Philosophie über den Liebesschmerz

 

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„Die Liebeskranke“ – Jan Steen

Das Thema des nächsten Salons ist die schwierige Liebe. Der Liebesschmerz hat zahlreiche Façetten – am Salon-Abend vom 4. November möchte ich mich vor allem dem Schmerz nicht erwiderter Liebe widmen. Damit meine ich sowohl eine Liebe, die auf Ablehnung stösst als auch eine Liebe, die nicht so erwidert wird, wie wir es ersehnen und die dennoch nicht aufgegeben werden kann. In meinen nächsten Artikeln möchte ich auf einige philosophische und soziologische Betrachtungen zu diesem Thema aufmerksam machen. Mein Fokus liegt dabei bei der Frage, welche Aspekte unseres Empfindens  durch unsere individuelle Geschichte und welche durch die kulturelle Prägung bedingt sind.

Jean-Luc Marion und die Apologie der unerwiderten Liebe

Romantische Liebe wird heute vor allem mit geteilter Euphorie und einem intensiven Glücksgefühl assoziiert. Wer ohne Gegenseitigkeit liebt, wird als unglücklich, emotionell unreif und therapiebedürftig angesehen. Diese Auffassung der Liebe stellt die Ökonomie des Wohlbefindens und das Diktat der Reziprozität in den Vordergrund. Sie zeugt von einem kulturellen Wandel der sich in unserer Kultur in den letzten 100 Jahren vollzogen hat. Ob wir eine Liebe, die nicht auf Gegenseitigkeit stösst als Schicksalsfügung oder als eine persönliche Niederlage auffassen, hängt wesentlich von unseren soziokulturell bedingten Erwartungen ab. Wie Eva Illouz sagt: « Soziologisch formuliert heisst dies, dass Leid durch kulturelle Definitionen des Selbst vermittelt ist.» Folglich kann ein Umgang mit dem Schmerz der Leidenschaft in einer bestimmten Epoche entweder als sinnvolle Erfahrung erachtet werden und zu innerer Bereicherung verhelfen – oder zu inneren Konflikten und zerstörerischem Gefühl der existentiellen Ausgrenzung führen.

In seinem Essay „Das Erotische. Ein Phänomen“ stellt der französische Philosoph Jean-Luc Marion eine unzeitgemässe Frage nach der Berechtigung einer Liebe, der keine Sicherheit der Erwiderung vorausgeht: – „Kann ich selbst als erster lieben, ich zuerst?“ In seinen Augen besteht daran kein Zweifel – im Gegenteil – was in der heutigen Beziehungskultur als Schwäche bezeichnet wird, definiert der Autor als ein Zeichen der einzigen wahren Liebe, die nichts mit einer Einschränkung der Freiheit gemeinsam hat. „Die unvergleichbare und unwiderlegbare Souveränität des Liebens erhält ihre Macht daraus, dass sie sich so wenig von der Reziprozität tangieren lässt, wie sie sich von der Gegenleistung für eine Investition anstecken lässt“.

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Gerard Terborch – „Reeding a letter“

Der französische Philosoph ist der Überzeugung, dass Liebe nicht erwidert werden muss um als vollendet empfunden zu werden – wie ein Geschenk, das seinen Wert nicht verliert, auch wenn es nicht angenommen wird. Allen Menschen, die in unerwiderter Liebe einen Verlust sehen wollen, gibt er zu bedenken, dass nur derjenige verliert, der sich der Liebe entledigt. Dem Liebenden bleibt hingegen das wichtigste – die Liebe selbst – erhalten, wenn immer er sich dafür entscheidet. Ohne Gegenleistung und ohne Rücksicht auf das eigene Wohlergehen zu lieben bedeutet somit ein Wagnis und ist der grösste Liebesbeweis.

Diese Vision der Liebe scheint eine ganz andere Konstruktion des Selbst vorauszusetzen, als wir sie heute erleben – ein Selbst, dass in sich ruht und nicht auf die Bestätigung von aussen angewiesen ist. Sie ruft ein Ideal der höfischen Liebe in Erinnerung. Sowohl den Trobadoren, als auch den Liebenden bis in das 19. Jh. war nicht nur die Angst vor der Zurückweisung fremd – viele waren sogar in der Lage das Liebesleid in eine erhabene Erfahrung umzuwandeln, die die Seele läutert.

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Emile Levy – „Love letter“

Interessant sind die Ausführungen des französischen Philosophen zu Verknüpfungen von Liebe, Vernunft und kognitiven Fähigkeiten. Wann tritt die Liebe überhaupt in Erscheinung? Jean-Luc Marion sieht den wahren Anfang der Liebe genau in dem irrationalen Moment, in dem wir uns ohne Garantie und Sicherheit auf jemanden einlassen und unseren Gefühlen Raum geben.

„So wie ein Krieg letztlich ohne Grund ausbricht (…) so lässt der Liebende die Liebe ausbrechen. Er erklärt seine Liebe, so wie man den Krieg erklärt – ohne Grund. Das heisst manchmal sogar, ohne sich die Zeit zu nehmen oder Sorge dafür zu tragen, eine offizielle Liebeserklärung zu machen.“

Solche Hingabe kann nur jemand erfahren, der den Anspruch auf die Kontrolle über seine Gefühle aufgegeben hat. In einer Welt, in der die Partnerwahl immer mehr den rationalisierten Kriterien unterliegt fällt uns zunehmend schwer die Ohnmacht der Vernunft zu akzeptieren und den eigenen Empfindungen zu vertrauen. Für Jean-Luc Marion hingegen hat die Abwesenheit der Vernunft in Sachen Liebe etwas Natürliches: „Der Liebe mangelt es an Vernunft in dem Masse, wie es einem an Luft mangelt, je höher man auf den Berg steigt. Die Liebe weist die Vernunft nicht zurück, sondern die Vernunft selbst weigert sich, bis dahin zu gehen, wo der Liebende hingeht (…) Wenn es ums Lieben geht, reicht die Vernunft nicht aus».

