Autor: beatasievi

Psychologin und Modefachfrau, Inhaberin des Salons für Philosophie und Beziehungskultur in Winterthur

«Die Puppe». Meine literarische Wiederbegegnung mit Warschau.

In Warschau, das ich nach 35 Jahren wieder besuche, entdeckte ich eine Gedenktafel für einen Mann, der nie gelebt hat. Ignacy Rzecki, der alte Angestellte und treue Freund von Stanisław Wokulski aus Bolesław Prus’ Roman Lalka (Die Puppe), soll in einem Haus an der Krakowskie Przedmieście 7 gewohnt haben. Wie tief muss sich ein literarisches Werk in das Gedächtnis einer Stadt eingeprägt haben, wenn selbst seine erfundenen Bewohner eine solche Ehrung erfahren?

Hier wohnte Ignacy Rzecki, eine Figur aus dem Roman «Die Puppe» von Bolesław Prus, Verkäufer, ehemaliger Offizier der ungarischen Infanterie, Teilnehmer am Feldzug von 1848 und berühmter Tagebuchschreiber.
Bolesław Prus, «Lalka». Dreisbändige Ausgabe des Państwowy Instytut Wydawniczy (PIW), Warschau, 1960er-Jahre.

Ein paar Schritte weiter, in der Prus-Buchhandlung (Księgarnia im. Prusa), betrachte ich eine Ausstellung verschiedener Ausgaben von Lalka. Einbände aus unterschiedlichen Jahrzehnten, Illustrationen, Plakate früherer Verfilmungen. Der Roman erschien ursprünglich zwischen 1887 und 1889 als Fortsetzungsgeschichte in der Warschauer Tageszeitung Kurier Codzienny, bevor er 1890 erstmals in drei Bänden veröffentlicht wurde. Auch auf Deutsch ist er unter dem Titel Die Puppe erschienen. Generationen von Lesern hatten sich ihre eigenen Vorstellungen von Wokulski und Izabela gemacht, und nun ist der Roman wieder in aller Munde.

Gleich zwei neue Verfilmungen – eine Netflix-Serie und ein Kinofilm von Maciej Kawalski – haben in Polen eine leidenschaftliche Diskussion über den beinahe 140 Jahre alten Roman ausgelöst. Man streitet über die Besetzung und die moralischen Verfehlungen der Figuren, als wären es lebende Menschen. War Wokulski ein tragischer Liebender oder ein Stalker? Hatte Izabela recht, ihn nicht zu lieben? Und weshalb trägt Marcin Dorociński, der Wokulski in der neuen Kinoproduktion verkörpert, keinen Bart?

Die Polen haben so ihre Schauspieler, die sie lieben und verehren. Und wehe, wenn ihrer Meinung nach der Falsche für eine bedeutende Rolle ausgewählt wird! Eine solche Anteilnahme am Schicksal literarischer Figuren ist mir aus der Schweiz kaum vertraut. Ich finde sie wunderbar, selbst wenn ich mich über manche Auswüchse amüsieren muss.

Kamila Urzędowska als Izabela Łęcka und Marcin Dorociński als Stanisław Wokulski in der neuen Verfilmung von «Die Puppe» (Regie: Maciej Kawalski, 2026).

Die Ankündigung der Verfilmungen hatte mich schon vor meiner Reise veranlasst, den Roman, den ich seit meiner Schulzeit kannte, noch einmal zu lesen. Doch diesmal – um einiges an Liebes- und Lebenserfahrung reicher – war ich verblüfft über die psychologische Wahrhaftigkeit, mit der Prus die verhängnisvolle Verliebtheit seines Protagonisten Stanisław Wokulski schildert.

Ein intelligenter, unabhängiger Kaufmann, der sich aus bescheidenen Verhältnissen emporgearbeitet hat, verliert angesichts seiner Liebe zur aristokratischen Izabela Łęcka scheinbar jede Vernunft. Er sucht nach kleinsten Zeichen ihrer Zuneigung, schwankt zwischen Hoffnung und Verzweiflung und wirft ihr sein Vermögen zu Füssen. Wie kommt es, dass ein Mensch, der sein Leben sonst sehr entschlossen gestaltet, in der Liebe derart abhängig werden kann? Und woher kannte Prus die psychologischen Mechanismen, die hinter einer solchen Verliebtheit wirken?

Marcin Dorociński als Stanisław Wokulski in «Lalka» (Regie: Maciej Kawalski, 2026).
Marcin Dorociński als Stanisław Wokulski in «Lalka» (Regie: Maciej Kawalski, 2026).

Meine Neugier führt mich zur Biografie von Bolesław Prus. Monika Piątkowskas Prus. Śledztwo biograficzne eröffnet mir die erschütternde Lebensgeschichte eines Menschen, dessen Kindheit und Jugend von Verlusten, Demütigungen und Zurückweisungen geprägt waren. Auch in seinem Liebesleben entdecke ich erstaunliche Parallelen zu Wokulski. Während seiner Verlobung mit Oktawia Trembińska deutete er ihre kühlen Briefe und ihr Schweigen mit einer Empfindlichkeit, die an die Grübeleien seines Romanhelden erinnert. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Prus die Macht einer unsicheren Zuneigung aus eigener Erfahrung kannte.

Als ich in Warschau vor seinem Denkmal stehe, denke ich an diesen verletzlichen, lebenslang von Selbstzweifeln geplagten Menschen. Wie sehr wünsche ich mir, er könnte wissen, welchen Ruhm sein Roman mehr als hundert Jahre nach seinem Tod noch immer geniesst!

Ausgabe von „Lalka“ (Die Puppe) aus dem Jahr 1897

Vielleicht wird aber Prus’ eigene Lebensgeschichte in der heutigen öffentlichen Debatte über den Roman und seine Verfilmungen zu wenig berücksichtigt. Und vielleicht fehlt deshalb auch das Verständnis für seinen Protagonisten, dessen Verhalten mit modernen psychologischen Begriffen wie Obsession, emotionaler Abhängigkeit oder Stalking vorschnell pathologisiert wird. In meinem Essay Das Ungewisse begehren. Wokulski und das Rätsel der Liebe (Essay als PDF) befasse ich mich ausführlicher mit der Psychologie dieser Sehnsucht, der Bindungstheorie und Prus’ Biografie.

Königspark Łazienki, Palast auf der Insel, Warschau, 2026

Mit dem Buch Warszawa śladami Wokulskiego (Warschau auf den Spuren Wokulskis) in der Hand folge ich den Spuren des Romanhelden. Als ich durch die Alleen des herrlichen königlichen Łazienki-Parks wandle, kommt mir eine Szene aus der früheren Verfilmung des Romans von 1977 mit Jerzy Kamas als Wokulski in den Sinn, die mir besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben ist.

Wokulski weiss aus zuverlässiger Quelle, dass seine verehrte Izabela mittags im Park spazieren gehen wird, und erwartet sie deshalb auf einer Bank. Er steht mehrmals auf, ist unruhig und unentschlossen, ob er bleiben oder gehen soll. Schliesslich erscheint die Schöne am Ende der Allee in Begleitung ihrer Tante. Wokulski schreitet ihr energisch entgegen, in der Hoffnung auf ein kurzes Gespräch. Er hebt den Hut zu einem charmanten Gruss. Sie erwidert ihn nur flüchtig und geht gleichgültig an ihm vorüber. Was für ein Schmerz! «Was bin ich doch für ein kolossaler Narr!», schilt er sich selbst.

Jerzy Kamas als Stanisław Wokulski in der Fernsehserie «Lalka» (Regie: Ryszard Ber, 1977).

Auf einmal werden die Bilder des Films von Erinnerungen an meine Jugend im Warschau der 1980er-Jahre überlagert. Ich war damals in einen Kommilitonen verliebt, den ich kaum kannte. Er sah ausserordentlich gut aus und studierte Philosophie, weshalb wir nicht dieselben Vorlesungen besuchten. Manchmal begegnete ich ihm auf dem Weg, der von der Tramhaltestelle durch den Bielany-Wald zu unserer Universität führte. Ich wusste jedoch nicht, wie ich seine Aufmerksamkeit gewinnen könnte. Wenn sich im Vorübergehen unsere Blicke zufällig begegneten, geriet mein Herz ins Rasen. Eines Tages traf ich ihn unerwartet im Bus. Ich nahm all meinen Mut zusammen, sprach ihn an und gestand ihm meine Sympathie. Er war sichtlich überrascht und entschuldigte sich höflich: Er sei bereits liiert und könne meine Gefühle nicht erwidern. Damit zerbrach mein Traum. Noch wochenlang schämte ich mich für diesen Augenblick.

Vielleicht verstehe ich deshalb Wokulskis Qual so gut. Wie viel Überwindung mochten ihn schon sein Erscheinen in Łazienki und dieser eine Gruss gekostet haben! Und wie erbarmungslos verurteilte er sich selbst, als die geliebte Frau beinahe achtlos an ihm vorüberging. Es gibt Abgründe der Einsamkeit, aus denen heraus der Versuch, einem anderen Menschen näherzukommen, zu einem Wagnis, ja zu einem gefährlichen Hasard wird.

Umso enttäuschender ist es für mich, dass ausgerechnet in der neuen Kinofassung, die zu sehen einer der Gründe für meine Warschaureise war, diese Szene in wenigen Sekunden als blosses Missverständnis abgehandelt wird. Dabei ist der Film von Kawalski visuell durchaus verführerisch und spricht mich durch seine Nähe zum Roman weit mehr an als die «moderne» Netflix-Version. Die Bilder des alten Warschau, die prachtvollen Innenräume und die Kostüme, die ich im Rahmen der Ausstellung „Szyk und Konwenanse“ zuvor in Łazienki aus der Nähe betrachten konnte, sind ein Vergnügen. Doch die Abgründe der Liebe, die Prus so meisterhaft schildert, bleiben kaum spürbar.

Während ich den Spuren von Prus und Wokulski folge, geschieht noch etwas anderes, womit ich nicht gerechnet habe. Das Warschau von Wokulskis Zeit, das Warschau meiner Studienjahre und die heutige Stadt beginnen sich auf eigentümliche Weise zu überlagern. Auf dem weitgehend verkehrsberuhigten Königsweg öffnet sich das Krakowskie Przedmieście zum grosszügigen Schlossplatz. Die Hotels Europejski und Bristol erstrahlen wieder in alter Würde. Selbst Powiśle, einst ein Armenviertel an der Weichsel, hat sich in eine Landschaft aus Promenaden und Parks verwandelt. Wie viel näher erscheint mir dieses Warschau demjenigen Wokulskis als der Stadt meiner Jugend, geprägt von sozialistischem Realismus, trostlosem Grau, Verkehrslärm und Abgasen!

