Kollaborative Kraft

Text: Beata Sievi

Ende September 2020 übernahm ich die Leitung eines kreativen Ateliers in einer der Stiftungen, die sich im Kanton Zürich um die Arbeitsintegration junger Erwachsener kümmert. Die erste schöpferische Aufgabe innerhalb des dreimonatigen Programms, die ich den Teilnehmern stellte, war eine gemeinsame künstlerische Aktion. Die Gruppe von 14 Personen bekam eine Aufgabe, miteinander eine Installation zum Thema „Was ist für mich wichtig im Leben?“  zu gestalten und zwar in Form eines grossen Puzzles. 

Auf die Idee zu diesem Projekt kam ich während meinen ersten Recherchen über collaborative art, als ich meine Laufbahn im sozialen Bereich begann. So erfuhr ich über das „Collaborative Puzzle Project“, das 2009 von den Künstler*innen Tim Kelly, Marie Maber und Sandy Taylor während des Jugendfestivals in Brookdyle lanciert wurde. Die Teilnehmer*innen des Festivals bekamen damals die Aufgabe, 60cm x 60cm grosse Puzzle-Stücke kreativ zu gestalten. Die thematische Vorgabe lautete: „Show me, what is meaningfull for you“ – zeige mir das, was dir im Leben wichtig ist. Für die Gestaltung standen Farben, Farbstifte, verschiedene Papiere und Printmedien zur Verfügung. Die Aufgabe stiess auf grosses Interesse und  weckte positive Energie, so dass innerhalb von zwei Tagen eine grossflächige Installation entstand. Die wohlwollende Resonanz hielt auch nach dem Festival an. Immer mehr Gruppen und Institutionen wollten ihre eigene gemeinsame Puzzle-Installation gestalten und Tim Kelly wurde zum international bekannten Botschafter des Projekts. Mittlerweile wurden unter seiner Anleitung in vielen unterschiedlichen Räumen und Ländern ca. 10 000 Puzzleteile zusammengestellt. Eine Menge, die aufeinander gestapelt, gleich gross wie das Empire State Building wäre. 

Tim Kelly und seine Puzzle-Stücke

Die Puzzle-Installation ist nur ein Beispiel für die in den letzten zwei Jahrzehnten populär gewordene collaborativ art. Diese Kunstform halte ich für ein sehr geeignetes Medium, um zwischenmenschliche Verbundenheit zu stiften. Insbesondere in den Institutionen, in denen sich die meisten der sozial benachteiligten Menschen stark auf ihr eigenes Unglück konzentrieren.

Vik Muniz – künstlerischer Projekt mit den Mitarbeiten der Mühlhalde Gramacho

In den letzten zwei Jahrzehnten widmeten sich immer mehr Künstler der collaborative art, weil sie bewusst mit dem Modernismus und der für ihn charakteristischen elitären Rolle des Künstlers bricht. Künstler*innen wie Wendy Ewald oder Vick Muniz, arbeiten als Vermittler*innen mit Gruppen ausserhalb des künstlerischen Milieus und mit Menschen, deren Werke normalerweise keinen Platz in Museen oder anderen Ausstellungsräumen finden – Kindern, Senioren, Nachbars-Gemeinden, ethnischen Minderheiten oder Deponie-Arbeitern. Sie kreieren Kunst nicht für, sondern mit den Gemeinschaften, und integrieren alle Beteiligten in die künstlerischen Gestaltungsprozesse. 

El Anatsui – Konstruktion aus Schraubverschlüssen der alkoholischen Getränke
El Anatsui – Konstruktion aus Schraubverschlüssen der alkoholischen Getränke

Der nigerianische Künstler El Anatsui, dessen Ausstellung „Triumphant Scale“ kürzlich im Kunstmuseum Bern zu sehen war, beschäftigt jeweils 20 bis 30 Studioassistenten gleichzeitig, um seine monumentalen Arrangements aus Flaschenverschlüssen zu realisieren. „Einheiten“ mit ca. 200 Flaschenverschlüssen werden von jedem einzelnen Assistenten, der entweder ein Kunststudent oder ein einfacher Dorfbewohner ist, mit Kupferdraht zusammengebunden. Diese Blöcke werden anschliessend auf den Boden gelegt, wo verschiedene Kompositionen und Arrangements ausprobiert werden können. Jedes Stück hat seinen Platz und ist auf wundervolle Weise mit anderen verbunden – ein langer Prozess des Aufbaus, der Dekonstruktion und des Wiederaufbaus, der allen Beteiligten kreative Kontrolle über ihr Handwerk gewährt. Solche Projekte hängen in der Regel mit progressiven Bildungstheorien und radikalen demokratischen Einstellungen zusammen. 