In Konsequenz definiert Marion Liebe kaum als ein Gefühl, das von dem besonderen Wert des Liebesobjektes herrührt. Wer als erster liebt, liebt sogar oft ohne die genaue Kenntnis seines Objektes – er liebt nicht weil er kennt, sondern er erkennt das ausgewählte Wesen erst in dem Masse in dem er es liebt.

Die Erörterungen vom französischen Philosoph legen die Frage nahe, wer zu einer Liebe, die sich nur auf Intuition verlässt, keine Gegenseitigkeit voraussetzt und zu leidvollen Erfahrungen bereit ist, fähig sei. Wie konstituiert sich eine Persönlichkeit, die zu Bindung fähig, jedoch nicht auf eine kontinuierliche Anerkennung angewiesen ist? Kann unsere Kultur überhaupt einen geeigneten Hintergrund für eine solche persönliche Entfaltung und Liebe bieten? Ich hoffe, Antworten auf diese Fragen bei der Soziologin Eva Illouz zu finden, und zwar nicht nur in ihrem Buch «Warum die Liebe weh tut» sondern auch in Ihrem Vortrag «Die neue Liebesordnung» dem ich in wenigen Tagen in Salzburg beiwohnen werde.

***

Literatur:

Was ist Liebe? Philosophische Texte von der Antike bis zu Gegenwart – Reclam Verlag 2015

Das Erotische. Ein Phänomen. Sechs Meditationen – Jean-Luc MarionVerlag Karl Alber, Freiburg in Breisgau 2011

Warum die Liebe weh tut – Eva Illouz, Surkamp 2016

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Caspar David Friedrich – „Wanderer über dem Nebelmeer“

Der nächste  Salon-Abend findet am 4. November statt und ist den unglücklich Liebenden gewidmet. Mark Schneider und Julia Knapp lesen aus Briefen und Literatur. Beata Sievi beleuchtet das Thema aus der wissenschaftlichen Sicht und moderiert die Salon-Diskussion. Zeit: 17-21 Uhr. Ort: Winterthur. Genaue Adresse wird bei Anmeldung angegeben. Preis inkl. Konsumation CHF 55.00. Weitere Informationen finden Sie hier. Anmeldung bis 20. August unter atelier@entrenous.ch ist erforderlich.

„Erotik und Entrüstung“ von Hans-Jürgen Döpp

Am 17. Juni war Hans-Jürgen Döpp zu Gast in meinem Salon. Es freut mich längere Auszüge aus seinem Vortrag „Erotik und Entrüstung“ zusammen mit den ausgewählten Bilder aus seiner umfangreichen Sammlung hier veröffentlichen zu dürfen.

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Privat-Livemont -„Satyr-Liebe“, 1900

Erotische Kunst oder Pornographie?

Seit Jahrhunderten führt die erotische Kunst eine Schattenexistenz. Sie wird weggesperrt, wenn nicht gar verfolgt und vernichtet. Verbannt in die Tresore öffentlicher Museen und privater Kabinette. Unstatthafte Bilder allesamt; als „pornographisch“ verboten insbesondere in unserem westlichen, dem Sexuellen gegenüber wenig aufgeschlossenen Kulturkreis. Hier haben Zensurgesetze durch Jahrhunderte hindurch Künstler und Verleger gezwungen, nur winzige Auflagen herzustellen, die nur eine kleine Gruppe kenntnisreicher „Amateure“ sich leisten konnte. Manche Editionen sind heute daher kaum mehr auffindbar, und wenn doch, dann sind sie unbezahlbar.

„Pornographie“ ist ein moralisierender Schmäh-Begriff. Nähme man den Ausdruck in seiner ursprünglichen griechischen, rein beschreibenden Bedeutung, nämlich als „Huren-Schreibe“, also als Bezeichnung eines Textes, der sich auf geschlechtsbezogene Dinge bezieht, dann könnte man freigeistig und ohne christliche Entwertung durchaus Erotische Kunst mit Pornographie gleichsetzen, soweit es um die dargestellten Inhalte geht. Diese Umwertung käme einer Rehabilitierung des Begriffes „Pornographie“ gleich.

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Rafael Dussan, Illustration zur „Histoire de l’Oeil“ von George Bataille, 2004

Gespalten zwischen Verbot und Überschreitung

Was erklärt die Empörung und Entrüstung, die seit Jahrhunderten die Geschichte der erotischen Kunst und Literatur begleitet? Mit wild gemischten Gefühlen reagieren wir auf alle künstlerischen und nicht-künstlerischen Darstellungen des Erotischen: Neugier mischt sich mit Empörung und Abscheu; sittliche Bedenken gehen einher mit intellektuellen Vorbehalten. Doch je höher der Ausschlag auf der Richter-Skala unserer Empörung, um so tiefer, so dürfen wir annehmen, ist die Erschütterung, die ein Werk in uns bewirkt; Erschütterungen, die auf tektonische Verschiebungen im seelischen Gefüge schließen lassen: Erotik bedroht uns!

