaren und den angeborenen Komponenten eines schwierigen Charakters unterscheiden?

Die Geschichte der Debatte über den Ursprung eines schwierigen oder gar „bösen“ Charakters reicht bis in die Antike, aber bis vor kurzem beruhte sie lediglich auf Beobachtungen und Spekulationen. Heute kann ein störendes Verhalten durch Erkenntnisse aus klinischer Erfahrung und empirischer Forschung, die auch Magnetoresonanztomografie einsetzt, differenzierter erfasst und erklärt werden. Insbesondre, wenn es um Aggression geht, hilft die von Neurobiologen James Blair – einem auf diesem Gebiet führenden Forscher – vorgeschlagene Unterscheidung zwischen der reaktiven und instrumentellen Aggression, die auf unterschiedlichen neurokognitiven Mechanismen beruht. Im Falle der ersten, die auch „affektive“ oder „impulsive Aggression“ genannt wird, ist es ein frustrierendes oder bedrohendes Ereignis, das die Wut und – in Folge – eine zerstörerische Entladung auslöst. Im Kontrast dazu ist die instrumentelle Aggression – auch „proaktiv“ genannt – zielgerichtet und absichtlich. Sie schliesst oft ausgeklügelte Strategien, die auf bewusstes Zufügen des Leids abzielen und bildet das wesentliche Merkmal der Psychopathie. Wie die Gehirnforschung zeigen konnte, entwickelt sich die letztere tatsächlich nur auf dem Hintergrund bestimmter genetischer Anomalien in der Amygdala und im orbito-frontalen Cortex, die das Erlernen einer angemessenen Reaktion auf Schmerz und Angst anderer Menschen bereits in frühem Alter wesentlich beeinträchtigen und somit den Sozialisatinsprozess erheblich erschweren.

James Blair betont dennoch, dass es verfehlt wäre jegliches störendes oder antisoziales Verhalten auf angeborene biologische Komponenten zurückzuführen. Und selbst in der statistisch sehr kleinen Population von Psychopathie Betroffenen, scheint erst die Kombination von ungünstigen genetischen Anlagen, fehlender elterlicher Fürsorge und antisozialem Milieu, zu vollen Ausbildung der Persönlichkeitsstörung zu führen.

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Im Roman „Eidechsenkind“ bleibt das Schicksal des vernachlässigten und in der eigenen Wut gefangenen Jungen ungewiss, was dem Leser Spekulationen über dessen mögliche Zukunft erlaubt. Wie erging es aber in Wirklichkeit den Menschen, die das Schicksal des Eidechsenjungen in mehr oder weniger ähnlicher Form tatsächlich erlitten hatten?

Vincenzo Todisco, 1964 als Sohn italienischer Einwanderer in Stans geboren, studierte Romanistik in Zürich und lebt heute als Autor und Dozent in Rhäzüns. Für sein literarisches Schaffen wurde er 2005 mit dem Bündner Literaturpreis ausgezeichnet. Im Rotpunktverlag liegen seine Romane in deutscher Übersetzung vor. Das Eidechsenkind ist seine erste Buchveröffentlichung auf Deutsch, mit der der Autor für den Schweizer Buchpreis 2018 nominiert war. Am 30. November ist er zu Gast bei Beata Sievi, wird aus seinem Buch vorlesen und mit dem Publikum diskutieren.

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DATUM: Samstag 30. November 2019, 19-21 Uhr, Eintrittspreis inkl. Verpflegung: CHF 65 (neue Gäste), CHF 55 (Stammgäste). Adresse: Neuwiesenstrasse 97, 8400 Winterthur Anmeldung: salon@beatasievi.ch

Weiterführende Empfehlungen von Beata Sievi:
Das Eidechsenkind, Vincenzo Todisco,  Rotpunktverlag 2018
Verbotene Kinder, Marina Frigerio, Rotpunktverlag 2014
Geschichte Pädagogik: von Platon bis zur Gegenwart, W.Böhm, Verlag C.H.Beck 2004
Bad Boys, Bad Men, Donald Black:  Oxford University Press, 2013
The Psychopath. Emotion and the brain. James Blair, Derek Mitchell, Karina Blair,  Blackwell Publishing 2005
„Systemsprenger“Filmprämiere am 19. September 2019

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Ghosting oder über die Notwendigkeit einer Abschiedskultur

Text: Beata Sievi, Lesezeit ca.30 Min.

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„Im Schmerz der Trennung ist das Bewusstsein von der Zerbrechlichkeit aller Beziehungen enthalten, das Bewusstsein von der Vorläufigkeit allen Erlebens und Teilens, allen Versprechens und Hoffens. Es ist ein Bewusstsein, ein ganz unsentimentales, einer letzten Einsamkeit. Würde ist eine Art, diese schmerzliche Erfahrung gut zu bestehen. Worauf kommt es dabei an?“

Peter Bieri

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Eine unerwünschte Trennung ist eine schmerzhafte Erfahrung. Sie bedeutet das Ende der Hoffnung, die wir in eine Beziehung und in einen Menschen gelegt hatten. Sie ruft das Gefühl einer existenziellen Einsamkeit hervor. Unter allen Formen der Entzweiung gibt es aber eine, die mehr Schmerz bereitet als alle anderen. Diese Art der Trennung verletzt unsere Würde. In der heutigen Beziehungskultur kommt sie so häufig vor, dass sie 2015 unter dem Begriff Ghosting ins Wörterbuch Collins und in die deutschsprachige Wikipedia aufgenommen wurde.
Ghosting bedeutet ein unerwarteter vollständiger Kontaktabbruch ohne Ankündigung. Es setzt einer intimen Beziehung, einer Freundschaft oder einem Flirt ein Ende – durch Funkstille. Kennzeichnend dabei ist die wortlose Verweigerung jeglicher Erklärung.
Der englische Begriff, der so viel wie «vergeistern» bedeutet, verharmlost das grosse psychische Leid, das dieses Verhalten bei den Verlassenen verursacht. Beschrieben wird Ghosting bis anhin vor allem aus der psychologischen Perspektive. Insofern es immer mehr um sich greift, haben wir es aber mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun, und ich will es deshalb auch aus einer moralphilosophischen Perspektive betrachten.

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Vom psychischen Leid schweigend Verlassener

Die Autorin Anne Witschorek, die selbst mit Ghosting konfrontiert wurde, behauptet, dass die Gewalt, welche die verlassene Person bei dieser Art der Trennung erlebt, nicht weniger stark ist, als wenn sie aus einem fahrenden Auto hinausgeworfen würde – «ohne Vorankündigung, auf gerader Strecke, ohne Tempolimit, bei Vollgas».
Niedergeschlagenheit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, Depressionen und Suizidversuche – das Leid der Trennung lastet auf Menschen, die von Ghosting betroffen wurden, schwerer und länger als bei allen anderen Formen unerwünschter Trennungen. Die Verlassenen machen sich zunächst grosse Sorgen, dass dem Partner etwas Schreckliches zugestossen sein könnte. Später, wenn klar wird, dass die Funkstille beabsichtigt ist, setzen die Spekulationen über die eigene Mitverantwortung am Geschehen ein. Irgendwann machen sich Verwirrung und Hilflosigkeit breit. Die Gehirnforschung erklärt die Symptome, die bei den Opfern des Ghostings auftreten, mit der Überaktivierung des „Social monitoring systems“. Dieses versucht, den massiven Stress, der durch den unerwarteten Kontaktabbruch ausgelöst wird, zu bewältigen und sucht die Umgebung und das Gedächtnis ununterbrochen nach möglichen Deutungen ab. Das einzige aber, was die verlassene Person in dieser Lage wirklich beruhigen könnte, ist die Erklärung, die vom anderen kommt. Erhält sie eine solche nicht, bleibt das Gehirn ruhelos. Die italienischen NeurowissenschaftlerInnen Giovanni Novembre, Marco Zanon und Giorgia Silani haben nachgewiesen, dass die Ablehnung und das soziale Ausgestossensein im Gehirn die gleichen Regionen aktivieren wie der körperliche Schmerz. Ghosting kann daher einen emotionalen Schaden verursachen, der dem körperlichen Missbrauch ähnelt.

