„Erotik und Entrüstung“ von Hans-Jürgen Döpp

Am 17. Juni war Hans-Jürgen Döpp zu Gast in meinem Salon. Es freut mich längere Auszüge aus seinem Vortrag „Erotik und Entrüstung“ zusammen mit den ausgewählten Bilder aus seiner umfangreichen Sammlung hier veröffentlichen zu dürfen.

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Privat-Livemont -„Satyr-Liebe“, 1900

Erotische Kunst oder Pornographie?

Seit Jahrhunderten führt die erotische Kunst eine Schattenexistenz. Sie wird weggesperrt, wenn nicht gar verfolgt und vernichtet. Verbannt in die Tresore öffentlicher Museen und privater Kabinette. Unstatthafte Bilder allesamt; als „pornographisch“ verboten insbesondere in unserem westlichen, dem Sexuellen gegenüber wenig aufgeschlossenen Kulturkreis. Hier haben Zensurgesetze durch Jahrhunderte hindurch Künstler und Verleger gezwungen, nur winzige Auflagen herzustellen, die nur eine kleine Gruppe kenntnisreicher „Amateure“ sich leisten konnte. Manche Editionen sind heute daher kaum mehr auffindbar, und wenn doch, dann sind sie unbezahlbar.

„Pornographie“ ist ein moralisierender Schmäh-Begriff. Nähme man den Ausdruck in seiner ursprünglichen griechischen, rein beschreibenden Bedeutung, nämlich als „Huren-Schreibe“, also als Bezeichnung eines Textes, der sich auf geschlechtsbezogene Dinge bezieht, dann könnte man freigeistig und ohne christliche Entwertung durchaus Erotische Kunst mit Pornographie gleichsetzen, soweit es um die dargestellten Inhalte geht. Diese Umwertung käme einer Rehabilitierung des Begriffes „Pornographie“ gleich.

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Rafael Dussan, Illustration zur „Histoire de l’Oeil“ von George Bataille, 2004

Gespalten zwischen Verbot und Überschreitung

Was erklärt die Empörung und Entrüstung, die seit Jahrhunderten die Geschichte der erotischen Kunst und Literatur begleitet? Mit wild gemischten Gefühlen reagieren wir auf alle künstlerischen und nicht-künstlerischen Darstellungen des Erotischen: Neugier mischt sich mit Empörung und Abscheu; sittliche Bedenken gehen einher mit intellektuellen Vorbehalten. Doch je höher der Ausschlag auf der Richter-Skala unserer Empörung, um so tiefer, so dürfen wir annehmen, ist die Erschütterung, die ein Werk in uns bewirkt; Erschütterungen, die auf tektonische Verschiebungen im seelischen Gefüge schließen lassen: Erotik bedroht uns!

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Rafael Dussan, Illustration zur „Histoire de l’Oeil“ von George Bataille, 2004

Was Erotik ist, lässt sich mit Georges Bataille am ehesten im Gegensatz zur Welt der Arbeit bestimmen. „Ich behaupte nicht“, schreibt Bataille, „daß die Erotik das wichtigste Problem ist. Das der Arbeit ist dringender: aber es ist ein Problem, das unseren Mitteln entspricht, während die Erotik das Problem der Probleme ist. Insofern er ein erotisches Lebewesen ist, ist der Mensch für sich selbst ein Problem. Die Erotik ist der problematischste Teil in uns.

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Bataille unterscheidet zwischen der Welt der Arbeit und der der Erotik. Damit werden zwei unvereinbare Bereiche benannt, die auf zwei unvereinbaren Elementen beruhen: dem des Verbotes und dem der Überschreitung. Auf alle Fälle gehört der Mensch der einen und der anderen der beiden Welten an, die sein Leben, ob er will oder nicht, zerreißen. Die Welt der Arbeit und der Vernunft ist die Grundlage unseres Lebens. Aber die Arbeit erfüllt uns so wenig, wie uns die Isolierung in der abgrenzten Individualität nicht glücklich macht. Das Element der Überschreitung ist kennzeichnend für die Erotik. In der Überschreitung geht es – Bataille zufolge – um die Auflösung gebildeter Formen, jener Formen des sozialen, regelmäßigen Lebens, welche die Ordnung der bestimmten Individualitäten ausmachen, die wir sind. Diese auf Aus- und Abgrenzung beruhenden Formen werden in der Erotik in Frage gestellt, im höchsten Grade verwirrt und gestört.