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Rafael Dussan, Illustration zur „Histoire de l’Oeil“ von George Bataille, 2004

Was Erotik ist, lässt sich mit Georges Bataille am ehesten im Gegensatz zur Welt der Arbeit bestimmen. „Ich behaupte nicht“, schreibt Bataille, „daß die Erotik das wichtigste Problem ist. Das der Arbeit ist dringender: aber es ist ein Problem, das unseren Mitteln entspricht, während die Erotik das Problem der Probleme ist. Insofern er ein erotisches Lebewesen ist, ist der Mensch für sich selbst ein Problem. Die Erotik ist der problematischste Teil in uns.

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Bataille unterscheidet zwischen der Welt der Arbeit und der der Erotik. Damit werden zwei unvereinbare Bereiche benannt, die auf zwei unvereinbaren Elementen beruhen: dem des Verbotes und dem der Überschreitung. Auf alle Fälle gehört der Mensch der einen und der anderen der beiden Welten an, die sein Leben, ob er will oder nicht, zerreißen. Die Welt der Arbeit und der Vernunft ist die Grundlage unseres Lebens. Aber die Arbeit erfüllt uns so wenig, wie uns die Isolierung in der abgrenzten Individualität nicht glücklich macht. Das Element der Überschreitung ist kennzeichnend für die Erotik. In der Überschreitung geht es – Bataille zufolge – um die Auflösung gebildeter Formen, jener Formen des sozialen, regelmäßigen Lebens, welche die Ordnung der bestimmten Individualitäten ausmachen, die wir sind. Diese auf Aus- und Abgrenzung beruhenden Formen werden in der Erotik in Frage gestellt, im höchsten Grade verwirrt und gestört.

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Godal, Die Herrin, 1920

Eros und Gewalt

Erotik markiert die brisante Schnittstelle zwischen Natur und Kultur. Was uns bedroht an ihr, wird als Einbruch der Gewaltsamkeit und Grausamkeit erfahren. Immer wieder gibt man sich seit Rousseau dem vergeblichen Versuch hin, diese Gewalt und Grausamkeit aus der Wahrnehmung des Sexuellen zu verdrängen: Sexualität wird im westlichen Europa und in Amerika idealisiert als harmloses Freizeit-Vergnügen, das zum „healthy-way-of-life“ gehört. Doch diese Form „befreiter“ und tolerierter Sexualität ist selbst schon eine domestizierte; ihr hat man den Stachel der Lust und der Gewaltsamkeit schon gezogen, auf den wie kein anderer zuvor und nach ihm Marquis de Sade mit seinem Werk hinwies. Das erschreckte Zurückweichen vor dem göttlichen Monster Sade, dessen Schriften man noch in unserem aufgeklärten Jahrhundert als „Bluthusten der europäischen Kultur“ verurteilte, gründet im Schrecken vor der Naturgewalt des Sexuellen. Ein idealistisches, auf christlichen Humanismus sich gründendes Menschenbild wird stets wieder gekontert durch den Hereinbruch dieser heidnischen Macht.

Sexualität versus Erotik

Sexualität ist, sei es in den geglückten Formen ihrer Bemeisterung, sei es in den Formen der Entfremdung, immer auch zugleich „Kulturgeschehen“- auch und gerade dann, wenn sie aus dem offiziellen Prozeß der Kultivierung ausgesperrt bleibt: Sie begleitet diesen als ein unterirdischer Strom. Sie ist der Schatten der Zivilisationsgeschichte, in deren Verlauf der sinnliche Leib zur Wohnstätte des „Leibhaftigen“ wurde.

Es ist die Distanz, welche Erotik von Sexualität unterscheidet. Der erotische Akt ist ein geglückter Balanceakt, in dem der Kältestrom einer rational organisierten Gesellschaft, – der im Extrem genauso zum Zusammenbruch der Gemeinschaft führen kann-, mit dem Wärmestrom einer zügellosen, zerstörerischen Sexualität zu einem immer wieder prekären Ausgleich findet. Apollo kann nicht ohne Dionysos leben!

Paul Emil Becat, Huit Images avec leur Texte, 1932
Paul Emil Becat, Huit Images avec leur Texte, 1932

Doch auch in ihren gezähmten Versionen bleibt Erotik eine dämonische Macht im menschlichen Bewußtsein, da in ihr der gefährliche Gesang der Sirenen nachklingt, denen sich zu nähern tödlich ist. Hingabe und Aufgabe, Regression und Aggression: das sind die Kräfte, die nach wie vor locken. In der Literatur hat die Konvergenz von Lust und Todessehnsucht schon immer eine große Rolle gespielt.

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Rudolf Keller, aus „Erotische Märchen“ – Rapunzel, 1919

Dem Dämon ins Gesicht sehen

Distanz ermöglicht Freiheit. Insofern gewährt auch Kunst Freiheit. Sie gewährt die Freiheit, mit dem Feuer zu spielen, ohne an ihm zu verbrennen. Sie spricht das Auge an; sie gewährt ein Liebäugeln mit der „Sünde“, ohne dass man selbst sündigt.