Krakowskie Przedmiescie, Warschau, Oktober 2026

Am letzten Tag besuche ich noch eine Ausstellung im Vorfeld der geplanten Auktion von Requisiten aus der neuen Lalka-Verfilmung und entdecke dort ein geheimnisvolles Medaillon. Es soll eine Probe jenes sagenhaften Metalls, leichter als Luft – Sinnbild für Wokulskis wissenschaftliche Ambitionen und seine aufgegebene Zukunft als Forscher, enthalten. Wer würde es nun ersteigern? Ein Verehrer des Romans? Jemand, der sich in Wokulskis unglücklicher Liebe wiedererkannte? Ein letzter Romantiker unserer Zeit?

Und – warum entscheide ich mich nicht mitzubieten?

Das Schmuckstück stammt von Anka Krystyniak und besteht aus vergoldetem Silber. Es wurde als Requisite im Film „Lalka“ von Kawalski, 2026 verwendet und am 19. Oktober für umgerechnet 3’838 Euro inklusive Aufgeld versteigert.

«Lalka» – Kinovorführung in Kloten, Polnische Originalfassung mit englischen Untertiteln, Samstag, 14. November 2026, 18 Uhr, Cinema Claudia, Bahnhofstrasse 1, Kloten

Der schöne Augenblick – eine Spurensuche

Eine Reflexion über Vergänglichkeit, Beständigkeit und die Kraft des Moments.

Die Mitte des Lebens deutlich überschritten, der Vergänglichkeit eigener Kräfte bewusst, sehe ich ein, dass die Zeiten des Mutes und der Wagnisse hinter mir liegen. Gleichzeitig erlebe ich, wie die Suche nach Sicherheit zu Kompromissen führt, die sich als leer erweisen. Die Zukunft erscheint mir immer mehr ungewiss, unverfügbar, voller Verluste, die unabwendbar sind. Immer dringlicher stelle ich mir die Frage, was inmitten all dessen Bestand haben kann.

Die Suche nach Beständigkeit

Eine Antwort schien mir kürzlich auf einer einsamen Bergwanderung in die Hände zu fallen – in Gestalt eines kleinen, unscheinbaren Büchleins mit dem Titel Der schöne Augenblick. Darin stiess ich auf die Verse von Andreas Gryphius, die mich seitdem nicht mehr losgelassen haben:

„Mein sind die Jahre nicht,
die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht,
die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein,
und nehm’ ich den in acht,
so ist der mein, der Jahr
und Ewigkeit gemacht.“

In ihrer Schlichtheit und Wucht schienen mir die Worte einen Kern meiner Lage zu berühren: Nur der Augenblick gehört uns! Doch kann er auch ein Antidot gegen jene Melancholie sein, die aus Fremdbestimmung und Verlusten erwächst, während die Vergänglichkeit sich wie ein stiller Schatten über alles legt? So begann ich, den „schönen Augenblick“ genauer zu untersuchen:

  • Welche Momente nähren uns wirklich?
  • Gibt es besondere Augenblicke, die uns ein ganzes Leben lang tragen?
  • Werden sie uns geschenkt, oder können wir sie bewusst herbeiführen und kultivieren?
  • Was meinte Goethe, wenn er davon sprach, der Mensch könne dem Augenblick Dauer verleihen?

Sind wir dazu angehalten, Erinnerungen sorgsam zu pflegen, oder geht es eher um einen Versuch, mit wacher Aufmerksamkeit im Moment zu verweilen? Oder liegt gerade darin gar die Gefahr, festhalten zu wollen, was sich unserer Kontrolle entzieht?

Nachmittagssonne in Venedig. Bild: Beata Sievi

Augenblick, der entgleitet

Schon früh faszinierte mich Marcel Proust, und noch heute kehre ich oft zu seinem Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zurück. Seine Schilderungen flüchtiger Augenblicke, stets an der Grenze zur Erfüllung, machten mir das Paradoxe bewusst: Je unerreichbarer oder vergänglicher etwas ist, wonach wir uns sehnen, desto intensiver erscheint es uns – auch wenn es sich der Dauer entzieht.

Proust stellt dabei eine unbequeme Frage, die bis heute nachhallt: Warum erscheint uns nicht das ganze Leben als kostbares Geschenk, da wir doch alle beständig vom Tod bedroht sind?

Friedhof San Michele, Venedig, Bild: Beata Sievi

Spazieren muss ich unbedingt

In ihrem Buch Lebensmitte. Anleitung zum Erwachsenwerden spürt Barbara Bleisch der Melancholie der zweiten Lebenshälfte nach. Sie unterscheidet zwischen Augenblicken, die als Krönung eines langen Strebens eintreten und oft nur ein kurzfristiges Erfolgsgefühl mit sich bringen, und jenen, die sich ausschliesslich in nicht-zweckgebundenen Tätigkeiten finden lassen – nicht als Ergebnis eines Zieles, sondern aus sich selbst heraus leuchtend. Philosophisch spricht man hier von telischen – auf ein Ende hin ausgerichtet – und atelischen Tätigkeiten, die um ihrer selbst willen geschehen. Vielleicht sind es gerade letztere, die den Augenblick besonders zum Strahlen bringen – und die in unserer leistungsorientierten Gesellschaft am meisten fehlen?

Robert Walser hat diesen Typus des Augenblicks wie kaum ein anderer kultiviert und in seiner Prosa festgehalten. Seine täglichen Spaziergänge ebenso wie lange Gewaltmärsche zwischen Bern und Zürich boten ihm stets Gelegenheit, die scheinbar zwecklose Bewegung, einen freundlichen Gruss auf dem Weg oder den Blick auf eine Blume als unvergleichliche Fülle des Lebens zu geniessen.

„Der Spaziergang ist immer eine Art von beglückendem Exil; er reisst mich hinweg von mir selbst und gibt mich einer freundlichen, spielenden Welt hin.“

Halbinsel Hel, Polen, Bild Beata Sievi

Das Staunen und der glanzvolle Augenblick

Auch die moderne Psychologie betont, wie wesentlich die glanzvollen Augenblicke sind. In seinem Buch Awe in Everyday Life widmet sich der Psychologe Dacher Keltner dem Moment des ehrfürchtigen Staunens – einer komplexen Emotion, die Elemente der Bewunderung, Hingabe und Überraschung vereint. Sie verweist uns angesichts gewaltiger Kräfte auf etwas ausserhalb unserer selbst und verbindet uns zugleich mit anderen Menschen. Keltners Forschung nach lässt sich Awe, das uns zutiefst berühren und uns Gänsehaut bescheren kann, auf acht Quellen zurückführen, die er als „Acht Weltwunder“ bezeichnet:

  • ethische Grösse und Schönheit
  • aussergewöhnliche Naturerfahrungen
  • Kunst und Musik
  • synchronisierte gemeinschaftliche Bewegungen
  • spirituelle Erlebnisse
  • Schwellenmomente von Geburt und Tod
  • überraschende und bahnbrechende Ideen und Einsichten
  • Erfahrungen von Weite – sei es Landschaft, Architektur oder der Sternenhimmel

Ohne solche Momente des bewundernden Staunens, die uns als Individuum mit grösseren Kräften verbinden, so Keltners Quintessenz, kann kein Mensch auf Dauer glücklich sein.

Venezianische Mosaikkunst, Bild: Seata Sievi

Augenblick der Verbundenheit

Doch während Natur, Kunst oder das Staunen über die Weite des Himmels den Augenblick erhellen, frage ich mich zugleich, wie es um die menschlichen Augenblicke bestellt ist – jene der Freundschaft und der Liebe. Sie sind vielleicht die kostbarsten, aber auch die vergänglichsten. In der Literatur begegnen sie uns in unterschiedlichen Gestalten: als Erinnerung, die mit aller Kraft bewahrt wird, oder als Vergessen, das uns schmerzlich bewusst macht, wie flüchtig Nähe ist. Sie lassen die Sinnlichkeit des Augenblicks besonders deutlich hervortreten – und zugleich ihre Vergänglichkeit.

Zattere, Venedig, Bild: Beata Sievi

So verdichtet sich meine Spurensuche: Der Augenblick ist kein blosses Nebenprodukt, sondern ein existenzieller Ort – zwischen Fülle und Verlust, zwischen Erfüllung und Entgleiten.Vielleicht liegt in seiner Wahrnehmung das einzige zarte Gegengewicht zu Vergänglichkeit und Endlichkeit.

Diese Gedanken möchte ich im nächsten Salon Der schöne Augenblick am 30. November 2025 zur Diskussion stellen. Begleitet wird der Abend von Lesungen ausgewählter Texte durch den Schauspieler Antonio da Silva. Der Eintritt beträgt CHF 65.- inklusive Verpflegung. Die Plätze sind bereits vergeben, es besteht jedoch eine Warteliste (Mail an: salon@beatasievi.ch).

Literaturhinweise für Interessierte:

  • Andreas Gryphius: Der schöne Augenblick. Lektüre zwischen den Jahren. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2019.
  • Barbara Bleisch: Lebensmitte. Über die Kunst, erwachsen zu werden. Piper, München 2022.
  • Dacher Keltner: Awe. The New Science of Everyday Wonder and How It Can Transform Your Life. Penguin Press, New York 2023.
  • Robert Walser: Der Spazieren muss ich unbedingt. Vom Gehen über Stadt und land. Insel Verlag, Berlin, 2024
  • Antoine de Saint-Exupéry: Nachtflug. Gallimard, Paris 1931; dt. u. a. im Fischer Verlag.
  • Marcel Proust: Im Schatten junger Mädchenblüte. Zweiter Band von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. In der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens, Suhrkamp Verlag, 1995.

WORTE DER SCHÖNHEIT – Literarische Modegeschichten und Korsetts

«Kleider machen Leute» – das galt schon bei Keller, und es gilt noch heute. Genauso wie wir den persönlichen Stil unserer Mitmenschen wahrnehmen, beschreiben Schriftsteller raffinierte modische Kleidung, um ihre Roman-Charaktere greifbarer zu machen. Wie beschreibt man Stil? Den Rock als Ausdruck der Persönlichkeit darzustellen; das Kostüm als Symbol für einen Gemütszustand; den Anzug als Definition eines Eindrucks, den eine Person auf andere ausübt … Julia Knapp, Literaturwissenschaftlerin und Sprecherin hat eine Auswahl von Texten aus der Weltliteratur zwischen Fin de-sciecle und den goldenen Zwanzigerjahren zusammengestellt. Diese Texte trägt sie während der Sonntagsmatiée im Kaffee Lou Salomé in Winterthur vor. Den Salongästen ist das Kaffee aus dem Teesalon im 2022 bereits bekannt. Die einzigartige Atmosphäre des Kaffees und die Ausstellung exquisiter Korsetts, die ich 2001 -2019 kreiert habe, ergänzen das Lesevergnügen. Es werden auch meine Texte, die sich mit der der Bedeutung des Korsetts in der Modegeschichte befassen gelesen und ich stehe für Fragen zur Verfügung. 