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Ohnmacht und Demütigung

Was psychologisch als Zustand von Stress und Desorientierung beschrieben wird, bezeichnet der Philosoph Peter Bieri als Ohnmacht und Demütigung. «Jede Situation, in der uns Informationen fehlen, um uns zurechtzufinden, ist mit der Erfahrung der Ohnmacht verbunden», schreibt er in seinem Buch «Eine Art zu leben. Über die Vielfalt der menschlichen Würde». Wenn die Informationen nicht aufgrund eines Schicksalsschlags ausbleiben, sondern willent-lich vorenthalten werden, wird ein Mensch erst recht gedemütigt. Mit einer solchen Form der Demütigung haben wir im schweigenden Beziehungsabbruch zu tun. Er verletzt die Würde. Insbesondere dann, wenn sich der verschwundene Mensch dem Schmerz der verlassenen Person gegenüber gleichgültig stellt, und den Bitten um ein Gespräch oder eine klärende Nachricht mit einer erbarmungslosen Stille begegnet, und damit jegliche Abhilfe verweigert.
Um aus dieser demütigenden Situation herauszukommen, unternehmen die Ghosting-Opfer alles Erdenkliche. Auch wenn Aussenstehende davon abraten, suchen einige die persönliche Konfrontation, das einzige, was ihr Leid lindern könnte. Die Geschichten über die mutigen und originellen Einfälle, die darauf abzielen, die oder den anderen zum Reden zu bringen, könnten Bände füllen. Doch in einem unbegreiflichen Stupor gefangen, bleiben die Täter resistent gegen jeden noch so verzweifelten Mitleid-Appel. Erzwingt die verlassene Person doch eine Begegnung, wird sie wahrscheinlich ein erniedrigendes Schauspiel ertragen müssen. Gut möglich, dass sie als unbekannter Eindringling behandelt wird oder ihr die Türe wortlos vor dem Gesicht zugeschlagen wird. Die meisten Verlassenen ahnen die verletzenden Szenarien voraus und stellen ihr Bedürfnis nach Sicherheit in den Vordergrund. Sie verzichten deshalb auf das Suchen einer letzten Begegnung – und auf mögliche weitere Würde-Verletzungen.

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Ghosting als Verletzung der Würde

Die Würde gehört zu den höchsten Gütern des Menschen. Peter Bieri beschreibt sie als eine bestimmte Art, das menschliche Leben zu leben und als ein reziprokes Phänomen. Einerseits erhebt Würde den Anspruch, von anderen auf eine bestimmte Art und Weise behandelt zu werden, andererseits verpflichtet sie einen selbst, anderen Menschen gegenüber ebenfalls zu einer bestimmten Haltung.
Auch in intimen Beziehungen und in der Situation der Trennung gilt es gegenseitig auf die Würde zu achten, betont Bieri. Dies bedeutet zweierlei. Einerseits sind beide Partner einer Beziehung stets dazu angehalten, die Freiheit des anderen zu respektieren, selbst dann, wenn die persönliche Entwicklung darin mündet, dass eine Trennung notwendig scheint. Die Person, die gehen möchte, kann ihre Würde nur wahren, wenn die andere sie gehen lässt. Anderseits ist sie selbst dazu verpflichtet, ihren Abschiedswillen zu kommunizieren und zu begründen. Sie muss rechtfertigen, was sie tut, denn die Folgen ihres Tuns betreffen nicht nur sie selbst. Ohne diese Rechtfertigung wird nicht nur die Würde, sondern auch die Subjektivität des Partners in Frage gestellt. Deshalb empfinden die Verlassenen eine schweigende Trennung als eine Vernichtung und erleben sie, vor allem wenn es sich um langjährige Beziehungen handelt, als seelischen Mord.

Der weitere zentrale Aspekt einer würdevollen Trennung ist, nach Bieri, die gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung: «Anerkennung ist eine manifestierte Einstellung, die den anderen erreicht». Das Loslassen, ist erst möglich, wenn man sich im Moment des Abschieds klar und unmissverständlich für das gemeinsam Erlebte bedankt. Auch ein Konflikt entbindet uns nicht von der Verpflichtung, rückblickend das Gute, ohne das keine Begegnung stattgefunden hätte, wahrzunehmen. Es ist die bewusste Verweigerung der Anerkennung der wertvollen Momente, die Ghosting so schwer erträglich macht. Wer eine Beziehung wortlos abbricht, behandelt alles als «nicht der Rede wert» – nicht nur die Gegenwart und die Zukunft, sondern auch die gemeinsame Vergangenheit.

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Die Beziehungskultur der Ambivalenz und Unverbindlichkeit

Ghosting befindet sich am Ende eines grossen Spektrums ambivalenten Beziehungsverhaltens, dessen Schattierungen in der gegenwärtigen Dating-Kultur alle unter eigenständigen Begriffen bekannt sind: breadcrumbling – „mit Brotkrümeln füttern“ – bedeutet, jemandem unverbindliche, schmeichelnde Nachrichten zu senden oder auf eine andere Art gerade so viel Aufmerksamkeit zu schenken, dass er oder sie interessiert und in Bereitschaft bleibt. Es ist eine bewusste Strategie, die oft in mehreren Beziehungen gleichzeitig eingesetzt wird, mit lediglich dem Ziel, die eigene Anziehungskraft zu prüfen. Das Verhalten ist stark mit simmering verwandt, wo eine Person auf „einer kleinen Flamme warmgehalten“ wird, als Option, falls andere Bekanntschaften nicht einschlagen. Noch konfuser ist das benching und icing, wo der Kontakt zwar für immer längere Zeiten ohne richtige Grundangabe „eingefroren“, doch nie ganz abgebrochen wird.
Diese Phänomene, die allesamt auf ein Empathie-Defizit und auf die Abwesenheit von Skrupeln beim Anwenden von Täuschungsstrategien hindeuten, subsumiert die bekannte Paartherapeutin Esther Perel unter dem Begriff „stabile Ambiguität“ und sie beklagt sowohl die ambivalente Bindungs-Disposition als auch das schwache ethische Rückgrat der Millenium-Generation. Andere machen lediglich die Verbreitung der digitalen Technik für den Wandel der Beziehungs- und Abschiedskultur verantwortlich. In der Tat simulieren die Online-Kennenlern-Plattformen und Chat-Dienste einerseits schnell eine soziale Verbundenheit, machen aber andrerseits den Rückzug aus einer Bekanntschaft sehr einfach, wie z.B bei dem populären „Tinder“ durch das „Wegwischen“. Die Statistiken sind mitunter beunruhigend. 2014 berichteten in einer US-Onlineumfrage 13 % der Befragten über Ghosting-Erfahrungen, wobei das häufigste Auftreten in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen zu beobachten war. 2018 wurden laut Angaben in „Aio“, dem deutschen Magazin für die mobile Zukunft, bereits bis zu 80 % der Nutzenden der Dating-Portale Opfer von Ghosting. Detaillierte Recherchen über den Anstieg von schweigendem Abbruch von Langzeit-Beziehungen sind erst im Gange. Pionierarbeit geleistet hat diesbezüglich in dem deutschsprachigen Raum Tina Solimann mit ihren beiden Büchern „Funkstille“ und „Sturm vor der Stille“. Die zahlreichen Abbruchgeschichten und die enorme Resonanz, die die beiden Bücher ausgelöst haben, zeigen, dass Ghosting ein breites kulturelles Problem darstellt.