Erotische Kunst provoziert ihrer Natur gemäß Entrüstung, da sie die Grenzen eines tabuierten, eines verbotenen Bereiches überschreitet. Dabei geht es um innere Verbote, nicht immer nur um solche, die von außen, durch Moral und Gesetzgebung gesetzt werden. Insofern wird Erotik, unabhängig von aller gesellschaftlichen Liberalisierung, stets ein brisanter Bereich bleiben.

Erotik und erotische Kunst bleiben dämonische Mächte im menschlichen Bewußtsein, Mächte, die immer wieder verbotene und gefährliche Wünsche in uns wecken. Wie aber umgehen mit diesen Mächten? Bataille setzt einem verschreckten Zurückweichen entgegen: „Ich glaube nicht, daß der Mensch Aussicht hat, Licht in die Situation zu bringen, bevor er nicht beherrscht, was ihn erschreckt … Der Mensch kann das, was ihn erschreckt, übersteigen, er kann ihm ins Gesicht sehen“.

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Lapin, aus „Les Erreurs d`Amour“, 1930

Angaben zum Autor:

Hans-Jürgen Döpp studierte Soziologie und Pädagogik und unterrichte über mehrere Jahre „Psychosexuelle Sozialisation“ an der J.W.Goethe Universität Frankfurt. Von 1995 bis 2001 betätigte er sich als Kurator des Beate Uhse-Erotik-Museums in Berlin. Seine Sammlung gehört zu den grössten in Europa. Er ist Autor einer Vielzahl von Büchern zur Kulturgeschichte der Erotik und Verleger erotischer Mappenwerke.

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Viset, Vision, 1928

Sexualtrieb zwischen Natur und Kultur–Salon Bericht Teil 2

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Bild: Ewald Vorberg

„Sex – Die wahre Geschichte“ – Chris Ryan`s Plädoyer für Wollust im Urparadies

Monogamie ist von der Natur nicht vorgesehen. Mit dieser wissenschaftlich fundierten Erkenntnis widerspricht das Buch „Sex – Die wahre Geschichte“ dem bisher vorherrschenden Verständnis menschlicher Evolution. Die beiden Autoren untersuchen die prähistorischen Wurzeln der menschlichen Sexualität und fragen, welches Sexual- und Paarungsverhalten das natürliche ist. Die Veranlagung zur Monogamie, die Darwin und nach ihm viele Evolutionsbiologen konstatierten, scheint eine Fehlinterpretation zu sein.

Die Autoren greifen die Wurzeln unseres Verständnisses von Ehe an und argumentieren, dass die Ideologie der Monogamie einen ungesunden Druck erzeugt. Es ist eine Tatsache, dass unsere Gesellschaft das Nachlassen der sexuellen Anziehung in Langzeit-Beziehungen nicht als natürlich annehmen kann und gleichzeitig nach sexueller Treue verlangt. Dies hat sowohl zahlreiche Therapie-Angebote als auch eine Erotik-Industrie hervorgebracht. Beide sind darauf ausgerichtet  das nachlassende Begehren anzukurbeln und sind damit zu einem blühenden Wirtschaftszweig angewachsen.

Gestützt auf Forschungsergebnisse der Anthropologie, Primatologie und Vorgeschichte machen die Autoren darauf aufmerksam, dass Promiskuität in der neolithischen Zeit nicht wahlloser Sex mit Fremden bedeutete, wie wir sie heute verstehen, sondern sexuelle Kontakte mit mehreren Partnern innerhalb der Gemeinschaft. Somit stand die Sexualität ursprünglich im Dienste einer breit angelegten sozialen Verbundenheit.

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Pietro Donzelli, Album: „Luce“, Nimbus Kunst und Bücher

Salon-Reflexionen zu Lektüre von Chris Ryan

Für den Salon-Abend habe ich Fragmente des Buches gewählt, in denen zwei Themen im Vordergrund standen: der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Libido und der Zusammenhang von Monogamie und Eifersucht.

Die Frage danach ob Frauen genauso intensiv wie Männer Sex geniessen können wurde schon zur Zeit der Aufklärung diskutiert. Auch wenn wir heute weniger Probleme haben die Gleichberechtigung im sinnlichen Vergnügen zu akzeptieren, herrscht noch kein Konsens über die Voraussetzungen dafür. Ist es wirklich so, dass Frauen von Natur aus eine stärkere emotionale Bindung an den Partner benötigen, um Sex zu geniessen, oder ist dieses Verhalten kulturell bedingt? Aus meinen Begegnungen und Gesprächen mit Männern und Frauen geht hervor, dass die Verbindung von Sexualität und Gefühlen nicht so sehr durch das Geschlecht, sondern vielmehr durch unser Bindungsmodell geprägt wird. (Wir könnten anstelle von Bindungsmodell auch einfach von unserer Fähigkeit sprechen, Nähe zu empfinden und die damit verbundenen Emotionen zu regulieren).

Auch betreffend Eifersucht wird oft die Frage ihres Ursprungs diskutiert. Mit den Berichten über promiskuitive Urvölker und polygame Gruppenehen beweist Ryan, dass Eifersucht nicht unser genetisches, sondern ein kulturelles Erbe sei. Seiner Meinung nach ist romantische Liebe nur in unserer Kultur mit der Vorstellung verknüpft, den geliebten Menschen zu besitzen. Oft dient sie als Ausgleich zu einer mangelhaften elterlichen Liebe. In den Ur-Gesellschaften hingegen scheint das Eingebunden-Sein des Einzelnen in die Gemeinschaft unglaublich viel stärker zu sein. Die Menschen verfügen somit von Grund auf über eine sichere Bindung und können ihre Sexualität viel freier leben. Sexualität und das Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit sind nicht, wie in unserer heutigen Zivilisation, miteinander verknüpft.

