Gespräch mit dem Stein – oder die Erfahrung der Ohnmacht in Beziehungen

Gespräch mit dem Stein 4 - Brett - Hilke Knoblauch 2005

Text: Beata Sievi, Bilder: Hilke Knoblauch

Das Gedicht von Wislawa Szymborska „Gespräch mit dem Stein“ begleitet mich seit meinem 22. Lebensjahr. Ich schrieb es damals in mein Tagebuch hinein. Die Poesie gab in wenigen Worten eine existenzielle Erfahrung wieder, die mir vertraut war – die Erfahrung der Ohnmacht in Beziehungen. Vor kurzem entdeckte ich die Werke  der Künstlerin Hilke Knoblauch, die im Zusammenhang mit dem Gedicht  der polnischen Dichterin entstanden. Ein Zyklus von 18 kleinformatigen Arbeiten auf Leinwand greift auf Naturmaterialien wie Schiefer, Holz oder Rinde zurück und ist dem Thema der Ausgrenzung gewidmet.

Gespräch mit dem Stein 1 - Mach auf - Hilke Knoblauch 2005

Wislawa Szymborska

Gespräch mit dem Stein

Ich klopfe an die Tür des Steins. –
„Ich bin’s, mach auf. Lass mich ein,
ich will mich umschauen in dir, dich einatmen wie die Luft.
„Geh weg“, sagt der Stein. –
„Ich bin dicht verschlossen.
Sogar in Teile zerschlagen, bleiben wir dicht verschlossen.
Sogar zu Sand verrieben, lassen wir niemanden ein.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich komme aus reiner Neugier.
Das Leben ist meine einzige Chance.“

Ich möchte deinen Palast durchschreiten
und dann noch das Blatt und den Wassertropfen besuchen.
Ich hab nicht viel Zeit für das alles.
Meine Sterblichkeit sollte dich erweichen.
„Ich bin aus Stein“, sagt der Stein,
und muss gezwungenermaßen ernst sein.
Geh weg. Lachmuskeln hab ich keine.“

Ich klopfe an die Tür des Steins. –
„Ich bin’s, mach auf. 
Man sagt, es gibt große leere Säle in dir,
unbetrachtet, vergeblich schön,
taub, ohne ein Echo von irgendwessen Schritten.
Gib zu, dass du selbst nicht viel davon weißt.“
 
„Große und leere Säle – sagt der Stein – aber ohne Raum.
Schön, möglich, aber jenseits des Geschmacks deiner ärmlichen Sinne.
Du kannst mich kennenlernen,
du wirst mich aber niemals erkennen.
Meine ganze Oberfläche wende ich dir zu,
meine Innenseite wende ich von dir ab.“

Gespräch mit dem Stein 6 - Lötzinn- Hilke Knoblauch 2005

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich suche keine Zuflucht für ewig.
Ich bin nicht unglücklich. Ich bin nicht obdachlos.
Meine Welt ist eine Rückkehr wert.
Ich komme herein und gehe
mit leeren Händen wieder hinaus.
Und zum Beweis, dass ich wirklich da war,
zeig ich nichts vor außer Worten,
denen niemand Glauben schenken wird.“

„Du kommst nicht rein“, sagt der Stein.
Dir fehlt der Sinn der Anteilnahme.
Kein Sinn ersetzt dir den Sinn der Anteilnahme.
Selbst der bis zur Allsicht geschärfte Blick
nützt dir gar nichts ohne den Sinn der Anteilnahme.
Du kommst nicht rein,
hast kaum eine Ahnung von diesem Sinn,
kaum seinen Ansatz, eine Idee davon.“

Gespräch mit dem Stein 10 -Schiefer - Hilke Knoblauch

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich kann nicht zweitausend Jahre warten,
bis ich eintrete unter dein Dach.“
„Wenn du mir nicht glaubst“, sagt der Stein,
frag das Blatt, es wird dir dasselbe sagen.
Frag den Wassertropfen, er sagt dasselbe wie das Blatt.
Frag schließlich das Haar auf deinem Kopf.
Ich platze vor Lachen, vor großem Lachen,
vor Lachen, das ich nicht lachen kann.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.“
 
„Ich hab keine Tür“, sagt der Stein.

Gespräch mit dem Stein 6 - Lötzinn - Hilke Knoblauch

Ein Mensch spricht mit einem Stein. Auch wenn eine Türe bei Steinen in Wirklichkeit nicht vorkommt, wird im Gedicht an die Tür des Steines geklopft. Die polnische Dichterin, Wislawa Szymborska bedient sich der expressiven Kurzform – ihre knappen, aneinander gereihten Sätze, die eine unmögliche Situation ohne jegliche Erklärung behaupten, wirken realistisch und absolut. Sie legen eine Vermutung nahe, dass hier von der seelischen Dynamik zweier Menschen die Rede ist. Der eine Mensch sieht im anderen das Nicht- Vorhandene. Es ist sein eigener Wunsch nach Öffnung und Verbundenheit, der die Türe zum Inneren des anderen heraufbeschwört.
Der Stein des Gedichts ist trotz seines Steinseins, mit der Fähigkeit zum Sprächen ausgestattet. Auch hier werden knappe Sätze in der Alltagssprache formuliert, wodurch der Eindruck einer menschlichen Subjektivität und einer wahrhaftigen Auseinandersetzung entsteht. Die Sprache dient dem Stein allerdings nur zur Zurückweisung aller Annäherungsversuche. „Ich bin aus Stein“ – bekundet er in knappen Worten, wie jemand der sagt – „ Ich bin so“.
In mehreren Strophen beschreibt Szymborska eine Dynamik der verzweifelten Suche nach Nähe. Das lyrische Subjekt – ob Frau,  Mann oder Kind – lässt sich von der wiederholten Ablehnung nicht entmutigen, klopft an die Türe des Steins und bringt stets neue Argumente vor.