Korsettunterricht und Korsetthandwerk
Korsettkreationen von Beata Sievi im Kaffee Lou Salome in Winterthur

Die Lesung dauert eine gute Stunde, und während der Pause können Sie die Ausstellung besichtigen, die sich auch ins Untergeschoss erstreckt. Dazu werden Prosecco und erlesene Snacks serviert.

Sonntag, 14. Januar 2024
Kaffee Lou Salomé Winterthur, Schulgasse 7
Türöffnung 10.30 Uhr, Beginn 11. Uhr, Ende 13 Uhr

Eintritt: CHF 55
Im Preis sind zwei Gläser Prosecco sowie eine Auswahl an exquisiten Snacks enthalten Verbindliche Anmeldung bis Mittwoch, 10. Januar 2024 per Mail an info@kaffeelousalome.ch

Die Anmeldung wird rückbestätigt.

Korsett Geschichte
„Messalina“ Und „Begonia d` Or„– Korsett Unikate von Beata Sievi

Weitere Informationen über Julia Knapp finden Sie auf Ihrer Homepage. Das Foto der Sprecherin wurde von Amelie Losier gemacht.

Tee – Geschichte und Geschichten. Salon vom 3. April 2022

„Die Teezeremonie ist dem Wesen nach eine Verehrung des Unvollkommenen, denn sie ist ein zarter Versuch etwas Mögliches zu vollenden in diesem Unmöglichen, das wir Leben nennen“

Kazuro Okakura, Das Buch vom Tee

Teezeremonie, Mizuno Toshikata, 1897

Tee ist Philosophie, Religion und globales Handelsgut. Eine gute Tasse Tee wärmt die Seele, weckt die Sinne, lädt zum Meditieren und Diskutieren ein. Bei unserem nächsten Tee-Salon werden wir gemeinsam Tee-Geschichten aus Asien und Europa lesen und über die kulturelle Bedeutung des Tees diskutieren. Während die meisten von uns sowohl die japanische Teezeremonie als auch den englischen Afternoon Tea als verbindende und begegnungsstiftende Rituale begreifen und erleben, sorgte der weltweite Teehandel in der Geschichte für Spannungen, Konflikte und sogar Kriege.

Tea Leves, William McGregor Paxton, 1909

Der erste Opiumkrieg war ein bewaffneter Konflikt zwischen Grossbritannien und dem Kaiserreich China, der 1839 – 1842 ausgetragen wurde, dessen Vorgeschichte mit dem Tee zusammenhängt. Der englische Teehandel mit China im 18. und zu Beginn des 19.Jahrhunderts war defizitär. Die sprunghaft gestiegene Nachfrage in England stiess auf einen geschlossenen, desinteressierten chinesischen Markt. Durch den Opium-Krieg erzwangen Briten und Amerikaner die Öffnung dieses Marktes. Ausserdem verlagerte England die Produktion in das eigene Kolonialreich nach Indien und Sri Lanka, damals von den Briten Ceylon genannt, sodass London nur 60 Jahre nach dem Opium-Krieg 60 % des Welthandels beherrschte.

James Tissot, Reading the news, 1874

Natürlich werden wir anlässlich unseren Salons auch gemeinsam verschiedene Tee Sorten verkosten, zum Beispiel Tees aus Indien und Sri Lanka und einen japanischen Frühlingstee, denn Ende März beginnt in Südjapan die Kirschblüte. Das vor kurzem in Winterthur eröffnete Café Lou Salomé bietet ein charmantes und stilvolles Ambiente und serviert zudem einen englischen High Tea mit Scones und Sandwiches.

Peter Gerritsz van Reostaten, Stel Life with Tea Cups, 1670-1685

Datum: Sonntag, 3. April 2022, 10.30-14.30 Uhr

Ort: Kaffee Lou Salome, Schulgasse 7, 8400 Winterthur

Preis: CHF 60 inkl. Englisch „High Tee“ mit Scones and Sandwiches

Anmeldungen: salon@beatasievi.ch, bitte bei Anmeldung eine volle Anschrift inkl. Postadresse angeben. Anzahl der Gäste ist beschränkt auf 15 Personen. Die Anmeldung wird innerhalb von 3 Tagen rückbestätigt.

Dresscode: elegant mit einer festlichen Note!

Le Gouter Au Salon Du Peintre – Madeleine Jeanne Lemaire

„Eros – die fremde Macht in uns.“ Salon vom 27. November 2021

Beata Sievi im Gespräch mit dem Schauspieler Alexandre Pelichet

Gegen Widerstände der Moral, der Gesellschaft und der Vernunft setzt sich der Eros – wenn auch nur im Augenblick – durch, und setzt List, Ausreden und Täuschungsmanöver ein, um zu seinem Ziel zu kommen. Aber was begehren wir eigentlich? Und ist Eros nur auf den Ausgleich eines Mangels, auf die Befriedigung eines sinnlichen Bedürfnisses ausgerichtet? Oder aber entsteht er erst dort, wo die unmittelbare Befriedigung aufgeschoben wird, und transzendiert somit das Unmittelbare und Sexuelle? Im Vorfeld des nächsten Salons, habe ich mich mit dem Schauspieler Alexandre Pelichet über die Texte von Italo Calvino, Antonio Tabucchi und Markus Werner unterhalten, die er am 27. November interpretieren wird. 

Alexandre Pelichet, Bild: Beata Sievi

Beata: Alexandre, Du hast inzwischen alle von mir vorgeschlagenen Texte gelesen. Erinnerst Du Dich an den Satz in der «Frau von Porto Pim» von Tabucchi: «Es ist eigenartig, wie die Liebe von uns Besitz ergreift?» – Der Ausdruck «Besitz ergreifen» verdeutlicht die fremde Macht, der der junge Mann unerwartet ausgeliefert ist. Er sucht nur ein Abenteuer und ist plötzlich doch verliebt. Die Schilderung seiner Emotionen berührt mich; wie ihm die Schönheit der Frau die Hitze in die Schläfen treibt und wie er vom Schwindelgefühl ergriffen wird. Diese Phänomenologie des Verliebt-Seins, die die Entzückung, das Rausch-Gefühl und die Wahnvorstellungen miteinschliesst, finde ich bei Tabucchi sehr nachvollziehbar. Oder auch die Metapher des Klangs in der Erzählung „Ein Traum in Form eines Briefes“; der Gott der Liebe als Klang, der in einem einsamen Tempel am Strand zu hören ist. Wie kam dies bei dir an?
Alexandre: Zuerst fand ich den Klang als eine Metapher für die Personifikation eines Gottes seltsam. Andererseits ist ein Klang auch Musik, also Schwingung. Und die hat eine sehr starke Wirkung, der man sich nicht entziehen kann. Der verlockende Sirenengesang ist ja aus der Mythologie bekannt. Für mich war Deine Übersetzung dieses Fragmentes vom «Gott der Liebe» eher ein Motiv des Höhepunktes. Ich lese es schlicht als eine poetische Beschreibung eines Orgasmus.
Beata: …Wirklich? Daran habe ich nie gedacht, das muss du mir erklären.
Alexandre: Du muss es einfach noch mal lesen! (Alexandre lacht) Zugegeben es ist sehr fein, verschlüsselt…
Beata: …ja Tabucchi spricht von einem Klang, der bei jedem, der sich ihm aussetzt, eine Art Rausch, Schwindelgefühle und Wahnvorstellungen erzeugt….
Alexandre: …und es steigert sich bis zu einem Höhenpunkt.
Beata: Denkst Du an die Schilderung, dass sich der Klang ausbreitet und ein Echo ohne Ende reproduziert? Oder meinst du eher den Moment, als der Wanderer vom höchsten Punkt der Insel auf den Strand blickt und den Liebestempel nicht mehr vorfinden kann? Das würde tatsächlich der Flüchtigkeit der sinnlichen Erlebnisse entsprechen. Du kannst sie nicht halten!
Alexandre: Ja, genau – man bezeichnet einen Orgasmus doch auch als den «kleinen Tod.» Der Tempel ist aber die viel schönere Metapher! Man versucht gemeinsam zum Tempel zu kommen, in verschiedenen Zwischenschritten, die Tabucchi beschreibt. Die geteilte Gewissheit, dass es einen Tempel gibt, einen Zenit, wo der ganze Eros hinführt – das ist doch schön! Auch wenn nicht alle immer dorthin kommen, aber; der Weg ist das Wesentliche.

Mussende Tempel, Bild: Tyler Collins Photograph

Alexandre: Oder stell Dir die unnahbare Witwe im «Abenteuer des Rekruten» von Italo Calvino vor. Hätte sie früher in die Avancen des Rekruten eingewilligt, dann wäre er schon auf halbem Wege im Tempel angekommen, das wäre doch schade!
Beata: Ja, für sie selbst und für den Leser! Konrad Paul Liessmann sagt in seinem Essay «Eros, der listige Gott», dass Eros nur dort entsteht, wo die unmittelbare Triebbefriedigung aufgeschoben wird.
Alexandre: Das erzeugt natürlich eine herrliche Spannung – im Leben, wie in der Literatur…