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„Garten der Lüste“ , Heronymus Bosch, 1500

In Ryan’s Ausführungen und Schilderungen der polygamen Gemeinschaften ist der Wunsch, irgendwie an diese ursprüngliche „Welt ohne Angst“ anzuknüpfen, spürbar. Aber ist das eine realistische Perspektive in einer  Welt, in welcher 60 % der Menschen emotionelle Defizite und ein unsicheres Bindungsmodell aus ihrer Kindheit davontragen? Neurologisch gesehen ist nicht nur die genetische sondern auch die nachgeburtliche Prägung besonders im Bindungsbereich sehr stark. Woher sollen wir  unsere Sicherheit nehmen, um mit Eifersucht besser umgehen zu können? Welche Chancen haben wir in Bezug auf eine freie Sexualität, wenn uns dieses Urvertrauen in die haltende Umwelt fehlt? Diese Fragen bleiben im Buch unbeantwortet.

Das letzte Jahrzehnt hat mit ihren uneingeschränkten Möglichkeiten der digitalen Kommunikation eine wachsende Anzahl von Angeboten für unverbindlichen Sex, in all seinen Formen gebracht. Auch wenn die Befreiung der Sexualität von den Zwängen religiöser Normen ihrer Entfaltung dient, scheint derzeit aber im Hinblick auf die volle Entwicklung unseres Potentials doch eine gewisse Orientierungslosigkeit zu herrschen. Wie sind die Angebote zu deuten? Sind sie, wie Christian Ryan suggeriert ein Anknüpfen an unsere wahre Natur, oder aber nur ein reflexartige Genuss-Suche, die von den Angeboten der Marktwirtschaft gesteuert wird.

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Bild: Beata Sievi

Eva Illouz („Warum Liebe weh tut“) macht darauf aufmerksam, dass der heute oft gestellte Anspruch auf emotionelle Distanz auch in sexuellen Beziehungen ein neuer Ausdruck der männlichen Macht sei. Sie hält Frauen dazu an, auf ihre Bindungsbedürfnisse im Zuge so verstandener sexueller Freiheit keineswegs zu verzichten. Die Emanzipation hat aus ihrer Sicht so etwas wie eine Gleichstellung in der Reduktion der Bedürfnisse hervorgebracht, aber keine wahre Freiheit. Auch Konrad Stauss („Bonding-Psychotherapie“) verdeutlicht, dass unsere westliche Zivilisation dazu neigt, die Bindungsbedürfnisse zugunsten der Autonomie und Selbstverwirklichung zu opfern, um dem hoch gesteckten Leistungsdruck zu genügen. Da Sexualität biologisch gesehen eine Funktion der Bindung ist, scheint es mir nicht möglich über freie Sexualität zu diskutieren ohne sich die Fragen zum Umgang mit unseren Emotionen und Bedürfnissen nach Nähe und Sicherheit, die in sexuellen Begegnungen entstehen, zumindest klar zu stellen.

Rollo May, befürchtete schon in den 80-er Jahren, dass uns Eros im Meer des Sex-Konsums verloren geht. In seinem Werk „Liebe und Wille“ behauptet er – im Gegenteil zu Chris Ryan – dass ein Mensch kein Affe sei und seine Fähigkeit zu persönlicher Verbindung im Sexual-Akt von Angesicht zu Angesicht genau das wesentlich Menschliche sei…

Und welche Wünsche und Visionen in Bezug auf den Umgang mit Liebe und Sexualität in unserer Gesellschaft erweckte in Ihnen die Lektüre, liebe Salon-Gäste?

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Karte von Cornelia nach dem Salon vom 14. Januar 2017

Es freut mich immer nach dem Salon die Feedbacks der Gäste zu lesen. Die handgeschriebene Karte von Cornelia W. hat mich besonders berührt. Sie knüpft direkt an unsere Diskussion über flüchtige Begegnungs-Momente auf der Strasse und an meine Erzähung über eine fesselnde Begegnung im Warschauer Traum in der Zeit meines Psychologie-Studiums. Meine Erzählung erinnerte Cornelia an die Zeilen Baudelaires, die ich nicht kannte. In dem Gedicht wird ein Mann vom Blitz der Liebe getroffen, als er die Frau erblickt, die anmutig den Saum ihres Kleides hält…

An eine, die vorüberging – Charles Baudelaire

Der Straßenlärm betäubend zu mir drang.
In großer Trauer, schlank, von Schmerz gestrafft,
Schritt eine Frau vorbei, die mit der Hand gerafft
Den Saum des Kleides hob, der glockig schwang;

Anmutig, wie gemeißelt war das Bein.
Und ich, erstarrt, wie außer mich gebracht,
Vom Himmel ihrer Augen, wo ein Sturm erwacht,
Sog Süße, die betört, und Lust, die tötet, ein.

Ein Blitz … dann Nacht! – Du Schöne, mir verloren,
Durch deren Blitz ich jählings neu geboren,
Werd in der Ewigkeit ich dich erst wiedersehn?

Woanders, weit von hier! zu spät! soll’s nie geschehn?
Dein Ziel ist mir und dir das meine unbekannt,
Dich hätte ich geliebt, und du hast es geahnt!