Gespräch mit dem Stein  - Nie mam drzwi - Keine Türe - Hilke Knoblauch

Gespräch mit dem Stein 2 - Natur - Hilke Knoblauch

Da der Stein männlichen Geschlechts ist und der Dialog an mancher Austausch unglücklich Liebender erinnert, entsteht beim Leser schnell der Eindruck, es könnte ein Gespräch zwischen einer Frau und einem Mann sein. Wer würde sonst die innere Schönheit des Steins erkunden wollen? Ihm seine eigene Schönheit bewusst machen? Als der Stein dennoch unberührt bleibt, zwingt sie sich selbst emotionslos wie er zu handeln – „Ich werde mit leeren Händen wieder hinausgehen“ – verspricht sie, wie eine Frau, die einem Mann vor der sinnlichen Begegnung zusichert, dass sie sich in ihn nicht verlieben wird. Verzicht auf Gefühle, um Gefühle zu wecken – was für eine paradoxe, demütigende Strategie wird durch die seelische Not erzeugt! Sogar die Bereitschaft zur Geheimhaltung wird betont – „Ich zeig nichts aussen vor“ verspricht die Verblendete, um den Stein für sich zu gewinnen und seine Angst vor Nähe zu beschwichtigen. Als Allerletztes legt sie ihre Vergänglichkeit als Argument in die Schale.
Es ist erstaunlich und schmerzhaft zu beobachten, dass die Frau auch dann nicht aufgibt, wenn sie ausgelacht wird. Auch wenn der Stein selbst ihr alle objektiven Gründe für die Unfruchtbarkeit ihres Strebens erklärt, klopft sie ein Mal mehr an seine innere Türe – und erfährt dabei die endgültige Abweisung. Ihr ersehntes Objekt führt ihr vor Augen, dass sie etwas übersehen hat – die vermeintliche Türe zu seinem Inneren existiert nicht.

Gespräch mit dem Stein 8 - Mach auf - Hilke Knoblauch

In der Psychoanalyse wird eine solche Dynamik als  Faszination mit einem abweisenden Objekt beschrieben und sie kann beiden Geschlechtern widerfahren. Ihr Ursprung liegt in der Kindheit.
Wenn die Bindungsbedürfnisse und die Notwendigkeit affirmativen Austauschs von den Eltern nicht erfüllt werden, findet eine pathologische Abkehr von der äußeren Realität statt. Statt der tatsächlich frustrierenden Begegnung mit seiner Bezugsperson, phantasiert das Kind ein gutes inneres Objekt. Dies erlaubt einerseits, die Erfahrung der Ohnmacht zu vermeiden, anderseits muss die Bezugsperson, auf die ein Kind angewiesen ist, nicht als schlecht gedacht werden.
Später manifestieren sich solche verinnerlichten Beziehungs-Strukturen als eine Barriere zwischen verschiedenen Ebenen des Geistes, so dass zum Beispiel eine unangenehme Wahrheit oberflächlich akzeptiert, aber in einem tieferen Teil der Psyche geleugnet wird. Die Art und Weise, wie man unerwünschte Gedanken und Wahrnehmungen ersetzt, ist meist ein unbewusster Prozess, und es sind immer mehrere Faktoren, die eine solche Fähigkeit und die Wahrscheinlichkeit, dies zu tun, beeinflussen.
Franz Kafka hat von seiner Ohnmachtserfahrung angesichts nicht erfüllter Wünsche nach Zuneigung und Fürsorge in seinem „Brief an den Vater“ berichtet: „Nun bist Du ja im Grunde ein gütiger und weicher Mensch, aber nicht jedes Kind hat die Ausdauer und Unerschrockenheit, so lange zu suchen, bis es zu der Güte kommt.“
Das lyrische Ich im Gedicht von Szymborska hat diese Ausdauer und Unerschrockenheit gehabt. Und es ist daran gescheitert.

Gespräch mit dem Stein 15 - Bleiblech - Hilke Knoblauch

Das Gedicht „Rozmowa z kamieniem“ wurde ins Deutsche von Karl Dedecius übersetzt und ist zu finden in: Hundert Freuden, Wislawa Szymborska, Suhrkamp 1996.