Auch in meinem Puzzle-Projekt war die Herausforderung nicht nur künstlerischer sondern auch handwerklicher Natur. Nachdem die Bestellung der vorgefertigten leeren Puzzlestücke direkt bei Tim Kelly kurz vor dem Programmbeginn ins Wasser gefallen war, blieb mir nichts anderes übrig, als nicht nur die Gestaltung sondern auch die Vorbereitung – den Zuschnitt der Puzzlestücke – zum Teil des Projektes zu machen. Nachdem ich eine Handstichsäge sowie Kunststoff-, Sperrholz- und Spannplatten eingekauft habe, verbrachte ich ein Wochenende mit dem Experimentieren. Der Kurvenschnitt wurde leider bei keinem Material wirklich genau und es war vor allem sehr anstrengend und zeitaufwändig! Am Schluss entschied ich, meine Programm-Teilnehmenden dazu aufzufordern, die Puzzleteile mit einem starken Cutter aus Altkarton auszuschneiden. Dazu reichten zwei Muster aus Kunstschaumstoff, die ich in hinreichender Genauigkeit mit der Handstichsäge fertigte. Zum Glück erhielt ich rechtzeitig per E-Mail von Tim Kelly die Puzzlegrafik in der Originalgrösse, die ich als Muster verwenden konnte, und ich fand gerade rechtzeitig genügend grossflächige Kartonschachteln in der Abfallsammlung der Winterthurer Altstadt.

Puzzlestücke von der Mustervorlage abzeichnen und ausschneiden – ein Teamwork
Handwerkliche Herausforderungen
Das Zusammenkommen in der Gruppe
Besprechung des Vorgangs und wichtige Gruppenentscheidungen

Der grosse Reiz der kollaborativen Kunst liegt im Erleben der Gemeinschaft und in der neuartigen Definition der Künstlerrolle. Hier werden die Kunstwerke nicht von einer einzelnen Person, sondern von einer Gruppe oder einem Kollektiv erschaffen und alle sind dazu angehalten, zu dem gemeinsamen Werk auf eine bedeutsame Art beizutragen. Es handelt sich nicht um blosses Zuliefern der einzelnen Komponenten, sondern um eine Form der geistigen Zusammenarbeit, die von allen Beteiligten einen schöpferischen Beitrag und gemeinsame Entscheidungen erfordert. In meinem Puzzle-Projekt wurde gemeinsam über den Zuschnitt von Puzzleteilen und über die Art und Weise, wie das grosse Werk im Raum installiert werden soll, entschieden. Die Gestaltung der Stücke hingegen stellte den individuellen und unverwechselbaren Beitrag jedes Einzelnen dar.

Individuelle Gestaltung des Puzzlestücks
Gestaltung des Puzzles zum Thema: „What is meaningfull for you“ unter der Anleitung von Beata Sievi

Das Puzzle-Projekt wurde meine erste wirklich erfolgreiche Erfahrung mit collaborative art. Ich war sehr erleichtert, als sich die Gruppe auf die Aufgabe ohne grosse Skepsis einliess und als die Teilnehmer innerhalb von 3 Stunden die benötigten Puzzleteile ausgeschnitten hatten. Da ich anfänglich die Selbstorganisation nicht zu stark beeinflussen wollte, verlief die Planung für die Puzzle Verteilung und spätere Zusammenstellung lediglich mit Hilfe einer handgefertigten Skizze mit den Initialen der Beteiligten. Dies erwies sich später als ungenügend und führte zu einem vorübergehenden Chaos: Beim ersten Zusammenführen der sorgfältig und individuell gestalteten Teile standen die meisten Bilder auf dem Kopf und wegen des ungenauen Schnitts konnte man ihren Platz nicht beliebig tauschen. Doch die Gruppe fand zum Glück eine Lösung, auch wenn sie mit Mehrarbeit verbunden war. 

Die Rolle der Projektleiterin, die ich anfänglich delegieren wollte, musste ich letztendlich entschieden und definitiv selbst besetzen, um die Informationsflüsse zu gewährleisten. Die Gruppe arbeitete an dem Projekt während insgesamt 4 Wochen jeweils am Vormittag; an manchen Tagen alle zusammen, an den anderen unterteilt in zwei kleinere Gruppen. Es war immer wieder jemand krank, abwesend oder schlecht drauf, und öfters mussten die von einer Person angefangenen Aufgaben und erdachten Lösungswege von anderen weitergeführt werden. So hatten beispielsweise an der Holz-Konstruktion, die das gesamte Puzzle stützt und trägt, zwei verschiedene Duos an unterschiedlichen Tagen gearbeitet. Es war ein schöner Moment als ich vom Baumarkt zurückkam, wo ich in Eile per Velo die letzten Nägel holte, und die ganze Gruppe arbeitend vorfand. Ich erwartete, dass die Gruppe während meiner Abwesenheit eine längere Zigarettenpause einlegen würde. Doch ich täuschte mich – die gesamte Puzzle-Wand stand auf den Sockeln als ich das Atelier betrat. Die Jungs hatten nur noch auf die zusätzlichen Nägel gewartet,  um der Konstruktion mehr Stabilität zu verleihen.