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Unethische Motive im Dating

Oft wird argumentiert, dass die sinnlichen Begegnungen in der Dating-Kultur von heute von vornherein nicht auf Dauer angelegt seien, weshalb weder das Vortäuschen von Ehrlichkeit noch ein abrupter Abbruch moralisch angreifbar seien. Doch diese Argumentation ist nicht schlüssig, zumal die inneren Haltungen, mit welchen Menschen einander auf der Partnersuche begegnen, meistes nicht explizit kommuniziert werden. Oft werden das Wohlwollen und Vertrauen der einen von den anderen bewusst und einseitig genutzt.
In einem Interview von Jo Sales für Vanity Fair 2015 geben junge Männer zu, im Dating oft unehrlich zu sein, weil ihnen das Vortäuschen von romantischen Gefühlen und  von Interesse an einer dauerhaften Beziehung mehr sexuelle Erlebnisse ermöglicht, als wenn sie die ausschliessliche Zweckorientierung in den Kontakten offenlegen würden. Diese Männer neigen dann auch dazu, sich aus den Begegnungen zu „vergeistern“. In seinem Buch „Der Sympathie-Schalter“ berichtet der ehemalige FBI Agent Jack Schäfer, dass in seinem Seminar, das ursprünglich für Geheimdienstoffziere konzipiert wurde, auch unerwartet Studenten aufgetaucht sind, weil es sich herumgesprochen hatte, dass die von ihm gelehrten Manipulations-Techniken einen verblüffenden Erfolg im Dating-Game zeitigen. Stellen wir uns vor, was geschieht, wenn ein vom FBI geschulter Verführer auf eine Frau trifft, die auf die althergebrachte Praxis des Vertrauens baut und in der Online-Plattform nach einem Kandidaten für eine feste Beziehung sucht. Das immer häufigere Zusammentreffen von Menschen mit so unterschiedlichen Motivationen, in einem Begegnungsraum, der über keine ethischen Normen verfügt, hinterlässt die Akteure zunehmend verwirrt und im Ungewissen.

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Gesellschaftlicher Umgang mit schweigendem Beziehungsabbruch

Das unethische Verhalten in Liebesdingen ist zwar im digitalen Zeitalter einfacher und verbreiteter als früher, aber neu ist es nicht. In dem 1782 erschienenen Roman «Gefährliche Liebschaften» von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos etwa treiben zwei prototypische Figuren, ein altadeliger Vicomte und eine altadelige Marquise, das Spiel mit der Vortäuschung der Liebe so weit, dass es mit dem Tod endet. Auch der unangekündigte Kontakt-abbruch war schon lange vor dem Internetzeitalter bekannt. Im 19. Jahrhundert gab es Männer, die Frauen mit Eheversprechungen lockten, ihre «Unschuld raubten» und spurlos verschwanden. Später wurden die verlockenden Versprechungen anders – es ging mehr um Liebe als um die Ehe, aber auch diese Bündnisse wurden von einigen schweigend verlassen. Viele Frauen von heute erinnern sich an einen Jugendfreund oder Liebhaber, der sich auf einmal weder durch Briefe noch Telefonate erreichen liess. Ihr Schmerz ist selbst nach vielen Jahren lebendig.

Auch in Scheidungen sind die Kommunikationsverweigerung und emotionelle Härte gut bekannt, so dass die Vermutung nahe liegt, dass einige Scheidende auch ganz ohne Wort gehen würden, wenn sie nicht durch Nachkommen und materielle Güter gebunden wären.
Sich einer Situation zu stellen, wenn das Interesse an dem gemeinsamen Weg mit dem anderen Menschen erschöpft ist, stellt eine Herausforderung dar. Der schweigende Rückzug scheint etwas mit dem Unwillen zu tun zu haben, diese Herausforderung anzunehmen. Doch ist die Bereitschaft zu einer persönlichen Aussprache, auch im Falle einer Kränkung oder Überforderung, ein Gradmesser für die Fähigkeit, sich in sozialen Beziehungen verantwortlich zu verhalten – und somit eine Charakterfrage.

Welche Charaktereigenschaften bei einem Menschen gefördert werden, hängt wesentlich von der Kultur ab, in welcher er aufwächst, und die seine Sozialisation mitbestimmt. Es ist aufschlussreich zu vergleichen, welche soziale Kompetenzen in unserer Gesellschaft in verschiedenen Epochen gefördert wurden und wie man mit dem Phänomen des unerwarteten schweigenden Kontaktabbruchs umgegangen ist.

Über den Verführungskult im 19 Jh. – das Veranlassen eines einvernehmlichen Geschlechtsverkehres durch falsches Versprechen und anschliessende Flucht – wurde damals eine breite öffentliche Debatte geführt. In seinem Buch „Lust und Freiheit“ erwähnt der britische Historiker Faramarz Dabhoiwala zahlreiche Theateraufführungen, Romane und Presseartikel, die der allgemeinen gesellschaftlichen Empörung Rechnung trugen. Als Massnahme gegen die unfairen Verführer wurde in England sogar eine Geldstrafe in Erwägung gezogen. Die Namen der arglistigen Männer gab man unter den Bekannten weiter, und die Männer wurden der sozialen Ächtung ausgesetzt. Heute hingegen steht die Reputation eines Ghosts kaum auf dem Spiel, zumal die unmittelbare Umgebung selten etwas von seinem Treiben erfährt. Oder aber sie zieht es vor, sich nicht einzumischen, um mit dem Täter eine gute Beziehung zu wahren. Vor dem Hintergrund der allgemein akzeptierten Kultur der Unverbindlichkeit ist es auch viel schwerer, den Vertrauensmissbrauch als solchen klar zu sehen.

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Psychologie des Ghostings – Charakter- oder Persönlichkeitsstörung?

Alleingelassen suchen die Opfer nach einer Abhilfe in den Online Foren oder in der psychologischen Fachliteratur. Letztere betrachtet den schweigenden Beziehungsabbruch als eine passiv-aggressive Form des emotionalen Missbrauchs und spricht von Grausamkeit. Oft wird im Zusammenhang mit Ghosting die narzisstische Persönlichkeitsstörung erwähnt. Narzissten, die sich durch einen strukturellen Empathie-Mangel auszeichnen, brechen oft die Beziehungen ab, in der sie zu wahrer Reziprozität aufgefordert werden. Da sie sich durch eine solche Aufforderung gekränkt fühlen, dient das Schweigen zudem der Vergeltung. Die Kränkung stellt hier einen Mischzustand dar aus den Gefühlen von Scham, Ärger und Wut, sowie Angst vor dem Kontrollverlust. Da diese Emotionen nicht angemessen reguliert werden können, benötigen die Narzissten eine interaktionale Handlung, wie Ghosting, die ihnen ein Gefühl von Dominanz und Kontrolle wiedergibt. Darüber ob ein solches maladaptives Verhaltensmuster mit einem mangelndem Selbstwertgefühl und einer frühkindlichen emotionalen Deprivation erklärt werden kann, oder ob es sich eher um überzogenes grandioses Selbst und – als zentrale biografische Ursache – um den Mangel an Grenzen und der angemessenen Einordnung in die soziale Gruppe handelt, streitet sich derzeit die Fachwelt. Damit ist den Opfern von Ghosting, sofern sie sich in die Fachliteratur vertiefen, auch keine wirkliche Orientierung geboten.

Hilfreich können dennoch die Überlegungen des amerikanischen Psychiaters und Charakter-Coachs George Simon sein, der anstelle des Begriffs Persönlichkeitsstörung die Bezeichnung Charakterstörung verwendet. Die Neigung, persönliche Ziele auch ohne Rücksicht auf die Gefühle der anderen durchzusetzen, entfaltet sich, seiner Meinung nach, auch bei Menschen, die eine intakte Kindheit hatten. Sie hängt nicht so sehr mit emotionalen Vernachlässigungen oder Traumatisierungen zusammen, sondern mit der misslungenen Formung des Charakters. Dieser wird als eine geglückte Verbindung von der Fähigkeit zur ethisch-moralischen Schlussfolgerung, der Motivation diese Umzusetzen und der dazu notwendigen Impulskontrolle verstanden. Die sensible Phase liegt zwar im Alter von 6-12 Jahren, doch ist die Charakterbildung, laut Simon, „ein lebenslanger Prozess, in dem wir Selbstdisziplin und Fähigkeit entfalten zusammen mit anderen Menschen verantwortungsvoll zu leben“. Angefragt, wie er Ghosting versteht, antwortete der amerikanische Psychiater, dass er dieses Verhalten nicht als passiv betrachtet und es definitiv zu dem Spektrum der Charakterstörungen zählt. Das Fehlen ethischer Normen in den Beziehungen, wie wir sie in der heutigen Dating-Kultur vermehrt erleben, fördere zusätzlich solche Phänomene.