Der gesamte Zyklus von 18 Arbeiten zu dem Gedicht von Wislawa Szymborska und weitere Informationen über Hilke Knoblauch finden Sie auf diesem Homepage.  Die Kunstwerke wurden im Rahmen einer Ausstellung „Focus Szymborska“ in der Inselgalerie in Berlin 2005 gezeigt und stehen derzeit bei der Künstlerin zum Verkauf zu Verfügung.

Gespräch mit dem Stein 15 - Bleiblech - Hilke Knoblauch, 2005

 

Die weibliche Lust: Was will die Frau?

Am 3. Februar war Dr. Eliane Sarasin zu Gast in meinem Salon. Sie hielt einen Vortrag über die weibliche Lust. Auf Wunsch von den Salon-Gästen hat Dr. Sarasin die Zusammenfassung Ihres Vortrags in Form eines Blogartikels zu Verfügung gestellt.

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Bild: Ewald Vorberg

Von Eliane Sarasin Ricklin, Zürich 2018

Die weibliche Lust gilt als noch wenig entdeckter Kontinent in der Sexualforschung. Bereits Sigmund Freund sagte am Ende seiner Karriere: «Die grosse Frage, welche ich auch nach 30 Jahren Studium der weiblichen Seele nicht beantworten kann ist: Was begehrt das Weib?» Diesen rätselnden Blick haben auch heute fast 100 Jahre später noch viele Männer und nicht selten auch die Frauen selbst. Die weibliche Lustlosigkeit ist der häufigste Grund, weshalb Frauen eine sexualmedizinische Beratung aufsuchen.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Zur Geschichte der weiblichen Sexualität

Die Sexualität ist immer vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Zeitepoche zu sehen und dementsprechend auch in stetem Wandel: Angefangen von der Antike bis zur heutigen Gegenwart kennzeichnet die weibliche Sexualität ein Mix von Faszination aber auch Angst und Repression.

In der Antike genoss die Sexualität der Frau durchaus ein hohes Ansehen. Galen, ein griechischer Arzt, vertrat gar die Ansicht, dass der Orgasmus der Frau die Voraussetzung für eine Empfängnis sei. Mit dem Christentum veränderte sich die Sichtweise deutlich. Es beginnt schon damit, dass Eva Adam mit dem Apfel verführte und so verantwortlich für die Vertreibung aus dem Paradies ist. Im Kontrast dazu empfing die reine Maria den Sohn Christi unbefleckt, also keusch. Die weibliche Lust resp. die weibliche Verführung galten als gefährlich. Die Hexenverbrennungen im Mittelalter und der Keuschheitsgürtel zeugen von dieser Sichtweise. Die Sexualität der Frau wurde ins Korsett der Ehe gezwängt. Statt Vergnügen bedeutete Sex eine eheliche Pflicht zur Sicherung der Nachkommenschaft. Diese Einstellung hielt sich bis ins letzte Jahrhundert. Die grosse Veränderung kam mit der sexuellen Revolution Ende der 60er-Jahre. In dieser Zeit kam es zur Auflehnung gegenüber den die Sexualität betreffenden moralischen Gebote und Verbote. Der Ruf nach freier Liebe auch für die Frau wurde durch die Erfindung der Pille unterstützt und erstmals war eine Trennung von Sex und Reproduktion möglich.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Was wissen wir eigentlich darüber, was Frauen zu Sex motiviert?

2007 wurden über 1000 Frauen auf einem amerikanischen Campus befragt, aus welchem Grund sie Sex haben und es fanden sich 237 verschiedene Gründe! Hier eine kleine Auswahl: Aus Einsamkeit, aus Liebe, weil er so gut riecht, weil er so gut aussieht, um ihn zu binden, aus Rache, um Eifersucht zu wecken, aus Pflichtgefühl, aus Langeweile, weil ich mir einen Orgasmus verspreche, aus Neugier, gegen Geld, für Statuszuwachs, für’s Selbstwertgefühl, aus Lust an Unterwerfung, um Macht auszuüben, als Schlafmittel, zur Unterstützung der Diät, um Kinder zu zeugen, als Belohnung für den Hausputz, damit er sich wohl fühlt, für ein paar neue Schuhe…Deutlich resultiert, dass es nicht immer um Liebe und Bindung (etwas, was man Frauen ja meist nachsagt) sondern sehr wohl auch um körperliche Lust oder eben auch um Sex als «Mittel zu Zweck» geht.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Aus der Forschung kennt man verschiedene Pole, zwischen denen sich die weibliche Lust in einem Spannungsfeld bewegt:

Die beziehungsmotivierte Lust gegenüber der selbstbezogenen also autozentrierten Lust