Puzzle-Installation auf den Holzsockeln

Die individuelle Gestaltung eines eigenen Puzzleteils war für die meisten der persönlichste und freudigste Moment, dem ich genügend Zeit liess. Auch hier galt es, sich  durch Absenzen und Verzögerungen nicht irritieren zu lassen und abzuwarten, bis auch der letzte Teilnehmer mit seinem Werk fertig war. Berührend war, was beim Gedanken an die wichtigen Dinge im Leben in den Fokus geriet – Familie, Haustiere, Natur, Ideal der Freiheit oder aber auch Schwermut, Bewusstsein der Vergänglichkeit und persönliche Blockaden. Und wie die Themen durch die Puzlleform sogar physisch ineinander griffen. Auch wenn es mich bei diesen Aufgaben gelegentlich traurig machte, wenn einzelne sich mit dem vorgegeben Thema lediglich oberflächlich auseinandersetzten –  ich durfte es nicht beeinflussen.

Irma’s portrait, Vik Muniz, Szene aus dem Dokumentarfilm Waste Land

Ich dachte oft an Vik Muniz, der künstlerische Projekte auf Jardim Gramacho, der grössten Müllhalde von Rio De Janeiro, ins Leben rief. Im Dokumentarfilm von Lucy Walker „Waste Land“ sagt er: „Es geht um die Erfahrung, wie Kunst Menschen verändern kann, und um die Frage, ob sie das überhaupt kann. Ist das möglich, und wie wirkt sich das aus? Die Kombination von Kunst und Sozialprojekten ist für mich das Wichtigste. So holt man die Leute, und wenn auch nur für wenige Minuten aus ihrem gewohnten Umfeld heraus und zeigt ihnen eine andere Welt, eine andere Perspektive, aus der sie sehen können, wo sie stehen.“ Es klingt nach einem minimalistischen Ansatz, wenn sich der Künstler und Projektleiter tatsächlich nur mit diesem flüchtigen Moment der Berührung mit der Kunst zufrieden gibt. Es steckt jedoch ein Idealismus drin, an die verwandelnde Wirkungskraft der Kunst überhaupt zu glauben. Nun hatte Muniz mit seinen Projekten, zumindest bei einigen Müllhalden-Arbeitern von Gramacho, wahre und anhaltende Veränderungen angestossen. Ob dies die Kraft der Kunst bestätigt oder eher die Motivation der Teilnehmenden, aus dem realen Elend herauszukommen bezeugt, darüber kann spekuliert werden. In diesem Spannungsfeld bewege ich mich jedenfalls in meinem Arbeitsalltag. Nichts ist durch das Puzzleprojekt unmittelbar einfacher geworden. Oft begegne ich der Gleichgültigkeit gegenüber anderen künstlerischen Projekten oder sogar einem stumpfen Widerstand. Aber das Aufstellen des Puzzles erlebte ich als einen intensiven Moment der Verbundenheit und ich erinnere mich gerne daran. Die Installation steht jetzt an einem repräsentativen Ort und ist eine Zeugin unserer täglichen Bestrebungen im Leben weiterzukommen, die jede Person genauso wie das Puzzlestück auf ihre ganz individuelle Art gestaltet.

Puzzle-Installation als Beispiel der kollaborativen Kunst, Projektleitung: Beata Sievi

Falls Sie sich für das Puzzle-Projekt interessieren, Sie gern diese oder eine andere kollaborative Kunstinstallation realisieren möchten und Unterstützung oder detaillierte Informationen benötigen, schreiben sie mir bitte auf die Adresse salon@beatasievi.ch

Ein Gedanke zu “Kollaborative Kraft

  1. Liebe Beata Vielen Dank für den Einblick in die Kollaborative Kunst bzw. Kraft. Das ist wirklich ein beachtliches Projekt, das du mittels Puzzles realisiert hast. Bemerkenswert ist auch, dass du 14 Personen gefunden hast, die gewillt waren, da während 4 Wochen halbtags mitzumachen. Ich kann gut nachvollziehen, dass bei einem solchen Projekt verschiedene Gruppen- und Entscheidungsfindungsprozesse stattfanden, dass es Ups und Downs gab und dass Unvorhergesehenes zu bewältigen war. Jedenfalls war das Ganze eine rechte Herausforderung für dich als Projektleiterin. Das Ergebnis bzw. das Puzzle Bild kann sich sehen lassen. Es ist interessant und zeugt von den verschiedenartigen Menschen, die daran mitgewirkt haben. Doch am wertvollsten sind wahrscheinlich die persönlichen Erfahrungen, welche die Teilnehmenden während der 4 Wochen gemacht haben. Herzliche Grüsse Olivier

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