Wenn der 28-jährigen Musiker, der im Interview mit Susi Coen im Independet 2015 ohne jegliche Scham bekennt, mehrere Frauen ohne Ankündigung und Erklärung verlassen zu haben, und sagt: «Ich bin einfach irgendwie faul. Wenn ich die Frauen danach ignoriere, belastet es mich weniger“, dann bestätigt das Simons Einschätzung. Hier scheinen weder unbewusste Ängste noch Abwehrmechanismen im Spiel zu sein, sondern es geht um reine Bequemlichkeit, die sich am Schmerz einer anderen Person kaum stört. In seinem Buch „Character disturbance“ plädiert Georg Simon dafür, dass wir im Falle von aggressivem und zerstörerischem Verhalten in Beziehungen öfters vom Unwillen als von der Unfähigkeit der Täter sprechen sollten. Diese Auffassung hat auch den Vorteil, dass sie von den Betroffenen nicht noch Verständnis für jemanden, der sie verletzt hat, einfordert, sondern sie zur emotionalen Distanznahme befähigt.

In einigen Foren, die sich mit Ghosting befassen, wird den Betroffenen – zu denen heute Frauen und Männer gleichermassen gehören – empfohlen, den eigenen Anteil am Geschehen zu reflektieren. Insbesondere angesichts schwieriger und länger andauernder Beziehungen wird es den Verlassenen von den Bekannten und Freunden angelastet, dass sie die Vertrauenswürdigkeit der geliebten Person, falsch eingeschätzt haben, und sie somit selbst für ihr Schicksal Schuld tragen. Doch dies ist ungerecht. Auch wenn einige Menschen Schwierigkeiten in Liebesbeziehung auf sich nehmen, niemand kann mit Ghosting rechnen oder es vorausahnen.

Die Auseinandersetzung mit der Schuld bzw. mit der Verantwortung am eigenen Leid erinnert an den Diskurs über das Vertrauen und den Vertrauensmissbrauch, der seit langem in der Philosophie stattfindet. Einige neue Strömungen der ökonomischen Vertrauensforschung, die sich auf Spiel- und Vertragstheorien stützten, wollen das Vertrauen als einen rational begründbaren Akt sehen, dem nur das Abwägen von plausiblen Gründen vorausgeht. In dieser Interpretation bedeutet jemandem zu vertrauen nichts anders, als aufgrund vergangener Erfahrungen sein wahrscheinliches Verhalten abzuschätzen. Einige Moralphilosophen der Gegenwart warnen vor einer solchen reduktionistischen Betrachtungsweise, da diese zur Erosion der Vertrauenssysteme in Beziehungen beiträgt.

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Kultur des Vertrauens

Die PhilosophInnen, die Vertrauen nicht als eine rationale Überzeugung, sondern als ein genuin moralisches Phänomen verstehen, betonen zwei Aspekte des Vertrauens, die in jeder zwischenmenschlichen Begegnung, sowohl der flüchtigen als der dauerhaften, von Bedeutung sind. Der erste Aspekt betrifft die Wahrhaftigkeit, d.h. das Übereinstimmen den Aussagen mit der Wirklichkeit. Indem wir uns darauf verlassen, dass dies, was jemand über sich selbst, die Motive seines Handelns und allenfalls über seine Gefühle sagt, auf Wahrheit beruht, gewähren wir ihm Vertrauen und ermöglichen damit den ersten Kontakt. Diese kulturelle Praxis ist so selbstverständlich, dass wir uns ihrer oft gar nicht gewahr sind. (Ihre Wichtigkeit wird aber vielen Teilnehmer der neuen Dating-Kultur, die mit Vortäuschung operiert, erst im Schmerz der Enttäuschung bewusst.)

Der zweite Aspekt des Vertrauens ist die Voraussetzung der grundsätzlich wohlwollenden Intentionen des Gegenübers. In den zwischenmenschlichen Begegnungen müssen wir uns sowohl darauf verlassen können, dass wir nicht als Mittel zu einem bestimmten Zweck benutzten werden, sondern selbst als Personen gemeint sind, als auch darauf, dass wir wohlwollend oder zumindest nicht böswillig behandelt werden. Dieses Wohlwollen sollte nicht nur solange anhalten wie wir gemeinsame Ziele verfolgen, sondern auch dann, wenn die Interessen voneinander zu weichen beginnen und wir in einen Konflikt geraten.  In einer intimen Beziehung bedeutet es, dass man im Falle einer Trennung, die nüchtern betrachtet eine Situation abweichender Interessen ist, mit einer kooperativen und respektvollen Haltung des Partners bzw. der Partnerin rechnet. Eine solche Haltung zeigt sich unter anderem – auch angesichts einer emotionellen Betroffenheit – im klaren Verzicht auf psychische und physische Gewalt.

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In seinem Essay „Vertrauen – eine Emotion?“ bezeichnet der Philosoph Christoph Ammann das Vertrauen als eine „engagierte Einstellung“, über die wir nicht so frei verfügen können, die sich als «die Abwesenheit von Zweifel und nicht als Anwesenheit guter Gründe» manifestiert. Dies trifft zweifelsohne auf jeden Zustand der Verliebtheit, Faszination und länger anhaltender Zuneigung zu.
Gerade in den sinnlichen Begegnungen sind wir bereit Vertrauen zu zeigen, indem wir uns ungeschminkt und unbekleidet hingeben, noch bevor uns jemand seine Vertrauenswürdigkeit hat beweisen können. Unser Vertrauensvorschuss hängt dabei nicht nur von dem ab, wie das Gegenüber sich uns gegenüber verhält, sondern auch von unserer Lebensgeschichte, von der bisherigen Erfahrung in Vertrauensverhältnissen und von dem eigenen emotionellen Engagement. Wer bis anhin nur gute zwischenmenschliche Erfahrungen gemacht hat, gewährt dem anderen schneller einen Vertrauenskredit, was keinesfalls als leichtfertig abgetan werden sollte. Indem ich dem anderen vertraue, ermögliche ich ihm nämlich, sich meines Vertrauens würdig zu erweisen und mit mir in eine Vertrauensbeziehung zu treten. „Nur wenn ich anderen vertraue, erkenne ich sie als Wesen an, denen vertraut werden kann, so wie sie mich als einen anerkennen, dessen Wünsche oder Rücksichtnahme erfordern“ – betont Hartman und erklärt damit das Vertrauen zu einem Akt, der unsere Menschlichkeit konstituiert.

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Ghosting als Vertrauensmissbrauch

Die besondere Fragilität des Vertrauens besteht darin, dass es weder vertraglich noch durch ein Versprechen abgesichert werden kann. Jemandem zu vertrauen, bedeutet auf Kontrolle zu verzichten und ihm stets einen Ermessensraum zu sichern, wie er mit dem ihm geschenkten Vertrauen umgeht. Annette Baier formuliert es in ihrem Essay „Vertrauen und seine Grenzen“ zutreffend: „Vertraut man anderen, dann räumt man ihnen die Gelegenheit der Verletzung ein, und zeigt sich sogleich zuversichtlich, dass sie diese Gelegenheit nicht nutzen werden.“
Im Ghosting wird diese Gelegenheit einer Verletzung nicht nur nicht gemieden, sondern durch die Verweigerung der Aussprache sogar aktiv eingesetzt. Es ist das basale, allgemeine Vertrauen in Rücksicht und Mitmenschlichkeit, das sich in bestimmter kommunikativer Praxis manifestiert, die hier verletzt wird. Aus ethischer Sicht gibt es, abgesehen von Fällen, in denen jemand aus Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz, d.h aus Notwehr handelt, keinen ethisch plausiblen Grund, eine Aussprache zu verweigern, wenn sie vom anderen erbeten wird, insbesondere wenn zuvor ein Vertrauensverhältnis bestand. Zudem liegt bei einem schweigenden Beziehungsabbruch die Vermutung nahe, dass es für eine der Personen von Anfang an um eine zweckorientierte Beziehung handelte, in welcher das Vertrauen einer anderen Person instrumentalisiert wurde. Somit schädigt der „Abbrecher“ nicht nur die ihm vertrauende Person, sondern verletzt die gesamte kulturelle Praxis des Vertrauens und macht sich damit moralisch angreifbar. Zu Recht empfinden die Betroffenen neben Trauer auch Bestürzung und Empörung und wünschen sich von ihrer Umgebung Verständnis und Solidarität.