Insbesondere bei jüngeren Frauen wie auch «jüngeren» Beziehungen steht oft der Wunsch nach Nähe und Intimität zum Partner im Vordergrund, wenn Frauen sich auf Sex einlassen. Es gibt jedoch sehr wohl auch eine selbstbezogene- insbesondere auf den eigenen Körper bezogene- Lust auf Sex. Frauen können durch verführerische Kleidung und Auftreten ihre Lust positiv beeinflussen, indem sie die männliche Aufmerksamkeit wecken. Das gleiche gilt für Fantasien, in denen Frauen sich selbst als «Objekt der Begierde» erleben. Dazu passen die häufig berichteten Überwältigungsfantasien von Frauen oder Sexszenen mit mehreren Männern, welche auf den ersten Moment doch etwas stossend wirken können. Erregend empfinden die Frauen den Gedanken des Kontrollverlusts, des Ausgeliefert seins. Nicht dass diese Fantasien in die Realität umgesetzt werden wollen!! Nichtsdestotrotz weiss man heute, dass das Skript «ich bin so unwiderstehlich, dass die Männer nicht anders können, als mich zu packen» für Frauen enorm luststeigernd ist. Dieser Aspekt wurde sehr lange von der Sexualforschung ausgeblendet, da er in der Zeit der emanzipierten, selbstbewussten und unabhängigen Frau nicht passend erschien. Um ein Lustobjekt zu sein, braucht es den männlichen Blick und davon ist die Frau viel abhängiger als es dem Feminismus lieb ist.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Zwei weitere gegenüberliegende Pole sind das Begehren und begehrt werden als eigene und bereits befriedigende Qualität und der sexuelle Akt aus einem nichtsexuellen Motiv

Während beim Mann die sexuelle Lust auf den sexuellen Akt zielt und -falls nicht möglich- in Frustration endet, so muss dies bei der Frau nicht so sein. Aus Interviews mit Frauen weiss man, dass nicht immer Geschlechtsverkehr oder Orgasmus deren angestrebtes Ziel des sexuellen Begehrens ist. Die sexuelle Lust kann als Zustand für sich bereits befriedigend sein. Die Luststeigerung durch den begierigen Blick des Mannes, diesen zu geniessen ohne es jedoch zum Vollzug kommen zu lassen, kann durchaus als hohes Potential der Selbstbestimmung gedeutet werden.

Die männliche Logik funktioniert mehr nach dem «wer A sagt, der muss auch B sagen». Die Frau hingegen, wenn sie A sagt, möchte neu entscheiden, ob sie auch B sagt. Dies kann nicht selten zu Verwirrung und Frustration beim Gegenüber führen. Die Neuevaluation vor dem «B-sagen» liegt auch darin, dass die Gefahren von Sex (Schwangerschaft, Infektionen) für die Frau deutlich grösser sind als für den Mann.

Das Gegenteil von der Lust ohne es zum Sex kommen zu lassen ist der Sex, welcher ohne Lust begonnen wird.

Bereits am Anfang dieses Jahrtausends entwickelte Rosmary Basson ein Modell der weiblichen Sexualität, welches als Alternative zum klassischen linearen Modell von Masters&Johnson «Lust – Erregung – Orgasmus – Auflösung» gesehen wird. Sie berücksichtigt die Beobachtung, dass viele Frauen sexuelle Aktivität aus einem Standpunkt der sexuellen Neutralität also ohne Lust beginnen. Deren Motivation ist nicht ein innerer Lustimpuls sondern eine Belohnung im Sinne von Nähe oder Beziehungserhaltung. So kann sich die Lust erst nach der körperlichen Erregung also während dem Akt einstellen.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Zum Schluss noch das Dilemma zwischen Autonomie und Bindung: Die Lust in Langzeitbeziehungen

Im Verlauf längerer Partnerschaften berichten Paare häufig über eine abnehmende Sexualität. Wichtig ist, dass dies weniger mit dem Alter der Partner zu tun hat als mit dem Alter der Beziehung. Frauen beklagen früher und öfter den Rückgang der Lust als Männer.

Es zeigen sich 3 Hauptgründe:

1. Die Institutionalisierung der Beziehung: Sex wird zur legitimierten Pflicht, es fehlt das aufregende, heimliche, neue vom Anfang der Beziehung

2. Schwierigkeiten mit Rollenwechsel zwischen der de-sexualisierten Rolle der Hausfrau, Mutter und/oder Berufsfrau hin zur lustvollen Geliebten

3. Übervertrautheit: Sex wird vorhersehbar und nicht mehr erregend.

Dazu passt die Formel von Jack Morin, einem amerikanischen Sexualtherapeuten: Erregung= Anziehung + Hindernis. Erotik braucht ein Hindernis, etwas fremdes, eine Schwierigkeit, welche überwunden werden muss. Dies macht eine erregende Dramaturgie aus! Frauen scheint es noch schwerer zu fallen als Männern, zu begehren, was sie bereits haben.

Abschliessend gilt festzuhalten, dass das sexuelle Begehren der Frauen je nach Lebensphase und Kontext unterschiedlich sein kann. Die Lust in der Eroberungsphase zu Anfang der Beziehung ist meist kein Problem, in Langzeitbeziehungen nährt sich diese aus Momenten der Überraschung und der Fremdheit.

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Bild: Evald Vorberg

Literatur:

Guter Sex trotz Liebe, Ulrich Clement 2015; Wild Life: Die Rückkehr der Erotik in die Liebe – Esther Perele; Die versteckte Lust der Frauen: Ein Forschungsbericht, Daniel Bergner, 2014.