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Godal, Die Herrin, 1920

Eros und Gewalt

Erotik markiert die brisante Schnittstelle zwischen Natur und Kultur. Was uns bedroht an ihr, wird als Einbruch der Gewaltsamkeit und Grausamkeit erfahren. Immer wieder gibt man sich seit Rousseau dem vergeblichen Versuch hin, diese Gewalt und Grausamkeit aus der Wahrnehmung des Sexuellen zu verdrängen: Sexualität wird im westlichen Europa und in Amerika idealisiert als harmloses Freizeit-Vergnügen, das zum „healthy-way-of-life“ gehört. Doch diese Form „befreiter“ und tolerierter Sexualität ist selbst schon eine domestizierte; ihr hat man den Stachel der Lust und der Gewaltsamkeit schon gezogen, auf den wie kein anderer zuvor und nach ihm Marquis de Sade mit seinem Werk hinwies. Das erschreckte Zurückweichen vor dem göttlichen Monster Sade, dessen Schriften man noch in unserem aufgeklärten Jahrhundert als „Bluthusten der europäischen Kultur“ verurteilte, gründet im Schrecken vor der Naturgewalt des Sexuellen. Ein idealistisches, auf christlichen Humanismus sich gründendes Menschenbild wird stets wieder gekontert durch den Hereinbruch dieser heidnischen Macht.

Sexualität versus Erotik

Sexualität ist, sei es in den geglückten Formen ihrer Bemeisterung, sei es in den Formen der Entfremdung, immer auch zugleich „Kulturgeschehen“- auch und gerade dann, wenn sie aus dem offiziellen Prozeß der Kultivierung ausgesperrt bleibt: Sie begleitet diesen als ein unterirdischer Strom. Sie ist der Schatten der Zivilisationsgeschichte, in deren Verlauf der sinnliche Leib zur Wohnstätte des „Leibhaftigen“ wurde.

Es ist die Distanz, welche Erotik von Sexualität unterscheidet. Der erotische Akt ist ein geglückter Balanceakt, in dem der Kältestrom einer rational organisierten Gesellschaft, – der im Extrem genauso zum Zusammenbruch der Gemeinschaft führen kann-, mit dem Wärmestrom einer zügellosen, zerstörerischen Sexualität zu einem immer wieder prekären Ausgleich findet. Apollo kann nicht ohne Dionysos leben!

Paul Emil Becat, Huit Images avec leur Texte, 1932
Paul Emil Becat, Huit Images avec leur Texte, 1932

Doch auch in ihren gezähmten Versionen bleibt Erotik eine dämonische Macht im menschlichen Bewußtsein, da in ihr der gefährliche Gesang der Sirenen nachklingt, denen sich zu nähern tödlich ist. Hingabe und Aufgabe, Regression und Aggression: das sind die Kräfte, die nach wie vor locken. In der Literatur hat die Konvergenz von Lust und Todessehnsucht schon immer eine große Rolle gespielt.

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Rudolf Keller, aus „Erotische Märchen“ – Rapunzel, 1919

Dem Dämon ins Gesicht sehen

Distanz ermöglicht Freiheit. Insofern gewährt auch Kunst Freiheit. Sie gewährt die Freiheit, mit dem Feuer zu spielen, ohne an ihm zu verbrennen. Sie spricht das Auge an; sie gewährt ein Liebäugeln mit der „Sünde“, ohne dass man selbst sündigt.

Erotische Kunst provoziert ihrer Natur gemäß Entrüstung, da sie die Grenzen eines tabuierten, eines verbotenen Bereiches überschreitet. Dabei geht es um innere Verbote, nicht immer nur um solche, die von außen, durch Moral und Gesetzgebung gesetzt werden. Insofern wird Erotik, unabhängig von aller gesellschaftlichen Liberalisierung, stets ein brisanter Bereich bleiben.

Erotik und erotische Kunst bleiben dämonische Mächte im menschlichen Bewußtsein, Mächte, die immer wieder verbotene und gefährliche Wünsche in uns wecken. Wie aber umgehen mit diesen Mächten? Bataille setzt einem verschreckten Zurückweichen entgegen: „Ich glaube nicht, daß der Mensch Aussicht hat, Licht in die Situation zu bringen, bevor er nicht beherrscht, was ihn erschreckt … Der Mensch kann das, was ihn erschreckt, übersteigen, er kann ihm ins Gesicht sehen“.

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Lapin, aus „Les Erreurs d`Amour“, 1930

Angaben zum Autor:

Hans-Jürgen Döpp studierte Soziologie und Pädagogik und unterrichte über mehrere Jahre „Psychosexuelle Sozialisation“ an der J.W.Goethe Universität Frankfurt. Von 1995 bis 2001 betätigte er sich als Kurator des Beate Uhse-Erotik-Museums in Berlin. Seine Sammlung gehört zu den grössten in Europa. Er ist Autor einer Vielzahl von Büchern zur Kulturgeschichte der Erotik und Verleger erotischer Mappenwerke.

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Viset, Vision, 1928

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