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Für eine neue Kultur des Abschieds

Die neue Beziehungskultur hat uns aus den Fesseln der bürgerlichen Konventionen befreit und ermöglicht eine noch nie dagewesene Bandbreite romantischer und erotischer Erlebnisse. Doch können die zwischenmenschlichen intimen Begegnungen nur dann auf Dauer funktionieren, wenn sie in eine Kultur eingebettet sind, die Vertrauensverhältnisse als wertvoll und die eigene Vertrauenswürdigkeit als erstrebenswert erachtet. Diese Werte bedürfen einer gezielten Förderung. „Die Fähigkeit, edlere Gefühle zu empfinden, ist in den meisten Naturen eine äusserst zärtliche Pflanze, die nicht an widrigen Einflüssen, sondern schon an mangelnder Pflege zugrunde gehen kann“ – beobachtete bereits im 19 Jh. Philosoph John Stuart Mill und postulierte, dass jeder einzelne an seinem Charakter arbeitet, um nicht so sehr sich selber, sondern möglichst vielen anderen Menschen Glück zu bereiten. Eine solche Aufforderung kann jedoch nur in einer Gesellschaft realisiert werden, die Ausbildung bestimmter Charaktereigenschaften – auch solchen, die zu einem würdevollen Abschied befähigen – zu einer Bedingung für den persönlichen und den gesellschaftlichen Erfolg macht.

Schluss

Information über die Autorin:

Beata Sievi ist Modefachfrau und Psychologin und studiert derzeit Angewandte Ethik an der Universität Zürich. Ihr besonderes Interesse gilt der Tugendethik.


Danksagung:

Ich danke Roger Hofer vom Philosophie Salon am Obertor für die Einführung in die Philosophie des Vertrauens.

Bei der Redaktion des Textes war für mich der geduldige Lektorat von Rolf Schneider sehr hilfreich. Zudem hat Marianne Ulmi vom Kopfwerken Gmbh mich mehrmals herausfordert,  meine Gedanken präzise zu formulieren und ich hoffe, dass ich dieser Anforderung gerecht wurde.

Ulla Rohr und Maria Isliker haben mit Ihren dialogischen Bilder die künstlerischen Akzente und Kontrapunkte gesetzt. Seit 10 Jahren kommunizieren die beiden Künstlerinnen per Briefpost zwischen Italien und Schweiz. In dem Austausch haben sie auch Fotografie mit einbezogen, die teilweise zeichnerisch ergänzt wurde. Zwei Welten begegnen sich – im Anliegen menschlichen Werte immer wieder ins Bewusstsein zu bringen.

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WOLLUST – DIE SCHÖNSTE TODSÜNDE – LESUNG VOM 6. APRIL 2019

Zichy, Sammlung Hans-Jürgen Döpp
Michaly Zichy, Sammlung Hans-Jürgen Döpp, http://www.aspasia.de

Sexuelle Empfindungen und sexuelle Aktivitäten hängen mit der Befriedigung zentraler menschlicher Bedürfnisse zusammen. Sie zeigen eine große Variationsbreite sowohl in der Intensität des Erlebens als auch im Spektrum des sexuellen Verhaltens. Das sinnliche Verlangen kann einen Menschen gelegentlich derart überwältigen, dass dieser für Stunden, Tage oder sogar Wochen das Gefühl hat, nicht mehr Herr seiner selbst zu sein. „Mit Wollust zu leben ist, als wäre man an einen Geistesgestörten gefesselt“ – sagt Philosoph Simon Blackburn in seinem Essay „Wollust. Die schönste Todsünde.“ Und er betonnt, dass so etwas wie kontrollierte Ektase gar nicht gibt, wenn man vor Lust die Erde beben spürt. So ergeht es auf jeden Fall auch dem Protagonisten des Romans „Morbus Fonticuli“ von Frank Schulz, der der sexuellen Energie und dem üppigen Körper der Exfloristin Bärbel verfällt und dabei Verstand und Stellung verliert. Seine auserwählte scheint ein Archetypus der lustvollen Frau zu sein, die sich um nichts anderes, als um sinnliches Vergnügen kümmert:

«Sie war eine Holly Golightly aus der Provinz. Sie war eine der wenigen Frauen ohne Handtasche, die ich kannte; Geld trug sie lose in den Jeans beziehungsweise, wenn sie ein Kleid anhatte, in den Stiefelchen, im Slip oder im Dekolleté. Scheine, versteht sich. Münzen verwendete sie – und keineswegs erst zur Zeit ihres gerade zu spät venezianischen Lebensstils als prosperierende Geschäftsfrau – als Trinkgeld und Almosen, oder sie schenkte es Kindern. Sie rannte einfach so in der Gegend herum, nichts am sensationellen Leib als das Nötigste. Im Sommer lief sie barfuss, den Haustürschlüssel am Halskettchen, darüber ein leichtes Fähnchen: ohne Geld, ohne Sorgen, ohne Verlegenheiten. Fast immer fand sich ein lüsterner Grünschnabel, ein Marktbeschicker oder Schornsteinfeger, ein Intellektueller Stromer oder chevalesker Frührentner, der sich Schwachheiten einbildete und ihr ein Eis oder ein Glas Sekt spendierte. Sie lebte in den Tag und in die Nacht hinein, nicht nur in die Samstagnacht wie so viele ihre Altersgenossen.» Gab es für diese Romanfigur ein reeller Prototyp oder handelt es sich um reine Phantasie des Autors und die männliche Phantasie schlechthin?

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John Coller, Lilith 1887

Die 1,5 Stündige Lesung „Bärbel Episoden – oder die Fesseln der Wollust“, die am 6. April in meinem Salon stattfinden wird, bietet eine Auswahl der aufregendsten sinnlichen Abenteuer von Bodo und Bärbel. Faszinierend und fesselnd sind dabei nicht nur die sonderbaren Freilichtakten und originellen Szenarien der sinnlichen Begegnungen, sondern die Dynamik der gegenseitigen sexueller Herausforderung. „Wollust ist hier wie gemeinsames musizieren, wie eine harmonische Symphonie aus Freude und entsprechender Reaktion“ – beschreibt Blackburn eine glückliche Liebesbegegnung, was auch auf Bodo und Bärbel zutrifft. Hier finden beide nicht in erster Linie Gefallen an sich salbt, sondern an der Erregung des anderen. Die Liebesszene auf der Köhlbrandbrücke gehört mit Sicherheit zu den gewagtesten Liebesszenen der Literatur. Wer dran Anstoss nimmt, dem sei erinnert, dass selbst der griechische Philosoph Diogenes den Geschlechtsakt als natürlich angepriesen hat, und um dies zu beweisen ihn mit seiner Frau Hipparchia auf den Treppen des Tempels sich in aller Öffentlichkeit zu treiben pflegte. Eindrücklich und sprachlich gewandt ist auch das Zugeständnis der Protagonisten des Romans für die gemeinsame Vorliebe für Lingerie, das die These vom Blackburn bestätigt, dass Wollust im wesentlichen die Vorfreude auf sexuelle Aktivität sei.

Der Text von Schulz verquirlt Nonsens und Kalauer, Ironie und Sarkasmus, Satire und Parodie, und ist – in der hervorragenden Interpretation des Schauspielers Ulrich Vogel – ein furioses Hörvergnügen. Nach der Lesung findet eine moderierte Diskussion darüber, ob und unter welchen Umständen sexuelle Impulse die Kraft besitzen unsere Willensprozesse zu durchkreuzen.

Teilnehmer*innen Zahl ist auf 18 Personen beschränkt. Anmeldung bis 6. März an salon@beatasievi.ch. Bitte bei Anmeldung eine volle Anschrift angeben.

Datum: 6. April 2019, 17-21 Uhr, Eintrittspreis: CHF 65 Neugäste/ CHF 55 Stammgäste inkl. Konsumption (Prosecco, Wein, Kafé, Tee, Salziges und Süsses. Ort: Salon-Bibliothek von Beata Sievi, Winterthur

April 2019

Information über den Schauspieler:

Ulrich Vogel wirkt als Schauspieler, Sänger, Sprecher, Kabarettist und Bühnenbildner im Raum Karlsruhe – Frankfurt. Die Bühnenreife erlangte er am Staatstheater Karlsruhe.
Von 1992 – 2005 war er am Theater der Stadt Heidelberg als Schauspieler engagiert. Dort gewann er auf Grund seiner stimmlichen Fähigkeiten, auch spartenübergreifend, als Sänger ein treues Publikum. Daneben hat er sich durch zahlreiche, vor allem auch erotische Lesungen im Frankfurter Venusberg, einen Namen als gefragter Vorleser gemacht. Derzeit arbeitet er freiberuflich mit Wohnsitz in Karlsruhe.