Dr. Eliane Sarasin Sie ist als Sexualtherapeutin in Brust-Zentrum Zürich tätig. Sie wird  voraussichtlich am 2. Februar 2019 mit einem Vortrag über den weiblichen Orgasmus wieder ein Gast in meinem Salon sein.

Ich bedanke mich bei Ewald Vorberg für die wunderschönen Bilder, die in meinem Blog als Illustration des Thema „Weibliche Lust“ zu ersten mal öffentlich publiziert werden. Weitere Informationen über den Fotograf sind hier zu finden: www.evaldvorberg.de.

Wahnsinn der Leidenschaft oder eine Apologie der schwierigen Liebe

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Wladyslaw Podkowinski  – “ Wahnsinn der Leidenschaft“, 1894

Dieser Artikel ist eine längere Version Beata Sievis Einführung in den Salon vom 4. November 2017.

Rausch der Verliebtheit als Vorbote der Liebe

«Wer den Liebesgott verehrt, exponiert sich auf Leiden unterschiedlichster und sonderbarer Art, weil es sein Prinzip ist, welches das Leben beherrscht, aber dieses Prinzip ist seltsam und launenhaft; es ist wahr, dass es die Seele und die Eintracht der Elemente darstellt, aber es kann ebenfalls Trugbilder, Wahnvorstellungen und Visionen erzeugen.» Antonio Tabucci

Dieses Zitat führt uns vor Augen, welche Risiken die Liebe in sich birgt. Was der Schriftsteller lyrisch und gehoben formuliert, bestätigt die Wissenschaft in nüchterner Sprache: «Ein Rausch der Verliebtheit ist durchaus mit dem eines Drogenabhängigen zu vergleichen – vor allem die starke Dopamin-Ausschüttung führt bei Verliebten zu ähnlichen Symptomen wie bei manchen Süchtigen: Euphorie, Herzklopfen, Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit, emotionale Abhängigkeit, obsessives Denken an die betreffende Person.» Parallel dazu beobachten die Wissenschaftler bei Verliebten eine niedrigere Aktivität im präfrontalen Cortex, der an kognitiven Aktivitäten beteiligt ist – leidenschaftlich Liebende können darum schwer planen, abwägen und wohlüberlegte Entscheidungen treffen. Während einer akuten Verliebtheitsphase ist es auch unmöglich realistische Urteile über die geliebte Person zu fällen. (Stangl, 2011)

Gesellschaftlich gesehen ist dieser Moment nicht unerwünscht, da er im günstigen Fall zu einer festen Paarbindung führt, in der beide Partner ihre Sexualität ausleben und für einander eine fürsorgliche Haltung annehmen. Nicht zuletzt ist auch hier unsere Biologie beteiligt – Berührungen und sexuelle Nähe führen zur erhöhten Ausschüttung von Oxytozin und Vasopresin und wirken bindungsfördernd. Die intensive Verliebtheit kann daher durchaus zu einer ausgewogenen Liebe führen, in welcher die Bedürfnisse nach Nähe und Autonomie bei beiden Liebenden gleichermassen befriedigt sind. In solchen Partnerschaften ist ein bestimmter Grad der gegenseitigen Abhängigkeit notwendig und trägt zur Stabilität der Beziehung bei. Über diese ausgewogenen Konstellationen sagt der Philosoph Alain Badiou, dass sie keine grossen literarischen Werke hervorgebracht haben, weshalb wir uns in meinem Salon auch selten mit ihnen befassen.

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Die Arnolfini-Hochzeit , Jan Van Eyck, 1434

Schwierige Liebe als Dialektik von Nähe und Distanz

Problematisch oder schwierig wird erst jene Liebe, in welcher der Wunsch nach Nähe und Erwiderung der Gefühle auf Dauer ungestillt bleibt, aber die gegenseitige Abhängigkeit bzw. die Fixierung auf den Partner nicht aufgegeben werden kann. Diese Liebe ist von quälender Verlust-Angst und Eifersucht geprägt und sie mobilisiert alle Kräfte um die Zuneigung des Liebesobjekts zu gewinnen oder zu bewahren. Es ist ein Prozess, bei dem der eigene Wille oft allmählich verloren geht, so dass sogar die eigenen moralischen Prinzipien aufgegeben werden und wir von einer «Hörigkeit» sprechen dürfen.

Eine solche Liebe widerfährt nicht jedem im Verlaufe des Lebens, sondern entfaltet sich nur bei bestimmten Persönlichkeits-Prädispositionen und Konstellationen, und sie hat aufgrund ihres dramatischen Potenzials den Zugang zu Film und Literatur gefunden. „Wie eine jähe Stichflamme schiesst sie empor, bis in die purpurnen Zonen der Ekstase, bis in die nachtdunklen des Verbrechens schleudert sie ihre rasende Glut“ – schrieb Stephan Zweig über die Leidenschaft von Maria Stuart für Earl of Bothewell, welcher der erste Teil der Lesung gewidmet ist.