Messende Tempel, Bild: Tyler Collins Photograph

Beata: Deine Interpretation dieses Texts von Tabucchi ist optimistischer als die meine. Ich habe ihn immer als Plädoyer für «Liebe als Einbildung» gelesen. Möglicherweise hängt dies mit einer Erfahrung unerwiderter, verzweifelter Liebe zusammen, deren ich mich schon in jungen Jahren nicht erwehren konnte. Es war mir oft nicht möglich, meine eigene Liebes-Sehnsucht von den vermeintlichen Gefühlen eines anderen zu unterscheiden. Die Ernüchterung, die eintritt, wenn man feststellt, sich nicht gemeinsam in einem Tempel, sondern alleine auf einer verlassenen Insel zu befinden, ist mir nicht fremd. Das sind für mich die «Trugbilder», von denen Tabucchi spricht.
Was mir aber für unseren Salon relevant erscheint, ist die Bereitschaft der literarischen Figuren, für einen Liebestraum emotionale Risiken einzugehen. Dies steht im Kontrast zum Kalkül der «modernen» erotischen Beziehungen. Im Roman von Markus Werner «Am Hang», aus dem Du auch vorlesen wirst, streiten sich zwei Männer über den Versuch, Gefühle in erotischen Begegnungen stets im Zaum zu halten. Sind die Helden unserer Lesung nicht allesamt ein Kontrastprogramm zu den modernen Trends auf diesem Gebiet?
Alexandre: Ich glaube leider, ja. Vielleicht sollten wir die Texte in Schulen lesen!
Beata: Ich hätte Angst, ausgelacht zu werden…
Alexandre: Ein Risiko, das sich lohnen würde! Zumindest im Hinblick auf den Liebestraum einiger Jugendlicher. Den sieht Alain Badiou in seinem Essay «Die bedrohte Liebe» zu recht ziemlich bedroht. Aber da greife ich ja schon zu weit vor. Badiou begegnen wir dann erst in einem späteren Salon…

Schauspieler Alexandre Pelichet Salon Lesung in Winterthur
Schauspieler Alexandre Pelichet, Bild: Beata Sievi

Alexandre Pelichet, in Zürich geboren, durchlief seine Ausbildung zum Schauspieler an der Scuola Teatro Dimitri in Verscio und am Hamburgischen Schauspielstudio Frese. Danach wirkte er in Schauspiel- und Musicalproduktionen an zahlreichen deutschen Bühnen mit. Von 2007 bis 2012 war er Mitglied des Schauspielensembles am Theater St. Gallen und ist seither als freischaffender Schauspieler tätig. Unter anderem an der Kellerbühne St. Gallen, am Theater Rigiblick in Zürich und als Sprecher beim SRF.

Beata Sievi Salon für Beziehungskultur Winterthur
Beata Sievi, Gründerin des Salons für Philosophie und Beziehungskultur in Winterthur

Informationen zur Anmeldung:

„Eros, die fremde Macht in uns“ – fesselnde Geschichten und philosophische Streitgespräche. Mit dem Schauspieler Alexandre Pelichet ( Lesung) und Beata Sievi (Moderation).

Datum: Samstag, 27. November 2021, 17.00-ca. 21.00 Uhr
Anmeldung: salon@beatasievi.ch (bitte sobald möglich, die Plätze sind begrenzt, die Veranstaltung findet auf jeden Fall statt)
Ort der Veranstaltung: Atelier Foif, Strittackerstrasse 23 a, 8406 Winterthur,
Eintrittspreis: CHF 80 inkl. Konsumation (Wein, Snacks, Focaccia della Nona, Beata`s Streusel Kuchen und Cafe). Atelier Foif ist ein besonderer Ort für kulinarische Kunst und Genuss.
Konditionen: Die Anmeldungen per E-Mail sind verbindlich (bitte Postanschrift angeben), es wird innert 3-5 Tagen eine Bestätigungsmail mit den Kontoangaben für die Zahlung versendet. Bei Abmeldungen ist eine Rückerstattung leider nicht möglich, der Eintritt kann jedoch an Freunde oder Bekannte weitergegeben werden.
Sicherheitskonzept: Eintritt ist nur mit einem gültigen COVID-Zertifikat möglich. (Es werden keine Schnelltests akzeptiert, bitte informieren Sie sich über die geltenden Bedingungen des BAG unter folgendem Link.

Schauspieler Alexandre Pelichet, Bild: Beata Sievi

Kollaborative Kraft

Text: Beata Sievi

Ende September 2020 übernahm ich die Leitung eines kreativen Ateliers in einer der Stiftungen, die sich im Kanton Zürich um die Arbeitsintegration junger Erwachsener kümmert. Die erste schöpferische Aufgabe innerhalb des dreimonatigen Programms, die ich den Teilnehmern stellte, war eine gemeinsame künstlerische Aktion. Die Gruppe von 14 Personen bekam eine Aufgabe, miteinander eine Installation zum Thema „Was ist für mich wichtig im Leben?“  zu gestalten – und zwar in Form eines grossen Puzzles. 

Auf die Idee zu diesem Projekt kam ich während meinen ersten Recherchen über collaborative art, als ich meine Laufbahn im sozialen Bereich begann. So erfuhr ich über das „Collaborative Puzzle Project“, das 2009 von den Künstler*innen Tim Kelly, Marie Maber und Sandy Taylor während des Jugendfestivals in Brookdyle lanciert wurde. Die Teilnehmer*innen des Festivals bekamen damals die Aufgabe, 60cm x 60cm grosse Puzzle-Stücke kreativ zu gestalten. Die thematische Vorgabe lautete: „Show me, what is meaningfull for you“ – zeige mir das, was dir im Leben wichtig ist. Für die Gestaltung standen Farben, Farbstifte, verschiedene Papiere und Printmedien zur Verfügung. Die Aufgabe stiess auf grosses Interesse und  weckte positive Energie, so dass innerhalb von zwei Tagen eine grossflächige Installation entstand. Die wohlwollende Resonanz hielt auch nach dem Festival an. Immer mehr Gruppen und Institutionen wollten ihre eigene gemeinsame Puzzle-Installation gestalten und Tim Kelly wurde zum international bekannten Botschafter des Projekts. Mittlerweile wurden unter seiner Anleitung in vielen unterschiedlichen Räumen und Ländern ca. 10 000 Puzzleteile zusammengestellt. Eine Menge, die aufeinander gestapelt, gleich gross wie das Empire State Building wäre. 

Tim Kelly und seine Puzzle-Stücke

Die Puzzle-Installation ist nur ein Beispiel für die in den letzten zwei Jahrzehnten populär gewordene collaborativ art. Diese Kunstform halte ich für ein sehr geeignetes Medium, um zwischenmenschliche Verbundenheit zu stiften. Insbesondere in den Institutionen, in denen sich die meisten der sozial benachteiligten Menschen stark auf ihr eigenes Unglück konzentrieren.

Vik Muniz – künstlerischer Projekt mit den Mitarbeiten der Mühlhalde Gramacho

In den letzten zwei Jahrzehnten widmeten sich immer mehr Künstler der collaborative art, weil sie bewusst mit dem Modernismus und der für ihn charakteristischen elitären Rolle des Künstlers bricht. Künstler*innen wie Wendy Ewald oder Vick Muniz, arbeiten als Vermittler*innen mit Gruppen ausserhalb des künstlerischen Milieus und mit Menschen, deren Werke normalerweise keinen Platz in Museen oder anderen Ausstellungsräumen finden – Kindern, Senioren, Nachbars-Gemeinden, ethnischen Minderheiten oder Deponie-Arbeitern. Sie kreieren Kunst nicht für, sondern mit den Gemeinschaften, und integrieren alle Beteiligten in die künstlerischen Gestaltungsprozesse. 

El Anatsui – Konstruktion aus Schraubverschlüssen der alkoholischen Getränke
El Anatsui – Konstruktion aus Schraubverschlüssen der alkoholischen Getränke

Der nigerianische Künstler El Anatsui, dessen Ausstellung „Triumphant Scale“ kürzlich im Kunstmuseum Bern zu sehen war, beschäftigt jeweils 20 bis 30 Studioassistenten gleichzeitig, um seine monumentalen Arrangements aus Flaschenverschlüssen zu realisieren. „Einheiten“ mit ca. 200 Flaschenverschlüssen werden von jedem einzelnen Assistenten, der entweder ein Kunststudent oder ein einfacher Dorfbewohner ist, mit Kupferdraht zusammengebunden. Diese Blöcke werden anschliessend auf den Boden gelegt, wo verschiedene Kompositionen und Arrangements ausprobiert werden können. Jedes Stück hat seinen Platz und ist auf wundervolle Weise mit anderen verbunden – ein langer Prozess des Aufbaus, der Dekonstruktion und des Wiederaufbaus, der allen Beteiligten kreative Kontrolle über ihr Handwerk gewährt. Solche Projekte hängen in der Regel mit progressiven Bildungstheorien und radikalen demokratischen Einstellungen zusammen. 

Auch in meinem Puzzle-Projekt war die Herausforderung nicht nur künstlerischer sondern auch handwerklicher Natur. Nachdem die Bestellung der vorgefertigten leeren Puzzlestücke direkt bei Tim Kelly kurz vor dem Programmbeginn ins Wasser gefallen war, blieb mir nichts anderes übrig, als nicht nur die Gestaltung sondern auch die Vorbereitung – den Zuschnitt der Puzzlestücke – zum Teil des Projektes zu machen. Nachdem ich eine Handstichsäge sowie Kunststoff-, Sperrholz- und Spannplatten eingekauft habe, verbrachte ich ein Wochenende mit dem Experimentieren. Der Kurvenschnitt wurde leider bei keinem Material wirklich genau und es war vor allem sehr anstrengend und zeitaufwändig! Am Schluss entschied ich, meine Programm-Teilnehmenden dazu aufzufordern, die Puzzleteile mit einem starken Cutter aus Altkarton auszuschneiden. Dazu reichten zwei Muster aus Kunstschaumstoff, die ich in hinreichender Genauigkeit mit der Handstichsäge fertigte. Zum Glück erhielt ich rechtzeitig per E-Mail von Tim Kelly die Puzzlegrafik in der Originalgrösse, die ich als Muster verwenden konnte, und ich fand gerade rechtzeitig genügend grossflächige Kartonschachteln in der Abfallsammlung der Winterthurer Altstadt.

Puzzlestücke von der Mustervorlage abzeichnen und ausschneiden – ein Teamwork
Handwerkliche Herausforderungen
Das Zusammenkommen in der Gruppe
Besprechung des Vorgangs und wichtige Gruppenentscheidungen

Der grosse Reiz der kollaborativen Kunst liegt im Erleben der Gemeinschaft und in der neuartigen Definition der Künstlerrolle. Hier werden die Kunstwerke nicht von einer einzelnen Person, sondern von einer Gruppe oder einem Kollektiv erschaffen und alle sind dazu angehalten, zu dem gemeinsamen Werk auf eine bedeutsame Art beizutragen. Es handelt sich nicht um blosses Zuliefern der einzelnen Komponenten, sondern um eine Form der geistigen Zusammenarbeit, die von allen Beteiligten einen schöpferischen Beitrag und gemeinsame Entscheidungen erfordert. In meinem Puzzle-Projekt wurde gemeinsam über den Zuschnitt von Puzzleteilen und über die Art und Weise, wie das grosse Werk im Raum installiert werden soll, entschieden. Die Gestaltung der Stücke hingegen stellte den individuellen und unverwechselbaren Beitrag jedes Einzelnen dar.