Michaly Zichy, Sammlung Hans-Jürge Döpp
Michaly Zichy, Sammlung Hans-Jürgen Döpp, http://www.aspasia.de

 

 

 

 

Drei Metaphern der Täuschung und der Liebe

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Lange bevor die Neurobiologie uns mit den chemischen Prozessen, die hinter dem intensiven Begehren und der Liebe verborgen sind, vertraut machte, hat die Literatur ihre eigene Metapher dafür gefunden. Dabei suchten die grossen Schriftsteller oft nach der Antwort auf die Frage, ob unsere Empfindungen und die tiefe Zuneigung zu einer bestimmten Person, lediglich einer Täuschung zu verdanken sind. Marcel Proust widmete sein Werk « A la recherche du temps perdu » der Analyse einigen unerwiderten Faszinationen und bediente sich dabei der Metapher der Spiegelung um zu erklären, weshalb die intensiven Gefühle andauern, auch wenn sie nicht zum gegenüber durchdringen.
„Wenn man liebt, ist die Liebe zu gross, um ganz in uns enthalten zu sein; sie strahlt aus auf die geliebte Person, trifft in ihr auf eine Fläche, an der sie nicht weiter kann, und ist dadurch gezwungen, zu ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren; in dieser Rückwirkung unseres eigenes Gefühls glauben wir dann das Gefühl des anderen zu erkennen und lassen uns viel stärker bezaubern als auf dem Hinweg, weil wir es nicht als das unsere wiedererkennen.“

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Cornwall, Bild: Beata Sievi

In einem eindrücklichen Text « Hesperiden. Ein Traum in Form eines Briefes » der in voller Länge nur im Original oder in französischen Übersetzung zugänglich ist, beschreibt Antonio Tabbucci den Liebesgott als ein Klang. Demnach unterliegen alle Menschen, die dem Klang beiwohnen lediglich einer mächtigen Sinnestäuschung, wenn sie zu lieben glauben.
(…) „Auch ich habe dem Gott der Liebe ein Opfer dargebracht, sein Tempel befindet sich auf einer Insel mit weissen und gewölbten Stränden, auf klarem Sand, der vom Meer umspült wird. Die Repräsentation dieses Gottes ist weder ein Idol, noch sonst etwas Sichtbares, sondern ein Klang. Ein klarer Klang des Meereswassers, das durch einen in den Felsen ausgehöhlten Kanal in den Tempel eindringt, sich ausbreitet und in ein geheimes Reservoir einmündet: hier, dank der Form der Wände und des Ausmasses der Konstruktion, reproduziert sich der Klang als Echo ohne Ende, entzückt denjenigen, welcher ihm zuhört und verursacht eine Art Rausch und Schwindelgefühl. Diesen Gott verehrend exponiert man sich auf Leiden unterschiedlichster und seltsamster Art, weil es sein Prinzip ist, welches das Leben beherrscht, aber dies Prinzip ist seltsam und launenhaft; es ist wahr, dass er die Seele und die Eintracht der Elemente darstellt, aber er kann ebenfalls Trugbilder, Wahnvorstellungen und Visionen erzeugen.“

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Cornwall, Beata Sievi

Der italienische Autor berichtet weiter über die Erkundung der einsamen Insel, die den Tempel des Liebesgottes beherbergt und über seine plötzliche Enttäuschung, als selbst der Tempel sich als eine Illusion erweist. Die eigene Wahrnehmung und der Traum vereinen sich in mehrschichtiger Metapher.

„Und ich habe auf dieser Insel den Spektakeln beigewohnt, die mich durch ihre unverdorbene Wahrheit verwirrt haben: so dass ich mich fragte, ob solche Erscheinungen wirklich existierten, oder eher aus meinem Gefühl geborene Phantasmen waren, die – aus mir heraustretend, da ich mich dem Gesang des Gottes ausgesetzt habe – den Schein von Realität angenommen haben: und so in Gedanken versunken, nahm ich den Weg zu dem höchsten Punkt der Insel, von wo aus man das Meer von allen Seiten betrachten kann.

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Cornwall, Bild: Beata Sievi

Alsdann bemerkte ich: die Insel war verlassen. Es gab keinen Tempel auf dem Strand, und die Gestalten und die verschiedenen Gesichter der Liebe, die ich wie ein lebendiges Gemälde gesehen und welche die verschiedenen Nuancen des Gefühls, wie Zärtlichkeit, Dankbarkeit, Stolz und Eitelkeit darstellten, alle diese Gesichter, die ich als eine menschliche Form zu erblicken glaubte, waren nichts anderes als Illusionen, durch was weiss ich welchen Zauber verursacht. Als ich den höchsten Punkt der Vorgebirge erreichte und, auf das Meer herabblickend, mich der Traurigkeit der Enttäuschung hingab, senkte sich eine blaue Wolke auf mich nieder und hüllte mich in einen Traum: ich träumte, dass ich dir diesen Brief schrieb, und dass ich nicht der Grieche war, welcher auf der Suche nach dem Abendland aufgebrochen war und nie zurückkam, sondern, dass ich all dies lediglich in einem Traumbild sah.“ (…)

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Strand von Cornwall, Bild: Beata Sievi

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Strand in Cornwall, Bild: Beata Sievi

Anders sieht es die polnische Dichterin und Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska. Mit einem kritischen Blick auf den blinden Zynismus der Menschen, die das Privatuniversum einer großen Liebe nicht verstehen können, vergleicht sie Leidenschaft, die sogar für die Liebenden selber oft unverständlich bleibt, mit dem blinden Optimismus einer Pflanze. In Ihrem Buch „Undisclosed lectures“ schreibt sie:

„Unbeteiligte Beobachter fragen die Liebenden oft was sie im Objekt ihrer Liebe erblicken. Solche Fragen sollte man besser in Ruhe zu lassen – grosse Liebe bedarf keiner Rechtfertigung. Sie ist wie ein Baum, der auf unerklärliche Weise einer Klippe entspringt: Wo sind seine Wurzeln, woher holt er die Nahrung, welches Wunder bringt seine grünen Blätter hervor? Auch wenn es unerklärlich ist – der Baum wächst – weil er offensichtlich das nötigste bekommt um zu überleben…“

Pfalz, Bild: Ewald Vorberg
Pfalz, Bild: Ewald Vorberg

Ist aber das Überleben ein ausreichendes Ziel für die Liebe? Ist nicht eine Liebe, die lediglich auf kargem Boden der Täuschung wächst, immer in Gefahr, nie wirklich zu gedeihen?

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Antonio Tabucci: La Femme de Porto Pim, et autres histoires, 1993
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Im Schatten jünger Mädchenblüte“, Suhrkamp 2004
Wislawa Szymborska: Lekture nadobowiazkowe, Znak 2004 oder „Nonrequired reading“ 2002

Korsett und Emanzipation

Text von Beata Sievi

In den 20 Jahren meiner Arbeit als Korsettdesignerin wurde ich immer wieder darauf hingewiesen, besonders gern von Journalisten, dass das Korsett ein Symbol der weiblichen Unterdrückung sei. Diesen Vorurteilen versuchte ich stets mit Gelassenheit zu begegnen. Nachdem ich in den letzten zwei Jahren eine Reihe kultureller Veranstaltungen organisiert habe, die die Befreiung der weiblichen Sexualität aus den Fesseln des Patriarchats thematisieren, werde ich nun erst recht gefragt, wie ich Korsetterie und Emanzipation miteinander verbinde. Die Antwort: Es ist nicht das Korsett, das weibliche Verführung mit Unterdrückung verbindet, sondern das Patriarchat. Denn Korsetts können Frauen durchaus darin bestärken, ihre Rechte und ihr Vergnügen aktiv einzufordern.