À une passante

La rue assourdissante autour de moi hurlait.
Longue, mince, en grand deuil, douleur majestueuse,
Une femme passa, d’une main fastueuse
Soulevant, balançant le feston et l’ourlet;

Agile et noble, avec sa jambe de statue.
Moi, je buvais, crispé comme un extravagant,
Dans son oeil, ciel livide où germe l’ouragan,
La douceur qui fascine et le plaisir qui tue.

Un éclair… puis la nuit! — Fugitive beauté
Dont le regard m’a fait soudainement renaître,
Ne te verrai-je plus que dans l’éternité?

Ailleurs, bien loin d’ici! trop tard! jamais peut-être!
Car j’ignore où tu fuis, tu ne sais où je vais,
Ô toi que j’eusse aimée, ô toi qui le savais!

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Paris, Monmartre, 2010, Bild: Beata Sievi

Das Gedicht von Baudelaire erinnerte mich an Marcel Proust, der sein Lebens Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ der Sehnsucht nach Liebe gewidmet hat. Auf mehreren Seiten beschreibt er die flüchtigen Begegnungen, welche ein starkes Begehren auslösen, das durch die Unerreichbarkeit des Objektes verstärkt wird. Dabei gilt das Verlangen nie ausschliesslich dem Körper, sondern sucht das Wesen der Person zu durchdringen. Ich habe die sechs Bände als 22-jährige gelesen aber erst heute erschliesst sich mir der Sinn des gesamten Romans. Ich teile mit Euch die Fragmente, die ich mir damals, in der Zeit grosser Sehnsucht nach einer Liebesbegegnung, angestrichen habe…

“Ich wußte, daß ich diese junge Frau nicht besitzen würde, besäße ich nicht auch das, was in ihren Augen war. Und so war es infolgedessen ihr ganzes Leben, das meine Begierde erregte; eine Begier, die schmerzlich war, weil sie, ich fühlte es, nicht zu befriedigen war, doch auch berauschend, weil das, was so lange mein Leben gewesen, mit einem Schlage aufgehört hatte, mein ganzes Leben zu sein, und nicht mehr als ein kleiner Teil der Fläche, welche sich da vor mir dehnte, war – der Fläche, die ich ungeduldig brannte zu durchmessen, denn sie war aus dem Leben dieser jungen Mädchen gemacht, und sie versprach mir jene mögliche Verlängerung, Vervielfältigung seiner selbst, die das Glück ist.”

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Paris 2010, Bild: Beata Sievi

„War es, weil ich nur flüchtig sie bemerkt hatte, daß sie für mich so schön erschienen war? Vielleicht. Zuvörderst: daß es unmöglich ist, bei einer Frau sich aufzuhalten, daß die Gefahr besteht, an einem andern Tage sie nicht wieder zu treffen, teilt ihr mit einem Male das Verlockende mit, das einem Lande Krankheit oder Armut verleihen, die uns hindern, es zu besuchen, oder den glanzlosen Jahren, welche uns noch zu leben bleiben, der Kampf, in dem wir ohne Zweifel unterliegen. Und wäre die Gewohnheit nicht, so müßte dergestalt das Leben jenen Wesen, die jede Stunde vom Tode bedroht sind, – will sagen allen Menschen –hinreißend erscheinen. Wenn fernerhin die Phantasie vom Drang nach dem, was wir nicht besitzen können, beschwingt ist, bricht ihr Elan sich nicht an einer Wirklichkeit, wie sie vollständig, unverstellt in einer jener Begegnungen uns erscheinen würde; ist doch der Charme einer Vorübergehenden gewöhnlich direkt der Schnelligkeit ihres Vorüberkommens proportional.“

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Paris, Passage du Desir, Bild: Beata Sievi

Wir hatten uns anlässlich des Textes “Paradies im Boudoir” gefragt ob es angebracht ist einem solchen unmitelbaren Begheren zu folgen. Mündet es nicht zwandsläufig in Enttäuschung? Marcel Proust hält für uns eine anekdotische Antwort bereit…

“Wenn ich hätte absteigen und mit dem Mädchen, das wir gekreuzt hatten, hätte sprechen können, so wäre ich vielleicht durch einen Fehler ihres Teints, den ich vom Wagen aus nicht bemerkt hatte, aus meiner Illusion gerissen worden. Vielleicht hätte ein einziges Wort von ihr oder ein Lächeln mir einen Schlüssel, eine unerwartete Chiffre gegeben, so daß ich ihren Ausdruck in Gesicht und Schritt hätte lesen können, und der wäre dann augenblicks banal geworden. Es ist möglich, denn nie habe ich so begehrenswerte Mädchen je im Leben gefunden wie an den Tagen, an welchen ich mit irgendeiner gewichtigen Persönlichkeit zusammen war, die ich trotz Vorwänden, welche ich ersann, nicht verlassen konnte; einige Jahre nachdem ich zum ersten Male in Balbec gewesen war, fuhr ich mit einem Freunde meines Vaters in Paris im Wagen aus, und da bemerkte ich eine Frau, die schnell in der Nacht ausschritt. Ich dachte, es sei Wahnsinn, aus Schicklichkeitsgründen meinen Anteil am Glück in dem – unbedingt einzigen – Leben, das ist, zu verlieren, sprang aus dem Wagen, ohne um Entschuldigung zu bitten, machte mich ans Verfolgen jener Unbekannten, verlor sie an der Kreuzung zweier Straßen aus den Augen und fand in einer dritten endlich mich ganz außer Atem im Licht einer Gaslaterne der alten Frau Verdurin gegenüber, die von mir gemieden wurde, wo ich nur konnte, und nun in glücklicher Überraschung ausrief: »O wie reizend von Ihnen, daß Sie gerannt sind, um mir guten Tag zu sagen.«