Individuelle Gestaltung des Puzzlestücks
Gestaltung des Puzzles zum Thema: „What is meaningfull for you“ unter der Anleitung von Beata Sievi

Das Puzzle-Projekt wurde meine erste wirklich erfolgreiche Erfahrung mit collaborative art. Ich war sehr erleichtert, als sich die Gruppe auf die Aufgabe ohne grosse Skepsis einliess und als die Teilnehmer innerhalb von 3 Stunden die benötigten Puzzleteile ausgeschnitten hatten. Da ich anfänglich die Selbstorganisation nicht zu stark beeinflussen wollte, verlief die Planung für die Puzzle Verteilung und spätere Zusammenstellung lediglich mit Hilfe einer handgefertigten Skizze mit den Initialen der Beteiligten. Dies erwies sich später als ungenügend und führte zu einem vorübergehenden Chaos: Beim ersten Zusammenführen der sorgfältig und individuell gestalteten Teile standen die meisten Bilder auf dem Kopf und wegen des ungenauen Schnitts konnte man ihren Platz nicht beliebig tauschen. Doch die Gruppe fand zum Glück eine Lösung, auch wenn sie mit Mehrarbeit verbunden war. 

Die Rolle der Projektleiterin, die ich anfänglich delegieren wollte, musste ich letztendlich entschieden und definitiv selbst besetzen, um die Informationsflüsse zu gewährleisten. Die Gruppe arbeitete an dem Projekt während insgesamt 4 Wochen jeweils am Vormittag; an manchen Tagen alle zusammen, an den anderen unterteilt in zwei kleinere Gruppen. Es war immer wieder jemand krank, abwesend oder schlecht drauf, und öfters mussten die von einer Person angefangenen Aufgaben und erdachten Lösungswege von anderen weitergeführt werden. So hatten beispielsweise an der Holz-Konstruktion, die das gesamte Puzzle stützt und trägt, zwei verschiedene Duos an unterschiedlichen Tagen gearbeitet. Es war ein schöner Moment als ich vom Baumarkt zurückkam, wo ich in Eile per Velo die letzten Nägel holte, und die ganze Gruppe arbeitend vorfand. Ich erwartete, dass die Gruppe während meiner Abwesenheit eine längere Zigarettenpause einlegen würde. Doch ich täuschte mich – die gesamte Puzzle-Wand stand auf den Sockeln als ich das Atelier betrat. Die Jungs hatten nur noch auf die zusätzlichen Nägel gewartet,  um der Konstruktion mehr Stabilität zu verleihen.

Puzzle-Installation auf den Holzsockeln

Die individuelle Gestaltung eines eigenen Puzzleteils war für die meisten der persönlichste und freudigste Moment, dem ich genügend Zeit liess. Auch hier galt es, sich  durch Absenzen und Verzögerungen nicht irritieren zu lassen und abzuwarten, bis auch der letzte Teilnehmer mit seinem Werk fertig war. Berührend war, was beim Gedanken an die wichtigen Dinge im Leben in den Fokus geriet – Familie, Haustiere, Natur, Ideal der Freiheit oder aber auch Schwermut, Bewusstsein der Vergänglichkeit und persönliche Blockaden. Und wie die Themen durch die Puzlleform sogar physisch ineinander griffen. Auch wenn es mich bei diesen Aufgaben gelegentlich traurig machte, wenn einzelne sich mit dem vorgegeben Thema lediglich oberflächlich auseinandersetzten –  ich durfte es nicht beeinflussen.

Irma’s portrait, Vik Muniz, Szene aus dem Dokumentarfilm Waste Land

Ich dachte oft an Vik Muniz, der künstlerische Projekte auf Jardim Gramacho, der grössten Müllhalde von Rio De Janeiro, ins Leben rief. Im Dokumentarfilm von Lucy Walker „Waste Land“ sagt er: „Es geht um die Erfahrung, wie Kunst Menschen verändern kann, und um die Frage, ob sie das überhaupt kann. Ist das möglich, und wie wirkt sich das aus? Die Kombination von Kunst und Sozialprojekten ist für mich das Wichtigste. So holt man die Leute, und wenn auch nur für wenige Minuten aus ihrem gewohnten Umfeld heraus und zeigt ihnen eine andere Welt, eine andere Perspektive, aus der sie sehen können, wo sie stehen.“ Es klingt nach einem minimalistischen Ansatz, wenn sich der Künstler und Projektleiter tatsächlich nur mit diesem flüchtigen Moment der Berührung mit der Kunst zufrieden gibt. Es steckt jedoch ein Idealismus drin, an die verwandelnde Wirkungskraft der Kunst überhaupt zu glauben. Nun hatte Muniz mit seinen Projekten, zumindest bei einigen Müllhalden-Arbeitern von Gramacho, wahre und anhaltende Veränderungen angestossen. Ob dies die Kraft der Kunst bestätigt oder eher die Motivation der Teilnehmenden, aus dem realen Elend herauszukommen bezeugt, darüber kann spekuliert werden. In diesem Spannungsfeld bewege ich mich jedenfalls in meinem Arbeitsalltag. Nichts ist durch das Puzzleprojekt unmittelbar einfacher geworden. Oft begegne ich der Gleichgültigkeit gegenüber anderen künstlerischen Projekten oder sogar einem stumpfen Widerstand. Aber das Aufstellen des Puzzles erlebte ich als einen intensiven Moment der Verbundenheit und ich erinnere mich gerne daran. Die Installation steht jetzt an einem repräsentativen Ort und ist eine Zeugin unserer täglichen Bestrebungen im Leben weiterzukommen, die jede Person genauso wie das Puzzlestück auf ihre ganz individuelle Art gestaltet.

Puzzle-Installation als Beispiel der kollaborativen Kunst, Projektleitung: Beata Sievi

Falls Sie sich für das Puzzle-Projekt interessieren, Sie gern diese oder eine andere kollaborative Kunstinstallation realisieren möchten und Unterstützung oder detaillierte Informationen benötigen, schreiben sie mir bitte auf die Adresse salon@beatasievi.ch

„Worte, Worte, Worte“ – Collagen Beata Sievi

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Poesie der gefundenen Worte – Herta Müller

„Im Heimweh ist ein blauer Saal“. – Diesen mysteriösen Buchtitel, der zugleich eine Zeile aus Hertha Müllers Wort-Collage ist, entdeckte ich kurz vor Weihnachten unter den Geschenk-Empfehlungen der Zeitschrift Republik. – „Die Collagen von Herta Müller sind beides zugleich: Kunstwerk und Gedicht, Sprache und Bild, Spiel und poetischer Ernst“ las ich im Klappentext und bestellte sogleich das empfohlene Buch. Es stellte sich als eines der besten – und für mich folgenreichsten – Geschenke heraus, die ich mir je selbst gemacht habe!

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Bereits nach den ersten flüchtigen Blicken ins Innere des Buches überkam mich eine neue Gestaltungs-Euphorie. Wort-Collagen, dass könnte auch mein Weg aus Sprachlosigkeit werden. Nach Monaten des diplomatischen Schweigens gegenüber meinen Arbeitgebern, Kollegen, Dozierenden, Bekannten und Freunden fing ich an, über all das, was mich bewegt, empört oder belustigt mit den Wörtern und Wortgruppen der anderen zu sprechen. – In einer Art Dammbruch entstanden in kurzer Zeit mehrere Wort-Collagen – eine unerwartete und befreiende Wort-Lust gegen Frust.

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„Ultimo Tango“ – Collage von Beata Sievi, Januar 2020

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„Qualifikationsgespräch“ – Collage von Beata Sievi, Januar 2020

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Wichtige Entscheidung, April 2020

„Zudem sind die einzelnen ausgeschnittenen Wörter alle verschieden, jedes Wort ist ein anderer Gegenstand, vielleicht sogar ein Individuum.“ – schreibt Herta Müller in der Einführung zu Ihrem Collagen-Buch. “Das Aussehen, die unterschiedlichen Grössen, die Farbe, die Schrift sind für die Collage genauso wichtig wie die Bedeutung des Wortes. Im Grunde ist die Individualität der Wörter, die beim Tippen immer gleich aussehen, das Fesselnde an der Kleberei.“ – Ähnlich aufregend empfand auch ich die kreative Arbeit. Das ästhetische Potential und der künstlerische Anspruch einer Collage-Gestaltung eröffneten sich mir nach und nach und meine Arbeit wurde zunehmend sorgfältig. Die Wörter Sie zu neuen ungeahnten Konstellationen zusammenzufügen und dabei nicht nur auf Sinn und Spiel von Farben und Formen, sondern auch auf die Schönheit der gesamten Komposition zu achten, wurde zu einer neuen Herausforderung und bescherte mir mehrstündige Flow-Erlebnisse. „Es ist eine der intensivsten Kontakte mit der Sprache, weil man jedes Wort einzeln anfassen muss.“ – bringt es Herta Müller auf den Punkt. Da die Wörter aus vielen verschiedenen Zeitschriften stammen, tragen sie mit ihrer haptischen Vielfalt zur Sinnlichkeit der Texte bei.

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„Wunsch und Wirklichkeit“ – eine Collage anlässlich des 54-sten Geburtstags von Beata Sievi

„Je länger ich mit den Wörtern arbeitete, umso länger wurden die geklebten Texte.“ – berichtet Herta Müller über die Entwicklung ihrer Kunst. Es sei für sie mittlerweile selbstverständlich, mit gefundenen Worten zu schreiben. Anders als Herta Müller, die offenbar das Gedicht manchmal schon im Kopf entwirft und ihn anschliessend aus den ausgeschnittenen Wörter zusammensetzt, suche ich selten nach Ausdrücken, die sich bereits in meinem Kopf aneinander reihen, sondern lasse mich vom gefundenen Material und vom Zufall inspirieren.

Winterfeeling 2020

Das Ausschneiden und Sammeln der Wörter und Werbeslogans wurde bald zu einer wahren Liebhaberei. Sie trieb meine Aufmerksamkeit auf der Wort-Jagd durch noch so belanglose Werbeflyer und triviale Zeitungsberichte und verwandelte meine Zeit in den Warteschlangen und Wartezimmern dieser Welt in eine Entdeckungsreise, die stets neue Trophäen einbringt. „Der perfekte Total-Look“, „Heiraten soll Spass machen“, „Vertrauen zahlt sich aus“, „Bullshit-Erkennungskompetenz“ – Wort-Schätze, die darauf warten, noch einmal in Erscheinung treten zu können und in einem neuen Kontext ihre Wirkung zu entfalten.