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Lady showing bracelet to her suitor, Jean-François Detroy 1734

Korsett und erotische Subjektivität der Frau

Als ich mich vor 20 Jahren mit der Geschichte des Korsetts zu befassen begann, stiess ich auf die Werke der amerikanischen Modeforscherin Valerie Steele. Die Untersuchung konkreter historischer Beispiele führte sie in ihrem Buch „The corset. A cultural history“ zum Schluss, dass ein Mieder schon früh ein Mittel der selbstbewussten Inszenierung weiblicher Schönheit war und in Verführungen gekonnt eingesetzt wurde. Frauen des 18. und 19. Jh. waren weit davon entfernt, lediglich Objekte des männlichen Begehrens zu sein, sondern  spielten aktiv mit ihrer modischen Aufmachung. Valerie Seele lieferte mir damit einen Beweis für meine vage Intuition, dass es zu kurz greift, Korsetts per se mit Einschnürung und Unterdrückung gleichzusetzen.

Heute, nach der Lektüre der Werke der berühmten Soziologin Eva Illouz, würde ich zu der Analyse von Valerie Steele gerne etwas ergänzen.  In ihrem Werk „Warum die Liebe weh tut“ argumentiert Eva Illouz, dass Schönheit und sinnliche Anziehungskraft in der patriarchalischen Gesellschaft über Jahrhunderte so etwas wie ein „erotisches Kapital“ darstellten. Diese auf dem Heiratsmarkt und in illegitimen Liaisons bewusst eingesetzte Währung ermöglichte es Frauen, einen sonst unzugänglichen ökonomischen oder sozialen Status zu erreichen. Bei diesem Tauschhandel wurden ihre sexuellen Bedürfnisse nur angedeutet und blieben oft unbefriedigt, was mit mangelndem Wissen über die weibliche Sexualität und mit rigiden Moralvorstellungen zusammenhing, welche die Sexualität nur innerhalb der Ehe legitimierten. Dennoch waren zumindest die Bindungswünsche der Frauen anerkannt und mit der Rolle der Ehefrau und Mutter ging  soziale Anerkennung einher.

Edmund Blair Leighton - Signing The Register
Edmund Blair Leighton 1920 – Signing The Wedding Register

 

Erotische Freiheit und fehlende Selbstbestimmung

Heute ist die Situation anders. Das fundierte Wissen über weibliche Sexualität ist vorhanden und gut zugänglich und die Einschränkungen der Religion sind weggefallen. Wie steht es aber um die weibliche Selbstbestimmung in den intimen Beziehungen in dieser neuen Epoche der Befreiung? Eva Illouz ist überzeugt, dass Frauen die grossen Verliererinnen der sexuellen Revolution sind. Sie haben heute zwar einen besseren Zugang zu Bildung und grössere Chancen auf beruflichen Erfolg, dennoch bleiben die grossen Reichtümer und somit die ökonomische Macht der Männer immer noch unangetastet. Die Tatsache, dass die Sexualität aus den Schranken der Ehe befreit wurde, Frauen aber ökonomisch benachteiligt blieben, half den Männern in den letzten 50 Jahren eine neue sexuelle Kultur herauszubilden, die sich vor allem an ihren Bedürfnissen nach Abwechslung, Bindungslosigkeit und Sexyness orientiert. Innerhalb dieser Kultur, die nach den Prinzipien des kapitalistischen Markts von Angebot und Nachfrage funktioniert, sind Frauen einer starken Konkurrenz untereinander ausgesetzt und haben keine Druckmittel um sich den männlichen Normen und Bedürfnissen zu entziehen. «Die Sexualität zu befreien, ohne die wirtschaftliche und politische Macht der Männer anzutasten, bedeutet, Frauen auf einem offenen und deregulierten Markt in eine strukturell prekäre Lage zu bringen.» – sagt Eva Illouz im Interview für Philosophie Magazin Nr.3/2018.

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Billiard-Spieler. Bild: Ewald Vorberg

Auch die junge Philosophin Margret Stokowski kommt in ihrem Buch «Untenrum frei» zu ähnlicher Schlussfolgerung: «Während wir glauben, wir hätten die Fesseln des Patriarchats längst gesprengt, haben wir nur gelernt in ihnen shoppen zu gehen». Dabei bezieht sie sich auf die Tatsache, dass sehr viele Frauen in den erotischen Begegnungen immer noch auf ihr erotisches Vergnügen verzichten. Dies bestätigen Psychologinnen und Sexologinnen wie Martha Meana, Peggy Orenstein, Tabea Freitag und Sandra Konrad, die sowohl mit reifen als auch mit jungen Frauen arbeiten. Die Forscherinnen machen darauf aufmerksam, dass vielen Frauen von heute der Zugang zum eigenen sinnlichen Empfinden fehlt. Oft wissen sie kaum, was sie wollen, und lassen sich deshalb auf sexuelle Praktiken ein, die ihnen keinen Spass bereiten. Sie täuschen den Männern ihre Erregung vor und stellen das eigene Vergnügen hintenan. Woran liegt es, dass viele Frauen selbst nach der sexuellen Revolution so bereitwillig Männer befriedigen und so wenig Engagement für die Erfüllung ihrer eigenen sexuellen Wünsche zeigen?

Psychologische Forschungen nennen unterschiedliche Gründe. Erstens sind viele Frauen immer noch überzeugt, dass sie durch sexuelle Unterwerfung das Interesse des Mannes gewinnen oder dieses erfolgreich aufrechterhalten können. Insbesondere, wenn es um die erste Verliebtheit geht, steht die Sexualität im Dienst der Bindung und wird unbewusst instrumentalisiert. Hier ist das eigene Vergnügen noch involviert, aber das erotische Potential wird oft nicht ausgeschöpft, weil Mädchen ihre Climax und all das, was zu ihr führen könnte, von ihren jungen Partnern nicht einzufordern wissen. Auch in Langzeitbeziehungen kommen viele Frauen nicht auf ihre Kosten, weil ihnen die Lust mit den Jahren abhandenkommt. Gefangen in dem Modell der monogamen Ehe, verzichten sie auf erregende Abenteuer und zwingen sich, die eheliche Pflicht auch ohne Lust zu erfüllen.

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Ein Hochzeitspaar. Roberto Donetta 1922

Als zweite Gruppe der Motive, weshalb Frauen auf die männlichen sexuellen Wünsche reagieren, auch wenn sie selbst dabei nicht erregt sind, nennen die Forscher Befriedigung unterschiedlicher sozialer Bedürfnisse. In vielen persönlichen Interviews und Fragebogen mit Heranwachsenden zeigt sich, dass vor allem Fellatio eine verbreitete Praktik ist, die nur von den Männern mit körperlicher Lust betrieben wird. Junge Frauen hingegen schildern sie als eine „unpersönliche Angelegenheit“ und sie vergleichen Oralverkehr sogar mit einem Zahlungsmittel, das ihnen besondere Dienste leistet. Ganz anders als vor 30 Jahren, als orale Stimulation noch als Zeichen einer ganz grossen Intimität galt.

Die Befragungen von Jugendlichen zeigen zwei Hauptmotive, weshalb junge Frauen Männer oral befriedigen, selbst wenn sie dabei weder emotionell engagiert noch erregt sind. Einerseits versuchen sie damit in Situationen grossen Drucks – bis hin zur Erpressung – den Partner mit oralem Sex zu besänftigen, ohne in den Geschlechtsverkehr einwilligen zu müssen. Die Häufigkeit, mit welcher sie diese Strategie anwenden, deutet daraufhin, dass männliche Dominanz im heutigen Dating sehr oft vorkommt und es den Frauen an anderen Mitteln, damit umzugehen, komplett fehlt. Zudem gibt es, aller Aufklärung zum Trotz, heute noch Frauen, die glauben, dass Männer aufgrund der hormonellen Unterschiede von der sexuellen Spannung befreit werden müssen und dass Verantwortung dafür einer Frau obliegt. Als zweites Motiv für ihre Fügsamkeit führen viele Mädchen an, dass eine Einwilligung in Fellatio ihnen „die richtige Art der Popularität“ unter den Männern einbringt und ihren Status in der Peer-Gruppe erhöht. Offenbar setzt hier die von Männern produzierte Pornografie bereits im Alltag die Standards dafür, was Frau für einen Mann interessant macht.

