„Unnahbar und ungestüm“ – Salon mit Vincenzo Todisco und dem „Eidechsenkind“ – 30. November 2019

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Junge mit Eidechse, Französische Malerei 19 Jh.

Kindheit hinterlässt nicht nur Spuren, sondern manchmal auch bleibende Narben. Da sich ein Kind den Ort, an dem es auf die Welt kommt und das soziale Umfeld in dem es aufwächst, nicht aussuchen kann, ist es oft gezwungen, angesichts widriger Umstände spezifische Überlebensstrategien zu entwickeln. Mit der Zeit drohen diese – einst in der Not funktionierenden Taktiken – zu festen Persönlichkeitsmerkmalen heranzureifen, die anderen Menschen fremdartig und unverständlich erscheinen. So ergeht es jedenfalls dem „Eidechsenkind“ aus dem Roman von Vinzenco Todisco, das von seinen Eltern – italienischen Gastarbeitern in der Schweiz der 60-er Jahre – über mehrere Jahre im Verborgenen gehalten wird und in einer Atmosphäre von Angst und emotionaler Entbehrung heranwächst.

Die Geschichten der versteckten Kinder, die durch das Rechtssystem der Schweiz nicht akzeptiert waren, sind – neben dem tragischen Schicksal der Verdingkinder – mit Schmerz, Scham und Schuld behaftet. Vinzenco Todisco nähert sich dem Thema mit grosser literarischer Intensität und erzählt eine Geschichte, die gleichzeitig über das Politische hinausgeht. Sein Eidechsenjunge ist ein Archetyp des Ausgestossenen und Sonderbaren – des „Anderen“ schlechthin und erinnert an den in der Literatur und im Film mehrfach präsentierte Fall des geheimnisvollen Findlings Caspar Hauser, oder an solche literarische Figuren wie der kleinwüchsige Oskar Mazerath aus der „Blechtrommel“ von Günther Grass und an Ben – das fünfte „Neandertaler-Kind“ aus dem Roman von Doris Lessing.

CESARE CIANI (Firenze, 1854 – 1925) Bambino

Auch wenn in Todiscos Geschichte die sozialen und politischen Gegebenheiten als schicksalhafte Komponenten nicht von der Hand zu weisen sind, regt der Text auch eine weiterführende Reflexion an; Wie gehen wir heute, einige Jahrzehnte später, mit schwierigen Kindern um, die uns als Eltern, Pflegeeltern, Pädagogen, Lehrer und Therapeuten begegnen? Welche Herausforderung stellen Menschen dar, die sich nach Liebe und Bindung sehnen und diese gleichzeitig verhindern? Ist es gelegentlich sinnvoll der Empathie Grenzen zu setzen? Wie können wir zwischen den erworbenen und somit formbaren und den angeborenen Komponenten eines schwierigen Charakters unterscheiden?

Die Geschichte der Debatte über den Ursprung eines schwierigen oder gar „bösen“ Charakters reicht bis in die Antike, aber bis vor kurzem beruhte sie lediglich auf Beobachtungen und Spekulationen. Heute kann ein störendes Verhalten durch Erkenntnisse aus klinischer Erfahrung und empirischer Forschung, die auch Magnetoresonanztomografie einsetzt, differenzierter erfasst und erklärt werden. Insbesondre, wenn es um Aggression geht, hilft die von Neurobiologen James Blair – einem auf diesem Gebiet führenden Forscher – vorgeschlagene Unterscheidung zwischen der reaktiven und instrumentellen Aggression, die auf unterschiedlichen neurokognitiven Mechanismen beruht. Im Falle der ersten, die auch „affektive“ oder „impulsive Aggression“ genannt wird, ist es ein frustrierendes oder bedrohendes Ereignis, das die Wut und – in Folge – eine zerstörerische Entladung auslöst. Im Kontrast dazu ist die instrumentelle Aggression – auch „proaktiv“ genannt – zielgerichtet und absichtlich. Sie schliesst oft ausgeklügelte Strategien, die auf bewusstes Zufügen des Leids abzielen und bildet das wesentliche Merkmal der Psychopathie. Wie die Gehirnforschung zeigen konnte, entwickelt sich die letztere tatsächlich nur auf dem Hintergrund bestimmter genetischer Anomalien in der Amygdala und im orbito-frontalen Cortex, die das Erlernen einer angemessenen Reaktion auf Schmerz und Angst anderer Menschen bereits in frühem Alter wesentlich beeinträchtigen und somit den Sozialisatinsprozess erheblich erschweren.

James Blair betont dennoch, dass es verfehlt wäre jegliches störendes oder antisoziales Verhalten auf angeborene biologische Komponenten zurückzuführen. Und selbst in der statistisch sehr kleinen Population von Psychopathie Betroffenen, scheint erst die Kombination von ungünstigen genetischen Anlagen, fehlender elterlicher Fürsorge und antisozialem Milieu, zu vollen Ausbildung der Persönlichkeitsstörung zu führen.

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Im Roman „Eidechsenkind“ bleibt das Schicksal des vernachlässigten und in der eigenen Wut gefangenen Jungen ungewiss, was dem Leser Spekulationen über dessen mögliche Zukunft erlaubt. Wie erging es aber in Wirklichkeit den Menschen, die das Schicksal des Eidechsenjungen in mehr oder weniger ähnlicher Form tatsächlich erlitten hatten?

Vincenzo Todisco, 1964 als Sohn italienischer Einwanderer in Stans geboren, studierte Romanistik in Zürich und lebt heute als Autor und Dozent in Rhäzüns. Für sein literarisches Schaffen wurde er 2005 mit dem Bündner Literaturpreis ausgezeichnet. Im Rotpunktverlag liegen seine Romane in deutscher Übersetzung vor. Das Eidechsenkind ist seine erste Buchveröffentlichung auf Deutsch, mit der der Autor für den Schweizer Buchpreis 2018 nominiert war. Am 30. November ist er zu Gast bei Beata Sievi, wird aus seinem Buch vorlesen und mit dem Publikum diskutieren.

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DATUM: Samstag 30. November 2019, 19-21 Uhr, Eintrittspreis inkl. Verpflegung: CHF 65 (neue Gäste), CHF 55 (Stammgäste). Adresse: Neuwiesenstrasse 97, 8400 Winterthur Anmeldung: salon@beatasievi.ch

Weiterführende Empfehlungen von Beata Sievi:
Das Eidechsenkind, Vincenzo Todisco,  Rotpunktverlag 2018
Verbotene Kinder, Marina Frigerio, Rotpunktverlag 2014
Geschichte Pädagogik: von Platon bis zur Gegenwart, W.Böhm, Verlag C.H.Beck 2004
Bad Boys, Bad Men, Donald Black:  Oxford University Press, 2013
The Psychopath. Emotion and the brain. James Blair, Derek Mitchell, Karina Blair,  Blackwell Publishing 2005
„Systemsprenger“Filmprämiere am 19. September 2019

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