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Mit der Zeit stiess Herta Müller auf das Problem der Aufbewahrung. Diese Schwierigkeit stellte sich auch bei mir ein. Die Autorin richtete sich ein Wortschränkchen mit alphabetisch angeordneten Schubladen ein, damit sie schnell ein Wort findet, wenn sie es benötigt. Im Unterschied zu ihrer Lösung, sind meine Wörter hauptsächlich nach Themen oder nach einem emotionellen Kolorit in separaten Schachteln angeordnet. Dennoch war auch ich gezwungen, zusätzliche Ablagen für Adjektive, Verben, Artikel und Präpositionen einzurichten, um die gefundenen Phrasen schneller miteinander verbinden zu können.

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Collagen Entwurf, Beata Sievi

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Zeitschrift der Kultur DU, Jahrgang 1962

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Collagen Entwurf, Beata Sievi

Im Zuge der Recherchen habe ich eine grosse Vorliebe für ganze Sätze und Werbe-Slogans entwickelt, die ich entweder nur in Fragmenten verwende oder aber ganz belasse und in einen neuen Kontext setze. Da ich eine grosse Sammlung alter Zeitschriften aus den Bereichen der Kultur, Mode und Kosmetik besitze, steht mir für meine Collagen ein umfangreiches Material zu Verfügung, der eine intensive und erkenntnisreiche Begegnung mit der Sprache der Werbung ermöglicht. Der Wandel der kulturellen Prägung von Geschlechter-Rollen, Berufsbildern sowie der postulierten und gelebten Werten wird augenfällig. Am stärksten fällt mir aber auf, wie die romantische Liebe und Intimität, früher als ein Refugium in einer kommerzialisierten Welt begriffen, von der kapitalistischen Wirtschaft einverleibt wurden. Die intimsten Sphären unseres Lebens unterliegen durch die Werbung einer permanenten Steuerung und einem von ihr ausgeübten subtilen oder offensichtlichen Konsumzwang. Solche Phänomene in meinen Collagen explizite sichtbar zu machen und ad absurdum zu führen, ist mir allergrösstes Vergnügen.

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„Zum Stand der Krise“ – Querschnitt aus den Zeitungen im März 2020

Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich eine Collage auch im Auftrag gestalten könnte – die Antwort ist natürlich – JA. Das dies möglich ist, beweisen persönlich gestaltete Geburtstags-Collagen als auch eine grossformatige Collage, die ich im Auftrag eines Teams anlässlich des Abschied vom beliebten Arbeitskollegen gestaltet habe – mit einem von vielen Personen zusammengetragenen Material.

Der Arbeitsaufwand einer Collage lässt sich erst dann ermitteln, wenn das Thema und die Grösse festgelegt sind. Zögern Sie nicht mich – am besten per E-Mail an salon@beatasievi.ch – einfach anzufragen! Für meine persönlichen Collagen habe ich, ausser diesem Blogbeitrag auch eine separate Unterseite eingerichtet, wo ich alle meine bisherige Collagen in der chronologischen Reihenfolge zeige und wo ich gelegentlich die Neuheiten ohne längere Kommentare publizieren werde.

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Kawabata – zwischen Verdinglichung der Frau und Sehnsucht nach Resonanz – Salon-Ansprache vom 29. Februar 2020

Am 29. Februar hat Thomas Blubacher aus dem Roman „Die schlafenden Schönen“ von Yasunari Kawabata in meinem Salon vorgelesen. In dem folgenden Blogartikel können Sie meine Einführung in den Abend, nachträglich um einige Reflexionen aus der Salon-Diskussion ergänzt, nachlesen.

Text: Beata Sievi, Lesezeit 20 Min

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Es ist eine kalte Winternacht, Januar 1985. Die Wanduhr in der obskuren Mansarde in dem Warschauer Proletarierquartier Zoliboz zeigt zehn Minuten vor Mitternacht. Eine junge Frau, die vor einigen Monaten aus Danzig zu ihrem Psychologie-Studium hierher angereist war, liegt auf dem Bett und lauscht dem durch die Ritzen des undichten Fensters eindringenden Wind. Es ist, als würde sie regungslos ihre Einsamkeit betrachten. In die Stille der Winternacht drängt sich auf einmal ein Radiogeräusch. Die tiefe Stimme des Moderators kündigt eine Lesung aus japanischer Literatur an. „Die schlafenden Schönen“ – ein Roman des in Polen bereits bekannten Nobelpreisträgers Yasunari Kawabata, der soeben ins Polnische übersetzt wurde. Er sollte in zehnminutigen Abschnitten jeden Tag vor Mitternacht vorgelesen werden. Die Studentin horcht und hört – 10 Minuten Begegnung mit einer fremden Einsamkeit – als Remedium gegen das eigene Alleinsein. Dies war meine erste Begegnung mit dem Roman, den ich im Rahmen einer Salon-Lesung bereits zum zweiten Mal, einem breiteren Publikum vorstelle.

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Polnische Ausgaben der Kawabata`s Romane: „Die Stimme des Berges“ und „Die schlafenden Schönen“

Den geheimnisvollen Namen des Bücherautors Yasunari Kawabata hatte ich bereits als Mädchen in der Bibliothek meiner Pflege-Mutter entdeckt. Die poetischen Titel wie „Schneeland“, „Tausend Kraniche“ oder „Die Stimme des Berges“ weckten meine Neugierde und ich begann die Bücher zu lesen, noch bevor ich alle Zusammenhänge verstehen konnte. Dabei erlag ich der Magie altjapanischer Traditionen und Mythen, sowie Kawabatas origineller Sprache. Seine Protagonisten sind oft von tiefen Emotionen der Liebessehnsucht und der Trauer bewegt. Da ihre Dialoge oft nach Andeutungen verstummten, verlor ich mich in Vermutungen darüber, was zwischen den beschriebenen Personen wirklich vorgefallen oder nicht vorgefallen war. Insbesondere faszinierte mich die verschlüsselte Art, wie man sich in diesem Kulturkreis gegenseitig Zuneigung zeigte. So konnte sich die Liebe zum Beispiel im Muster des getragenen Kimonos oder in einem Riss der handgefertigten Teeschale offenbaren, wobei die verliebte Person nie sicher sein konnte, ob derart kodierte Botschaft überhaupt vom Gegenüber verstanden wurde. Meine Faszination von diesen zaghaften und scheuen Gefühlsäusserungen gründete – wie ich es erst heute erkenne – in einer Sehnsucht nach Nähe gepaart mit einer tiefen Angst vor Ablehnung, die ich mit dem Autor teilte.

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Muster eines festlichen Tomesode Kimonos aus den 70-er Jahren.

Schon früh war für mich die imaginative Aktivität, die erlaubt, Erfahrungen und Emotionen der fiktionalen Charaktere nachzuvollziehen sehr wichtig. Die Literatur ermöglichte mir oft eine «Quasi-Erfahrung» von Situationen und Begegnungen mit fremden Menschen. Ich lernte ihre Motive zu verstehen, sie wurden allmählich zu Vertrauten. Heute teile ich diese Erfahrung mit meinem Salon-Publikum, in der radikalen Überzeugung, dass uns die Literatur, mit ihrem Appel an die Fähigkeit der empathischen Perspektiven-Übernahme, in eine neue Art von Menschen verwandelt. Auch mit ihren künstlerischen Mitteln der Sprache und der Metaphern erweitert sie stets den Horizont unseres Vorstellungsvermögens.

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Muster eines festlichen Obis getragen zum Tomesode Kimono.

Die Sprache Kawabatas orientiert sich sowohl an der traditionellen japanischen Literatur als auch an den modernen Einflüssen des europäischen Expressionismus. Doch keiner seiner Romane erinnert so stark wie „Die schlafenden Schönen“ an eines der ersten und bedeutendsten Werke der japanischen Literatur, Genji monagatari. Dieser aus dem 11. Jahrhundert stammende Text handelt vom leuchtenden Prinzen Genji, der sein Leben lang die Schönheit der Frauen aus unterschiedlichen Perspektiven, in immer wieder fortgesetzten und in einander verschachtelten Erzählungen beschreibt. In einer dieser Geschichten, die den Titel „Glühwürmchen“ trägt, wird die Prinzessin Tamakazura von Genji in einer bewölkten Viertelmondnacht in ein Zimmer geführt, um den Prinzen Hotaru zu begrüssen, der sie zu sehen begehrt. Tanakazura und Hotaru befinden sich im selben Zimmer, jedoch sind sie durch eine Art Seidenvorhang getrennt. Die Prinzessin weiss daher nicht, dass der Prinz sie gerade in dem Augenblick durch einen Spalt beobachtet, in dem Genji hinter ihr einen Schwarm Glühwürmchen aus einem Tuch entlässt. „Der Prinz überlegte, wo sich die Prinzessin wohl aufhalte, und hatte das Gefühl, ihr ein wenig näher zu sein. Klopfenden Herzens spähte er durch einen Spalt des wundervollen, feinen Seidenvorhangs und sah ganz unerwartet in weniger als zwei Meter Entfernung ein Licht aufblitzen, in dem sich ihm ihre Schönheit zeigte.“

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Leuchtkäfer (Hotaru), Kono Bairei (1844-1895)

Die überraschende Schönheit einer Frau, die im roten Dämmerlicht des mit Samtvorhängen umhüllten Zimmers noch geheimnisvoller erscheint, ist auch ein wiederkehrendes Motiv in den „Schlafenden Schönen“. Auch hier wird die Schönheit der Frau erst durch einen männlichen Betrachter erkennbar und sie weckt das Begehren, doch bleibt die Frau selbst unzugänglich. Die emotionale Unerreichbarkeit – ein für Kawabata charakteristisches Thema – und die Neigung des Autors zur Melancholie sind keineswegs lediglich eine literarische Manier, sondern hängen zusammen mit den tragischen Lebensumständen, die ihn schon früh geprägt hatten.

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Yasunari Kawabata

1899 in Osaka in eine gut etablierte Arztfamilie, hineingeboren, war Yasunari bereits als Vierjähriger verwaist und lebte danach bei seinen Grosseltern. Im Alter von 5 Jahren verlor er jedoch seine Großmutter. Seine ältere Schwester, die er nur einmal sah, weil sie bei anderen Angehörigen aufgezogen wurde, starb, als er 10 Jahre alt war. Den Tod des Grossvaters erlebte er mit 15 und danach lebte er kurz bei der Familie seiner Mutter, um bald darauf in ein weit entlegenes Internat einzuziehen.