Die Haltung unserer Kultur gegenüber dem Phänomen der emotionalen Abhängigkeit ist eine zwiespältige. Einerseits geben wir uns gern der romantischen Liebes-Sehnsucht hin. Anderseits ist das Wunschbild des autonomen, mobilen Individuums in der Wertehierarchie der Gesellschaft ganz oben angesiedelt und wird durch das gegenwärtige ökonomische Modell gefördert. Die Bedürfnisse nach Anerkennung und Verbundenheit werden dabei als regressiv abgewiesen. Dieses, durch die männliche Rationalität geprägte Ideal, war lange Zeit in den Definitionen der gesunden Psyche vorherrschend. Diagnosen wie „abhängige Persönlichkeit“ oder „Beziehungssucht“ fanden Eingang in das psychologische Vokabular und Liebe – insbesondere eine solche, „die süchtig macht“, geriet unter Pathologie-Verdacht. ( Wilson-Schaef, 1992). Diese einseitige Betonung der Individualität und Unabhängigkeit in unserer modernen Kultur macht es für die Betroffenen noch schwerer, mit ihrer schwierigen Liebe einen angemessenen Umgang zu finden.

Ich widme meinen heutigen Salon der «Apologie der schwierigen Liebe», weil es mein Anliegen ist, diesem Phänomen mit Verständnis und Mitgefühl zu begegnen. Um den Schmerz einer emotionalen Abhängigkeit zu veranschaulichen habe ich Fragmente aus zwei grossen literarischen Werken gewählt – „Maria Stuart“ von Stephan Zweig und „Eine Liebe von Swann“, der erste Teil des Werkes von Marcel Proust – „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Um die darin dargestellte Problematik zu verstehen zog ich nicht nur die Philosophie, sondern auch die neusten Studien aus Neurobiologie und Bindungsforschung zu Rate. Diese wissenschaftlich fundierten Erklärungsmodelle, die von der interpersonalen Neurobiologie ausgehen, halte ich für hilfreich um diese spezifische Form des Liebesleids, das in Konflikt mit den Idealen unserer Zeit steht, zu verstehen.

Die Bindungstheorie ist eine psychologische Theorie, die auf der Annahme beruht, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Der bereits in der Frühkindheit erworbene Bindungsstil, der mit spezifischen Formen der emotionellen Regulation und der Impulskontrolle zusammenhängt, wirkt sich im Erwachsenalter signifikant auf fundamentale Komponenten der Paarbeziehung aus. Er beeinflusst die Fähigkeit zu Intimität, wechselseitiger Fürsorge und Unterstützung, zur Sexualität und zum Umgang mit Konflikten und wechselseitiger Aggressivität. (Riggs in: Briesch, 2017) Es ist unser Bindungsstil, der unseren Umgang mit Nähe und Distanz definiert.

Sowohl der Wunsch nach emotionaler Verbundenheit als auch der nach der persönlicher Freiheit, gehören zu den elementarsten Bedürfnissen des Menschen. In Abhängigkeit von angeborenen Dispositionen, (wie z.B. Temperament), frühkindlichen Erfahrungen, gesellschaftlichen und geschlechtsspezifischen Erwartungen, sowie von der Dynamik innerhalb der Beziehung, können die Partner entweder ähnliche oder komplementäre Bedürfnisse nach Nähe und Distanz haben. Im einen Fall ergibt sich eine ausgewogene Partnerschaft, im anderen Fall – wie bei Maria Stuart und Bothwell und wie bei Swann und Odette – eine ausweglose Qual.

Eine solche affektive Verstrickung, wie sie bei den Figuren der heutigen Lesung vorkommt, halte ich für eine schmerzhafte Suche nach emotioneller Geborgenheit, deren Intensität vor allem auf das Erleben emotioneller Vernachlässigung in der Kindheit zurückzuführen ist. Die Stärke und Dynamik dieser verzweifelten Suche wird aber zusätzlich durch eine ungünstige Paar-Konstellation hervorgerufen, in der die begehrte Person – ebenfalls aufgrund ihrer frühkindlichen seelischen Verletzungen – auf die Liebe des anderen mit ambivalentem Verhalten reagiert.

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The love missive (Liebesbrief) – Carl Herpfer

Geschlecht und Problematik der Unterwerfung

Einer der ersten Sexologen und Psychiater – Richard Kraft-Ebing – vertrat um die Jahrhundertwende die Ansicht, dass die Problematik der Hörigkeit nicht geschlechtsspezifisch ist. Als Beispiel der männlichen Hörigkeit nannte er :

«unter den Ehemännern, die sogenannten Pantoffelhelden, namentlich die alternden Männer, die junge Frauen heiraten und das Missverhältnis der Jahre durch unbedingte Nachgiebigkeit gegen alle Launen der Gattin auszugleichen trachten; hierher aber auch die Männer jeden Alters, die von heisser Leidenschaft für ein Weib ergriffen, bei ihm auf Kälte und Berechnung stossen; Gatten und Väter, die Weib und Kind verlassen und das Einkommen der Familie einer Hetäre zu Füssen legen; und endlich jene Männer, die sich von der Habsucht oder Rachsucht des Weibes zu verbrecherischen Taten hinreissen lassen.»