Gefragt nach ihrem eigenen Empfinden geben Mädchen zu, dass sie bei solchen Praktiken keinen wirklichen Spass haben. „But it’s definitely not the physical side of it, because that’s so gross and it really hurts my throat. I mean, it’s sort of fun getting in the rhythm of it. But it’s never fun fun”, meinte eine 18-Jährige, die von Peggy Orenstein interviewt wurde. Diese Haltung unterstützen bedauerlicherweise zahlreiche Frauenzeitschriften, indem sie nicht nur einfache Tipps für Fellatio abgeben, sondern auch – wie z.B. in der Online- Version von Glamour und Freundin – Frauen belehren, wie es möglich ist, sogar den Würgereflex abzutrainieren, um den berühmten „Job“ besser zu verrichten.

„Würde die Menschheit dieselben Anstrengungen in die Raumfahrt stecken, wie die Redaktionen von Frauenzeitschriften in Blowjob-Ratgeber, könnten wir längst zum Kaffeetrinken auf den Mars“ – bringt es Margret Stokowski auf den Punkt.

Auch ich betrachte die gegenwärtige Situation als höchst problematisch und alarmierend. Das grösste Potential der Sexualität liegt in der Reziprozität! Sexuelle Praktiken, in welchen männliche Bedürfnisse nach sexuellem Vergnügen selbstverständlich befriedigt werden, während die Frau ihre körperlichen und emotionalen Empfindungen gänzlich abspalten muss, um daraus irgendeinen sekundären psychischen oder sozialen Nutzen zu ziehen, kreieren ein ungesundes strukturelles Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Sie entfremden beide Agierende vom Glückspotential, das einer reziproken erotischen Begegnung innewohnt. Eine derartige Instrumentalisierung der weiblichen Sexualität untergräbt zudem die Integrität der Frau und zementiert die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen.

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“Orgasm is a human right”

Die erotische Anziehung zwischen den Menschen ist eine Urkraft. Von Anbeginn meiner Arbeit als Korsettdesignerin habe ich mich als Botschafterin dieser Kraft verstanden. Meine Korsetts sind dazu bestimmt, in den heterosexuellen Beziehungen die weibliche Verführungskraft zu bestärken. In meinen Kreationen sehen Frauen so aus, wie sie es sich wünschen und wie das männliche Auge es erträumt. Der begehrende Blick eines Mannes vermag dafür die weiblichen Sinne anzuregen. Hier stehen sich beide Geschlechter in ihrer vollen Potenz als gleich starke Wesen gegenüber. «Potent zu seinbedeutet, von der Möglichkeit in die Aktivität zu kommen», sagt Philosophin Svenja Flasspöhler in ihrem Essay «Die potente Frau» und sie fordert dazu auf, den in unserer Kulturgeschichte männlich konnotierten Begriff der Potenz neu zu definieren. Dies könnte damit beginnen, dass Frauen sich dazu entscheiden, ihr sexuelles Vergnügen aktiv einzufordern und darauf zu beharren, dass ihr Potenzial in sinnlichen Begegnungen sowohl Entfaltung als auch Kulmination findet.

Literatur:

The corset. A cultural history. – Valerie Steele
Warum Liebe weh tut. – Eva Illouz, Surkamp 2016
Girls & Sex: Navigating the Complicated New Landscape.– Peggy Orenstein, Paperback 2017
Die versteckte Lust der Frauen. – Daniel Bergner, Knaus 2014
Emotionale Gewalt durch Pornografie und frühe Sexualisierung. -Tabea Freitag in: Bindung und emotionale Gewalt – Karl Heinz Brisch(Hrsg.), Klett-Cotta 2017
Das beherrschte Geschlecht. – Sandra Konrad, Piper 2017
Untenrum frei. – Margret Stokowski, Rowohlt 2017
Die potente Frau: eine neue Weiblichkeit. – Svenja  Flasspöhler, Ullstein Verlag 2018

Eine Lesung zu dem Thema „Von Freiheit zur Selbstbestimmung“ veranstalte ich zusammen mit Julia Knapp am 9. Februar 2019. Weitere Informationen finden Sie hier.

«Von sexueller Freiheit zur Selbstbestimmung – eine Bestandesaufnahme» Lesung und Diskussion am 9. Februar 2019

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«Während wir glauben, wir hätten die Fesseln des Patriarchats längst gesprengt, haben wir nur gelernt in ihnen shoppen zu gehen», stellt die junge Philosophin Margret Stokowski in ihrem Buch «Untenrum frei» (Rowohlt, 2017) fest. Frauen geben sich der Illusion hin, über ihr Sexualleben selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen, während sie durch Erziehung, durch Medien und Ratgeber immer wieder geschickt gelenkt oder gar manipuliert werden.

Die Tatsache, dass in den Frauenzeitschriften Blowjob-Tipps Dutzende von Seiten füllen und die Kurse, die eine bekannte Sexboutique in Zürich zu diesem Thema neuerdings anbietet, ausgebucht sind, geben dieser Aussage recht.

„Würde die Menschheit dieselben Anstrengungen in die Raumfahrt stecken wie die Redaktionen von Frauenzeitschriften in Blowjob-Ratgeber, könnten wir längst zum Kaffeetrinker auf den Mars“ – bringt es Stokowski auf den Punkt – „und immer wieder wird Blasen wie etwas dargestellt, wo eine Frau eben durch muss (…) dem Mann zuliebe„. Gleichzeitig haben die jüngsten Forschungen ermittelt, dass lediglich  28 % Frauen beim Ausführen der Fellatio wirklich erotisches Vergnügen empfinden. Die Mehrheit sieht darin eine Pflichtübung und traut sich nicht zu, diese abzulehnen. Hingegen mögen 69 % der Frauen den Cunnilingus. Sie nehmen es sich aber nur selten heraus, diesen von Männern zu verlangen, auch wenn sie bereits wissen, dass das ein zuverlässiger Weg ist, um zu ihrem Orgasmus zu kommen.

Woran liegt es, dass viele Frauen so bereitwillig alle Tipps aufsaugen, die auf die Befriedigung des männlichen Begehrens ausgerichtet sind und viel weniger Engagement für die Erfüllung ihrer eigenen sexuellen Wünsche aufwenden? Wie Margret Stokowski konstatiert auch die Psychologin Sandra Konrad in ihrem Buch «Das beherrschte Geschlecht» (Piper, 2018), dass die weibliche Sexualität sich in den letzten dreissig Jahren nicht wirklich emanzipiert, sondern eher «maskulinisiert» hat; die von Männern produzierte Pornografie setzt Standards für unsere eigene Fantasien, wir vergrössern operativ unsere Brüste, üben Pole-dance und Striptease in Fitness-Studios und lassen uns im Namen der Freiheit auf unverbindliche, oft unbefriedigende Sexualkontakte ein.

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Demgegenüber gilt es, das weiterzuführen, wofür die Feministinnen der früheren Generationen gekämpft haben, und unsere eigenen Bedürfnisse als Frau wahrzunehmen statt uns unter einem neuen trügerischen Deckmantel der sexuellen Befreiung bereitwillig am Begehren der Männer zu orientieren. Namhafte Philosophinnen, Soziologinnen und Psychologinnen setzen sich in ihren neu erschienenen Werken mit den strukturellen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im Umgang mit der Sexualität auseinander und ermutigen uns, die Emanzipation voranzutreiben.

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Das Duo In flagranti – Beata Sievi und Julia Knapp – lädt ein zu einer Soirée im intimen Rahmen mit Kurzlesungen dieser brillanten Texte. Anschliessend findet eine moderierte Diskussion statt. Auch wir sind überzeugt, dass sexuelle Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung nicht dasselbe sind und dass der Schritt in die Selbstbestimmung sich nicht von alleine ereignen wird. Die gemeinsame Reflexion ist ein wichtiger Bestandteil, um in diese Richtung voranzugehen.

DATUM:  9. Februar 2019, 17 Uhr
ORT:  Beata Sievi`s Salon Bibliothek, Neuwiesenstrasse 97, 8400 Winterthur
PREIS: CHF 65 Neue Gäste / CHF 55 Salon Stamgäste (Snacks, 1 Glas Wein, Kaffee und Kuchen inklusive)
KONDITIONEN: Ihre Anmeldung wird per E-Mail bestätigt und ist verbindlich.
ANMELDUNG: salon@beatasievi.ch

februar 2019