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Yasunari Kawabata, 1946

Diese biografischen Details erklären, weshalb in so vielen von Kawabatas Werken eine Trennungssituation und ein Gefühl der Distanz eingewoben sind. Seine Figuren erwecken oft den Eindruck, dass eine unsichtbare Mauer um sie herum aufgebaut ist. In einem 1934 veröffentlichten Werk schrieb Kawabata: „Ich habe das Gefühl, nie die Hand einer Frau im romantischen Sinne gehalten zu haben[…] Bin ich ein glücklicher Mann, der doch Mitleid verdient?“. Ein unveröffentlichter Eintrag aus Kawabatas Tagebuch zeugt von einer besonders schmerzhaften Liebensgeschichte, die er im Alter vom 20 Jahren erlebte: Seine geliebte Hatsuyo Ito, wurde von einem Mönch in einem Tempel vergewaltigt, was sie dazu veranlasste, ihre Verlobung mit Yasunari zu brechen. Auch wenn er später Beziehungen mit Frauen einging und heiratete, – und ein erfolgreicher und über die Grenzen Japans gefeierter Autor wurde – 1968 erhielt Kawabata den Nobelpreis für Literatur – empfand er lebenslang eine tiefe emotionale Unsicherheit. 1972 setze er seinem Leben selbst ein Ende. Da er keine Botschaft hinterliess, kann über die möglichen Gründe für den Selbstmord nur spekuliert werden. Seine Biographen betonen die tiefe Trauer, die der Selbstmord seines Schriftsteller- Freundes Yukio Mishima bei ihm auslöste. Zweihundert Nächte hintereinander sollte Kawabata Albträume über Mishima gehabt haben und fühlte sich vom Geist des Verstorbenen verfolgt. In diesem Gemütszustand teilte Kawabata öfters seinen Freunden mit, dass er auf einer Reise manchmal hoffte, durch einen Flugzeugabsturz umzukommen.

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Nobelpreis Verleihung 1968

Die Auseinandersetzung mit Tod und Vergänglichkeit sind zentrale Motive in den „Schlafenden Schönen“. «Ein alter Mann ist nun mal ein Nachbar des Todes», offenbart Eguchi, Protagonist des Romans und sehnt sich danach, neben einer jungen Frau im geheimen Haus der schlafenden Schönen zu sterben. Das Haus ist nur für ältere Männer bestimmt und bietet junge Frauen im Tiefschlaf an. Eguchi verbringt dort mehrere Nächte neben immer anderen jungen Frauen und Mädchen. Eine zunächst für den Leser verstörende Idee?

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Bijinja von einem modernen Künstler Yasunari Ikenaga

Schlaf ist eine intime Angelegenheit; je tiefer er wird, umso mehr verlieren wir die Kontrolle, sind möglicherweise Blicken und Handlungen anderer, Nichtschlafender, ausgeliefert und wollen uns darauf verlassen, dass diese Asymmetrie nicht ausgenutzt wird. Indessen sind die Regeln des seltsamen Hauses, den wir im Roman kennenlernen, zwar vorgegeben, doch bleibt deren Auslegung letzten Endes den unbeaufsichtigten Besucher überlassen. Gleichermassen von der Sinnlichkeit tief Schlafenden und gänzlich verfügbaren Frauenkörper angezogen, wie von dem für die alten Männer beschämenden Arrangement, diesem „senilen Spiel“, wie er es nennt, abgestossen, sucht Eguchi dennoch in immer kürzeren Zeitabständen das Haus der schlafenden Schönen auf. Was veranlasst ihn, den in Liebesdingen höchst Erfahrenen dazu, immer wieder zurückzukehren? Was genau ist sein Begehren? Ist es nur der Wunsch, sich im Alter noch einmal an jungen Körpern zu erfreuen, ohne dabei in Gefahr einer Demütigung zu laufen?

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Shunga, Utamaro

Was aus Neugier auf einen sinnlichen Genuss für einige Stunden beginnt, lässt den alten Mann unaufhaltsam in ein experimentelles Begehren geraten. Es stellt sich schnell heraus, dass jede Frau andere Phantasien und andere Erinnerungen in ihm lebendig werden lässt. Die Gedanken an Frauen, die Eguchi in seinem Leben gekannt hat – die eigene Ehefrau, die Töchter, mehrere Geliebten, Prostituierten und Bekanntschaften einer Nacht – entfalten sich in weiten Assoziations-ketten, in denen Eguchi sich als Vater, Ehemann, Geliebter und Liebender in verschiedene Lebensphasen zurückversetzt sieht. Erst mit der Einnahme des bereitliegenden Schlafmittels kann er den oft schuldbeladenen Reflexionen jeweils ein Ende setzen.
Nicht herrscht hier also der alte, das Vergnügen suchende Mann, wie es anfangs aussieht, sondern die narkotisierten Frauen scheinen mehr und mehr über ihn zu verfügen. Dabei entfaltet ihre Schönheit eine höhere Macht über den Betrachter aus und bestätigt, was der englische Philosoph George Scruton in seinem Film „Why beauty matters“ sagt: „In der individuellen Wahrnehmung besitzt das Schöne stets eine überzeugende Kraft, der wir uns nicht entziehen können. Es spricht zu uns direkt wie die Stimme eines intimen Freundes“. Beim Eguchi wirkt die Begegnung mit der weiblichen Sinnlichkeit zuweilen wie ein schmerzvoller Stachel und lässt ihn zwischen dem Besitzwunsch und der Sehnsucht nach tiefer emotionaler Bindung schwanken. Selbst im tiefsten Schlaf spielen die jungen Frauen ihr ganz unterschiedliches Aussehen, ihren spezifischen Geruch und individuelles Gebaren, ihre eigenen Möglichkeiten aus und zwingen ihn, den versierten Liebhaber, sowohl seine Angst vor dem Verlust der sexuellen Potenz wahrzunehmen als auch sich mit dem lang Verschütteten, dem nicht Geklärten und nicht Eingestandenen auseinanderzusetzten.

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Shunga, Utamaro

Es ist ein psychoanalytisch anmutender Prozess, und oft eine qualvolle Seelenarbeit. Bei manchem Leser mag dieser psychische Schmerz eine allfällige moralische Empörung mildern. Die anderen werden an der Selbstverständlichkeit, mit welcher Kawabata die erotischen Verhältnisse innerhalb einer ausdrücklich patriarchalen Kultur darstellt, eher als befremdend empfinden. In ihrem Essay „Verdinglichung“ nennt die Philosophin Martha Nussbaum sieben Möglichkeiten, eine Person als Ding zu behandeln: Instrumentalisierung, Trägheit, Austauschbarkeit, Besitzverhältnisse, Leugnung der Autonomie, Negierung der Verletzbarkeit und der Subjektivität. Auch wenn das Haus der schlafenden Schönen – sollen wir ihn für einen Augenblick als eine reale Einrichtung betrachten – die meisten diesen Bedingung erfüllt und kritisch betrachtet werden muss, scheint der Protagonist, der diese Einrichtung in Anspruch nimmt, gerade von dem Wunsch getrieben zu sein mit den angebotenen Frauen in reziproken Kontakt zu treten und ihre Individualität und Handlungsfähigkeit zu erleben.

Vielleicht sollten wir den Roman von Kawabata als eine Parabel für eine Kultur betrachten, in welcher sich die Männer nach der erotischen Resonanz und Authentizität der Frauen sehnen, ohne zu erkennen, wie sie mit ihrem für Patriarchat charakteristischem Habitus, die Frauen ihrer erotischen Subjektivität berauben? In eine von diesen Widersprüchen geprägte Kultur wurde auch ich hineingeboren und auch mir erschien in meiner Jugend die Schönheit und Verführungskraft als eine Möglichkeit der Machtausübung. Wer sich dieser Macht allein verschreibt, wird der Konfrontation mit ihrer Fragilität und Vergänglichkeit nicht entkommen.

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„Wahre Schönheit“, Chikanobu Toyohara

 

„Die schlafenden Schönen“ und die Vergänglichkeit des Eros – Salon-Vorankündigung

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Holzschnitt von Kotagawa Utamaro

Meine Faszination mit der japanischen Kultur besteht seit meiner Jungend und wurde durch die Romane des japanischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Yasunari Kawabata geweckt, die ich als junges Mädchen in der Bibliothek meiner Pflegemutter fand. Die geheimnisvollen Titel wie „Schneeland“ , „Tausend Kraniche“ und „Die Stimme des Berges“ oder „Die schlafenden Schönen“ weckten meine Neugierde und ich erlag schnell der Magie altjapanischer Traditionen und Mythen und Kawabatas origineller Sprache. Seine Dialoge bestehen oft aus wagen Andeutungen, Bildfolgen sind gleichsam musikalisch komponiert. Seine Protagonisten sind meistens durch tiefe Emotionen der Liebessehnsucht und Trauer bewegt, doch bleibt ihr inneres Leben verborgenen und drückt sich höchstens symbolisch aus – im Muster des getragenen Kimonos oder in einer Teeschale, die man als Geschenk der geliebten Person überbringt.

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Kitagawa Utamaro, Sechs Schönheiten (Fragment)

Erst viele Jahre später entdeckte ich die Zeichnungen von Kitagawa Utamaro. Mit dem Beginn der Kansei-Zeit (1789–1819) schuf er eine Anzahl von Frauen-Porträts, die als bijin ōkubi-e bekannt wurden, also Bilder, in denen die Köpfe der Porträtierten das ganze Blatt einnehmen. Die Frauen in den Zeichnungen von Utamaro sind mit Detail-Reichtum dargestellt,  umfassen verschiedene Temperamente, soziale Klassen und offenbaren auch innere Zustände der Dargestellten. Damit unterscheiden sie sich von den idealisierten, ausdruckslosen Schönheiten, die das  populär gewordene Genre überflutet haben.

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Holzschnitt von Kitagawa Utamaro

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Holzschnitt von Kitagawa Utamaro, „Liebe für die Bauersfrau“ 1795

Bijin-ga gilt mittlerweile als Gattungsname für Holzschnitt – Darstellung ( ukiyo-e) von schönen Frauen, die jeweils dem zeitgenössischen Schönheitsideal entsprachen, unabhängig von der Entstehungszeit der Kunstwerke. Die Geschichte dieser Kunstgattung erlaubt die allmählichen Veränderungen des weiblichen Schönheitsideal in Japan zu verfolgen.