Literarische Beispiele sind hier: Professor Unrat aus dem gleichnamigen Roman von Heinrich Mann, Graf Muffat in der «Nana» von Emile Zola, Humbert in der «Lolita» von Nabokov und der Protagonist des zweiten Teils der heutigen Lesung – Charles Swann – aus «A la recherche du temps perdu». Auch er legte sein Vermögen in die Hände einer Kokotte und hoffte damit ihre Liebe und Zuneigung zu bewahren. Seine Liebe „war so sehr eins mit ihm, dass man sie nicht aus ihm hätte herausreissen können, ohne ihn selbst völlig zu vernichten: sie war, wie die Chirurgie es nennt, inoperabel geworden“.

Bei der weiblichen Abhängigkeit erstreckt sich das Spektrum der Literatur zwischen den «Liebesbriefen der portugiesischen None» aus dem 17. Jh. bis zum im Jahr 2000 erschienenem «Liebesleben» der Zeruya Shalev. Je moderner umso schmerzhafter wird die Lektüre, weil sie uns vor Augen führt, wie schwer es ist den feministischen Idealen gerecht zu werden, wenn die Seele tiefe Wunden trägt. Aber es schmerzt auch zu hören, von welcher Liebesqual vor 400 Jahren eine sonst so stolze Königin betroffen war und wie sie in der Hoffnung auf liebevolle Zuneigung ihre Würde und ihre Krone einem Mann, der „keine moralische, keine menschlich einnehmende Figur, aber immerhin ein Mann, ein ganzer, urmännlich, kriegerischer Mann“ war.

«Geschlechtliche Hörigkeit ist keine Perversion» – schrieb Kraft-Ebing im Jahr 1982 – «sie ist nichts krankhaftes, die Elemente, aus denen sie entsteht, Liebe und Willensschwäche, sind nicht pervers, nur ihr gegenseitiges Stärkeverhältnis erzeugt das abnorme Resultat, das den eigenen Interessen, oft Sitten und Gesetzen, so sehr widerspricht.»

Diese Meinung vertritt auch Stephan Zweig, in dem er sagt: „Erreichen die Seelenzustände einmal ein solches Übermass, so handelte man einfältig, sie nach Logik und Vernunft zu bemessen, denn immer gehört es zum Wesen unzähmbarer Triebe, dass sie sich wieder vernünftig äussern. Leidenschaften wie Krankheiten kann man weder anklagen noch entschuldigen: man kann sie nur beschreiben mit jenem immer neuen Staunen, den ein leises Grauen sich beimengt vor der Urkraft des Elementaren, das manchmal in der Natur, manchmal in einem Menschen zum Ausbruch gelangt.“

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Konstantin Flavitsky – Princess-Tarakanova,1864

Liebesleid – Schatten der Kindheit, Natur oder Schicksal?

Der Roman «Eine Liebe von Swann» vom Marcel Proust erschien im Jahr 1913. Der Autor dürfte mit den ersten psychologischen Erkenntnissen über den Zusammenhang zwischen der Kindheit und dem späteren Liebesleben vertraut gewesen sein. Seine Erinnerungen an fehlende Wärme und Geborgenheit in der Kindheit bilden ein Alptraum seiner reifen Jahre und werden in der „A la recherche de temps perdu“ von der Erzähler-Figur in vielen Nuancen beschrieben. Die ersehnte Nähe der Mutter erscheint als Sinnbild eines seelischen Friedens, den keine Geliebte zu schenken vermag, „weil man ihr noch zweifelt im Augenblick, da man an sie glaubt…“. Die Kunst in empfindsamer und subtiler Art die früh erlittenen Entbehrungen zu schildern, erwies sich als einziges linderndes Mittel für den Schriftsteller, der oft gegen die wiederkehrenden depressiven Verstimmungen ankämpfen musste.

«Maria Stuart» von Stephan Zweig erschien im Jahr 1935. Der Autor bittet einige Einsichten in die Kindheit eines Mädchens, das im Alter von 11 Monaten zur Königin von Schottland gekrönt wurde und dessen Kindheit und Jugend vom Mangel an Geborgenheit und von permanenter, zudringlicher Fremdbestimmung geprägt war. Der aufmerksame Leser wird unschwer den Zusammenhang zwischen den frühen Traumatisierungen und Maria Stuarts späterer Impulsivität und Neigung zu Hörigkeit erkennen. Aus heutiger Sicht ist es unmissverständlich, dass die geschilderten Umstände keine optimalen Bedingungen für die Entwicklung eines ausgeglichenen Charakters darstellten.