Marcel Proust, „Im Schatten junger Mädchenblüte“, übersetzt von Walter Benjamin und Franz Hessel

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Paris 2010, Bild: Beata Sievi

 

 

„Paradies im Boudoir?“ – Salonbericht Teil 1

 

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La Trompetina – Antoine Pesne, Sammlung August Ohmm

„Die Natur muss wohl in sich unvollkommen sein, wenn sie uns eine Neigung eingibt, die das Gesetzt verdammt. Oder das Gesetz ist ein zu strenges Gesetzt, wenn er eine Neigung verdammt, die uns die Natur eingibt.“  Dreux du Radier, Dictionaire d`amour.

Die ersten Texte des Salons vom 14. Januar einführten uns in das Zeitalter des Rokokos. Vier hypothetische Briefe zwischen zwei literarischen Gestalten – dem Graf Valmont und der Fanny Hill beinhalten authentische Informationen über die erotische Kultur der Epoche und die Philosophie des Libertinismus. Durch das ungehemmte Ausleben der Sexualität will Libertinismus den von der Aufklärung errungenen Anspruch des Menschen auf irdisches Glück einlösen. In den Briefen werden Begegnungen erwähnt, die ausschliesslich auf die Befriedigung der sinnlichen Lust ausgerichtet sind. Das ist typisch für Libertinismus, der in den starken Gefühlen der Zuneigung eine Gefahr der geistigen Verwirrung sah und versuchte das Risiko des Leidens dadurch zu mindern, dass er die Liebe auf pure Sexualität reduzierte. (1)
Auch heute noch kann die erotische Literatur – die Tagebücher und Korrespondenzen und die erotische Kunst des 18.Jh. – Zündstoff für unsere Fantasie bieten. Wir können uns dabei die Frage stellen, unter welchen Umständen wir bereit sind, den Trieben, unabhängig von der Liebe, nachzugeben und was wir  dabei gewinnen. Welche Sehnsucht wird angesichts der lustvollen Szenarien lebendig ? Gleichzeitig empfinden einige von uns ein Unbehagen, insbesondere wenn diese Fantasie zum Programm wird. Wofür stehen unsere Befürchtungen ein?

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Christophé 1916, „Venus und Tannhäuser“, Sammlung Hans-Jürgen Döpp

 

In der heutigen Zeit finden wir ein Übermass an Angeboten für einen unverbindlichen Sex mit Unbekannten. Sowohl in den Annoncen als auch in direkten Begegnungen von Mann und Frau, wird oft eine Trennung der Sexualität von Gefühlen als erstrebenswert und als psychologisch realistisch angesehen. Diese Trennung zielt, meiner Ansicht nach, darauf ab den möglichen emotionellen Schmerz des allfälligen Verlustes oder die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Du zu vermeiden. Darin sehe ich eine Ähnlichkeit zwischen der heutigen Zeit und dem Libertinismus des 18 Jh. Es ist erstaunlich, dass sich in Bezug auf diese Angst vor der emotionellen Verletzung seit Jahrhunderten so wenig in unserer Kultur verändert hat.

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Radierung aus dem 1750, Sammlung: Hans-Jürgen Döpp

Gleichzeitig scheint mir die erotische Kultur des Rokokos sich durch mindestens zwei Elemente von der modernen Promiskuität zu unterscheiden. Zum einen zeigt sie grössere Fantasie und Ästhetik in der Gestaltung der luststeigernden Rituale – es werden alle Sinne mit einbezogen und es fehlt nicht an Rollenspielen und raffinierten theatralischen Szenarien – zum anderen spielen sich die Rituale im Kreise sich kennender Menschen, die der gleichen Gesellschaftsschicht – dem Adel – angehören. Promiskuität dürfte in diesem Fall ihre ursprüngliche Bedeutung feiern, die sie noch in der neolithischen Zeit hatte – die Stärkung der Zusammengehörigkeit. Mit diesem Aspekt sich heute anzufreunden, dürfte eine schwierigere Herausforderung sein, als die Gefühle und dem Trieb zu trennen.

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Emile Wattier, Das kleine Abendmahl des Regenten

Die Zeit der Aufklärung brachte auch eine intensive medizinische Auseinandersetzung mit den gesundheitlichen Aspekten der Sexualität, deren Echo wir in den zwei letzten Briefen hören. Die Wichtigkeit der sexuellen Erfüllung der Frau wird anerkannt und es wird ihr oft das grössere erotische Potential zugesprochen. Grund dafür sollte die Beschaffung der Organe sein, welche keine natürliche Grenze darstellt. Obwohl in Ansätzen fortschrittlich, zeugt der Diskurs noch immer von einer vorherrschenden Furcht vor der weiblichen Sexualität und generell vor Sinnlichkeit. Der Konflikt zwischen den Folgen der übermässigen Lust auf der einen Seite und der Enthaltsamkeit auf der anderen, wurde von den Medizinern dadurch gelöst, dass sie die Sinnlichkeit in die Schranken der Ehe verwiesen. (2)

 

Literaturnachweis:

1,2)« Paradies im Boudoir – Glanz und Elend der erotischen Libertinage im Zeitalter der Aufklärung » – Peter Prange, Marburg 1990
Bei der Lesung vom 14. Januar wurden ausserdem Fragmente aus folgenden Büchern berücksichtigt:

«Fanny Hill, Erlebnisse eines Freudenmädchens. John Cleland, 1749
« Gefährliche Liebschaften – Frankreich zu Zeiten der Libertins « Jacqueline Queneau, Jean-Yves Patte, 2002
« Correspondance de Madame Gourdan «, Anonym (Madame Gourdan, dite La Comtesse)

 

 

 

 

 

 

Bange Wollust und zarte Kühnheit – Gedichte von Susanne Popp und Bilder von Ewald Vorberg

Susanne Popp

zwischen deinen Lippen

ich habe mich verloren

zwischen deinen lippen

liegt mein name

warte auf ein wort

oder auf einen hauch

den luftzug

beim atem holen

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„Flora“ – Bild Ewald Vorberg

Anlässlich des letzten Salons schenkte mir Susanne Popp ihren Gedichtband „Faserzeit“. Ich fand Gefallen an den Versen, die mit wenigen Worten alle die flüchtigen Empfindungen formulieren, die zwischen Verschmelzung und Abschied zweier Liebenden liegen. Momente intimer Verzauberung mischen sich mit dem Staunen angesichts der Grenzen des eigenen Körpers und den Grenzen des Du. Der andere gehört uns nur für kurze Augenblicke und Abschied oder emotionelle Distanz lässt uns in Schmerz versinken. Die Gedichte sind eine subtile Beschwörung der Sinnlichkeit und der Sehnsucht nach Nähe, die das Wesentliche im Schweigen mitteilen. Ähnlich wie die Bilder meines befreundeten Fotografen, Ewald Vorberg. Die Schatten-Spiele verhüllen stets den entspannt ruhenden weiblichen Körper. Die vom Künstler gewählte Betrachtungs-Perspektive lässt uns glauben einem Moment beizuwohnen, in dem eine Frau sich ihrer eigenen Träumerei hingibt und ihre Intimität unbewusst oder nur beiläufig preisgibt. Die körnigen und diffusen Strukturen der Bilder, die auf besondere Aufnahme-Techniken zurückzuführen sind, verstärken noch das Gefühl der Entrückung. Auf diese Art entfaltet der Fotograf ein raffiniertes Spiel mit dem sinnlichen Begehren des Betrachters.

Contemplation

Susanne Popp

 

der dieb

du kammst und stahlst

mein herz nun weiss ich

nicht weiter

fühl`mich so taumelnd

sinkend liebestoll

ein bisschen haut und haar

wollt`ich dir lassen

das wär`mir einerlei

nur nahmst du mehr

das ist jetzt eine weile her

und ich hab dich schon

ein paar stunden lieb

dabei bist du

so dünkt es mich beinah

– verzeih` – nur ein

gewohnheitsdieb

 Jolina-2 Ewald Vorberg.jpg

Susanne Popp

Ich will heimatlos sein

ich will heimatlos sein

um dich zu lieben

das bewohnte abstreifen

die grünen äpfel

die mir meine mutter gab:

ich werfe damit nach den spatzen

das wohlige schläfert nur ein

ich streife die decke ab

hänge federkissen aus dem fenster

eine beschneite welt ist mir lieber

um deine wärme zu spüren

Das Gedichtband kann direkt bei der Autorin bestellt werden: http://www.biografienwerksatt.de. Bilder von Ewald Vorberg sind zu sehen und zu bestellen unter: http://www.ewaldvorberg.de

Liebe als Basis des Urvertrauens – Arno Gruen über Empathie.

arno

In der gegenwärtigen politischen Situation erscheint es als Luxus, sich intellektuell mit Liebe und Eros zu befassen. Andererseits sehe ich – ähnlich wie der Psychoanalytiker Arno Gruen / Grün  – gerade in der Liebe die Kraft – vorausgesetzt, dass sie einem Menschen genug früh im Leben geschenkt wird – die spätere usurpatorische Machtansprüche verhindern kann. Die Reflexion darüber scheint mir aktueller denn je zu sein und ich möchte Sie gern auf die Werke von Arno Gruen aufmerksam machen.

Zudem bin ich überzeugt, dass unsere Liebeskraft einen grossen Einfluss auf unseren nahen Umkreis hat und ein Wandel im privaten Bereich auch den öffentlichen Raum nachhaltig zu beeinflussen vermag.

„Die Fähigkeit, empathisch die Welt zu erleben, ist die Fähigkeit, in der Wirklichkeit zu leben. Je mehr wir von der Empathie getrennt sind, desto weniger ist es möglich, im Leben zu stehen, die Bedürfnisse der Anderen und der uns umgebenden Welt wahrzunehmen und angemessen darauf zu einzugehen. Was die Empathie zerstört, nämlich die Nicht-Achtung der Bedürfnisse und Wahrnehmungen des Kindes, ist auch das, was die tiefsten Unsicherheiten entstehen lässt, die dazu führen, das der Mensch anfängt, nach einer absoluten Sicherheit zu jagen, die das Urvertrauen, das wir als neugeborene verloren haben, ersetzen soll. Und dies wird zur Quelle eines Machtstrebens, einer Jagd nach Grösse, Herrschaft, besitz, um dem Albtraum unterzugehen oder zu versagen, zu entkommen.“

Link zum Gespräch mit Arno Gruen über Empathie als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens finden Sie hier.