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Japanische Kunstdrucke, Frau bei der Anwendung des Puders, Hashiguchi Goyo , 1918

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Yasunari Ikenaga, zeitgenössicher bijin-ga Künstler, geb. 1965

Um meiner langjähriger Faszination mit der japanischen Kultur Rechnung zu tragen, habe ich 2005 für mich ein traditionelles japanisches Kostüm angefertigt, das aus einem festlichen Kimono, einem Unterkimono (nagajuban) und einem Obi besteht. Der Kimono wurde von mir, gemäss der japanischen Tradition, von Hand genäht, wobei die gesamte Kreation mehr als 50 Stunden Arbeit benötigte. Um das Kimono Tragen zu können habe ich mich von einer japanischen Kimonomeisterin unterrichten lassen. Auch die meisten japanischen Frauen wären nicht in der Lage, ohne weitere Hilfe einen Kimono korrekt anzuziehen. Die typische Ausstattung für Frauen umfasst normalerweise zwölf oder mehr einzelne Stücke, die jeweils auf eine bestimmte Weise angelegt werden müssen. Es gibt daher noch immer professionelle Kimono-Anlegegehilfen, die man vor allem für besondere Anlässe zur Unterstützung anstellen muss.

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Holzschnitt von Kitagawa Utamaro, Toilette

In der Literatur unternahm der Nobelpreisträger Yasunari Kawabata ein bemerkenswerter Versuch der Auseinandersetzung mit der weiblichen Schönheit und Erotik. Sein Roman „Die schlafenden Schönen“ aus dem Jahr 1960 fasziniert mich seit vielen Jahren und ich werde am 29. Februar 2020  in meinem Salon eine Lesung aus diesem Roman anbieten.

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Yasunari Ikenaga, zeitgenössicher bijin-ga Künstler, geb. 1965

Protagonist des Romans ist ein Mann an der Schwelle zum Alter wird von einem Freund in ein Freudenhaus besonderer Art eingeführt. Das Haus ist nur für ältere Männer bestimmt und bietet junge Frauen im Tiefschlaf an. Eguchi verbringt – in immer kürzer werdenden Abständen – mehrere Nächte neben immer anderen jungen Frauen und Mädchen. Eine jede weckt andere Phantasien, andere Erinnerungen an Frauen, die Eguchi in seinem Leben gekannt hat – an die eigene Ehefrau und die Töchter, an Geliebte, an Bekanntschaften einer Nacht. Im Mittelpunkt der Erzählungen steht die Beschreibung der Schönheit und Erotik der jungen Frauen, die Kawabata mit seinem geschulten Empfinden für Ästhetik gekonnt ausführt. Die Spannung entsteht, gerade weil zwischen Eguchi und den Mädchen immer eine Distanz bleibt und die Mädchen letztlich für ihn unerreichbar bleiben. Trotz der moralischen Bedenken, ob es richtig ist, neben wehrlosen, wie Spielzeuge für ihn hergerichteten Frauen zu schlafen, ziehen ihn die schlafenden Schönen immer wieder aufs Neue an und er ist geneigt herauszufinden, was es mit dem Freudenhaus auf sich hat. Doch ehe er das Geheimnis aufdecken kann, kommt es zu einer Katastrophe. Eine Geschichte, die in der patriarchalischen Kultur eingebettet ist und Fragen betreffend der Verdinglichung der Frauen aufwirft. Anderseits ist es eine Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit des Eros, die der heutigen Überhöhung aktiver Sexualität entgegenläuft und einen Zugang zu sinnlicher Melancholie eröffnet.

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Bijin-ga von dem modernen Künstler, Yasunari Ikenaga

Samstag, 29. Februar 2020, 17 Uhr – „Die schlafenden Schönen“ – Thomas Blubacher liest aus dem Roman von Yasunari Kawabata, Moderation und Kimonovorführung – Beata Sievi.
Ort: Beata Sievi`s Salon Bibliothek, Winterthur. Eintritt CHF 65 ( inkl. Konsumation). Anmeldung: salon@beatasievi.ch. (Der Salon ist ausgebucht, es besteht eine Warteliste)

„Unnahbar und ungestüm“ – Salon mit Vincenzo Todisco und dem „Eidechsenkind“ – 30. November 2019

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Junge mit Eidechse, Französische Malerei 19 Jh.

Kindheit hinterlässt nicht nur Spuren, sondern manchmal auch bleibende Narben. Da sich ein Kind den Ort, an dem es auf die Welt kommt und das soziale Umfeld in dem es aufwächst, nicht aussuchen kann, ist es oft gezwungen, angesichts widriger Umstände spezifische Überlebensstrategien zu entwickeln. Mit der Zeit drohen diese – einst in der Not funktionierenden Taktiken – zu festen Persönlichkeitsmerkmalen heranzureifen, die anderen Menschen fremdartig und unverständlich erscheinen. So ergeht es jedenfalls dem „Eidechsenkind“ aus dem Roman von Vinzenco Todisco, das von seinen Eltern – italienischen Gastarbeitern in der Schweiz der 60-er Jahre – über mehrere Jahre im Verborgenen gehalten wird und in einer Atmosphäre von Angst und emotionaler Entbehrung heranwächst.

Die Geschichten der versteckten Kinder, die durch das Rechtssystem der Schweiz nicht akzeptiert waren, sind – neben dem tragischen Schicksal der Verdingkinder – mit Schmerz, Scham und Schuld behaftet. Vinzenco Todisco nähert sich dem Thema mit grosser literarischer Intensität und erzählt eine Geschichte, die gleichzeitig über das Politische hinausgeht. Sein Eidechsenjunge ist ein Archetyp des Ausgestossenen und Sonderbaren – des „Anderen“ schlechthin und erinnert an den in der Literatur und im Film mehrfach präsentierte Fall des geheimnisvollen Findlings Caspar Hauser, oder an solche literarische Figuren wie der kleinwüchsige Oskar Mazerath aus der „Blechtrommel“ von Günther Grass und an Ben – das fünfte „Neandertaler-Kind“ aus dem Roman von Doris Lessing.

CESARE CIANI (Firenze, 1854 – 1925) Bambino

Auch wenn in Todiscos Geschichte die sozialen und politischen Gegebenheiten als schicksalhafte Komponenten nicht von der Hand zu weisen sind, regt der Text auch eine weiterführende Reflexion an; Wie gehen wir heute, einige Jahrzehnte später, mit schwierigen Kindern um, die uns als Eltern, Pflegeeltern, Pädagogen, Lehrer und Therapeuten begegnen? Welche Herausforderung stellen Menschen dar, die sich nach Liebe und Bindung sehnen und diese gleichzeitig verhindern? Ist es gelegentlich sinnvoll der Empathie Grenzen zu setzen? Wie können wir zwischen den erworbenen und somit formbaren und den angeborenen Komponenten eines schwierigen Charakters unterscheiden?

Die Geschichte der Debatte über den Ursprung eines schwierigen oder gar „bösen“ Charakters reicht bis in die Antike, aber bis vor kurzem beruhte sie lediglich auf Beobachtungen und Spekulationen. Heute kann ein störendes Verhalten durch Erkenntnisse aus klinischer Erfahrung und empirischer Forschung, die auch Magnetoresonanztomografie einsetzt, differenzierter erfasst und erklärt werden. Insbesondre, wenn es um Aggression geht, hilft die von Neurobiologen James Blair – einem auf diesem Gebiet führenden Forscher – vorgeschlagene Unterscheidung zwischen der reaktiven und instrumentellen Aggression, die auf unterschiedlichen neurokognitiven Mechanismen beruht. Im Falle der ersten, die auch „affektive“ oder „impulsive Aggression“ genannt wird, ist es ein frustrierendes oder bedrohendes Ereignis, das die Wut und – in Folge – eine zerstörerische Entladung auslöst. Im Kontrast dazu ist die instrumentelle Aggression – auch „proaktiv“ genannt – zielgerichtet und absichtlich. Sie schliesst oft ausgeklügelte Strategien, die auf bewusstes Zufügen des Leids abzielen und bildet das wesentliche Merkmal der Psychopathie. Wie die Gehirnforschung zeigen konnte, entwickelt sich die letztere tatsächlich nur auf dem Hintergrund bestimmter genetischer Anomalien in der Amygdala und im orbito-frontalen Cortex, die das Erlernen einer angemessenen Reaktion auf Schmerz und Angst anderer Menschen bereits in frühem Alter wesentlich beeinträchtigen und somit den Sozialisatinsprozess erheblich erschweren.

James Blair betont dennoch, dass es verfehlt wäre jegliches störendes oder antisoziales Verhalten auf angeborene biologische Komponenten zurückzuführen. Und selbst in der statistisch sehr kleinen Population von Psychopathie Betroffenen, scheint erst die Kombination von ungünstigen genetischen Anlagen, fehlender elterlicher Fürsorge und antisozialem Milieu, zu vollen Ausbildung der Persönlichkeitsstörung zu führen.

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Im Roman „Eidechsenkind“ bleibt das Schicksal des vernachlässigten und in der eigenen Wut gefangenen Jungen ungewiss, was dem Leser Spekulationen über dessen mögliche Zukunft erlaubt. Wie erging es aber in Wirklichkeit den Menschen, die das Schicksal des Eidechsenjungen in mehr oder weniger ähnlicher Form tatsächlich erlitten hatten?

Vincenzo Todisco, 1964 als Sohn italienischer Einwanderer in Stans geboren, studierte Romanistik in Zürich und lebt heute als Autor und Dozent in Rhäzüns. Für sein literarisches Schaffen wurde er 2005 mit dem Bündner Literaturpreis ausgezeichnet. Im Rotpunktverlag liegen seine Romane in deutscher Übersetzung vor. Das Eidechsenkind ist seine erste Buchveröffentlichung auf Deutsch, mit der der Autor für den Schweizer Buchpreis 2018 nominiert war. Am 30. November ist er zu Gast bei Beata Sievi, wird aus seinem Buch vorlesen und mit dem Publikum diskutieren.

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DATUM: Samstag 30. November 2019, 19-21 Uhr, Eintrittspreis inkl. Verpflegung: CHF 65 (neue Gäste), CHF 55 (Stammgäste). Adresse: Neuwiesenstrasse 97, 8400 Winterthur Anmeldung: salon@beatasievi.ch

Weiterführende Empfehlungen von Beata Sievi:
Das Eidechsenkind, Vincenzo Todisco,  Rotpunktverlag 2018
Verbotene Kinder, Marina Frigerio, Rotpunktverlag 2014
Geschichte Pädagogik: von Platon bis zur Gegenwart, W.Böhm, Verlag C.H.Beck 2004
Bad Boys, Bad Men, Donald Black:  Oxford University Press, 2013
The Psychopath. Emotion and the brain. James Blair, Derek Mitchell, Karina Blair,  Blackwell Publishing 2005
„Systemsprenger“ – Filmprämiere am 19. September 2019

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