Die kriegerische und „männliche Natur“ Bothwells, wie sie von Zweig beschrieben wird, kann hingegen heute gut als Prototyp eines Mannes mit einem abweisenden Bindungsstil dienen: „Bothwell nimmt Frauen nur als gelegentliche Beute, als lebenssteigernde Kraftprobe, als männlichstes aller männlichen Spiele, er nimmt sie, aber er gibt sich ihnen nicht hin, er verliert sich nicht an sie…“. Müsste diese Beschreibung eigentlich nicht abschreckend wirken? Jedenfalls halte ich die von Zweig vorgeschlagene Gleichsetzung der Unfähigkeit zu Hingabe mit Männlichkeit für problematisch. Und doch üben solche Männer auch heute noch eine sinnliche Anziehung auf einige Frauen aus. Nicht jede hat eine Krone zu bieten, aber diejenigen, die in ihrer Kindheit gelernt haben, dass Liebe nur mit Leistung zu erlangen ist, instrumentalisieren oft ihre Sexualität um die Nähe eines solchen Geliebten zu erhalten. Die Konstellation von zwei Menschen, mit einem abweisenden und einem anklammernden Beziehungsstil ist, wie die Forschung zeigt, eine der stabilsten, wenn auch die Beteiligten sie selten als glücklich bezeichnen (Freitag, 1995, Von Sydow in: Briesch, 2017). Hätten die politischen Umstände nicht so schwerwiegend zur Tragödie Maria Stuarts und Bothwells beigetragen, so könnte die Dynamik ihrer Beziehung auch mancher schwierigen Liebe von heute ähneln.

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Francesco Hayez – Der Kuss

Die psychologischen Analysen, wie ich sie mir hier erlaube, bergen die Gefahr in sich, das Mysterium der Liebe zu unterlaufen und sie ihrer mystischen Kraft zu berauben. Sie sind eine Angelegenheit der Psychologie und nicht der Literatur. Die Werke von Zweig und Proust bieten uns eine einmalige und überaus kunstvolle Einsicht in die Phänomenologie des Liebesleids. Wir dürfen in den Texten Anteile des eigenen Schmerzes erkennen, ohne vorerst seine Gründe verstehen zu müssen. Wenn ich gerade diese beiden Werke als Illustration des Themas „Schwierige Liebe“ gewählt habe, ist es, weil in ihnen die Gefühle ihre volle Macht entfalten dürfen. Sowohl die Leidenschaft Maria Stuarts für den rauen und gefühlskalten Bothwell, als auch die Liebe Swanns für die untreue und verschwenderische Odette besitzen die Kraft des Schicksals.

Literatur

Eine Liebe Swanns, Buchkapitel in Marcel Prousts Romanwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ Surkamp Verlag, 1994–2002.: Frankfurter Ausgabe
Maria Stuart, Stefan Zweig, z.B. Inseltaschenbuch, 2013

Zitierte Literatur, die eine Grundlage dieses Artikels bildet:

Hörigkeit, Abhängigkeit, Liebssucht. – Werner Stangl , 2017
Die Fesseln der Liebe. – Jessica Benjamin, 1988

Die Flucht vor der Nähe. Warum Liebe, die süchtig macht keine Liebe ist. – Anne Wilson Schaef, dtv, 1992

Psychopathia sexualis, Richard-Kraft Ebing , Stuttgart 1907

Bindung und Partnerschaft: Forschungsergebnisse und Implikationen für die Paar- und Einzeltherapie – Kirsten von Sydov in „Bindungen-Paare, Sexualität und Kinder. Klett-Cotta 2012
Attachment and Sexuality – Diana Diamond und Sidney J. Blatt, 2008 Routledge
Bindung und emotionale Gewalt – Karl Heinz Brisch (Hrsg), Klett-Cotta 2017
Bindunsstile und Ausgewogenheit in der Partnerschaften. – Diplomarbeit von Tabea Freitag, Marburg 1995

„Das Elend der Liebe“ – Eva Illouz über die gescheiterte Emanzipation in erotischen Beziehungen

von Beata Sievi

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„Die Schöne und das Biest“ Illustrationen von Walter Crane 1874

Eva Illouz, Soziologie-Professorin an der Hebräischen Universität Jerusalem, hielt am 30. Juli 2017 den Eröffnungsvortrag der Veranstaltungsreihe „Schauspielrecherchen“, im Rahmen der Salzburger Festspiele. Das Thema „Macht“ stand in diesem Jahr im Fokus aller Festspiel-Inszenierungen. Es war für mich ein besonderes Erlebnis dem Vortrag der berühmten Soziologin beizuwohnen.

Liebesideal als Verschleierung der Machtverhältnisse

In der Einleitung des Vortrags erwähnte Eva Illouz den grossen Erfolg des Bestsellers „Fifty Shades of Grey“, den sie bereits in ihrem Essay „Die neue Liebesordnung“ zum Spiegelbild der zeitgenössischen Beziehungskultur deklarierte. Obwohl sehr trivial geschrieben, wurde dieser Roman in kurzer Zeit zu einem Verkaufsschlager. In den Augen von Eva Illouz sind erfolgreiche Bücher so etwas wie ein Barometer für die Normen und Ideale einer Gesellschaft. Der Erfolg von „Fifty Shades of Grey“ verrät somit etwas Wichtiges über die Sehnsüchte und Wünsche unserer Zeit. Frauen sind vermehrt wieder bereit sich in einer Beziehung der Dominanz eines Mannes unterzuordnen. Die ökonomische und politische Emanzipation wurde offensichtlich nicht konsequent genug in der Privatsphäre umgesetzt, weshalb die Gleichstellung der Geschlechter innerhalb von Liebesbeziehungen scheitert.

Exemplarisch für die Machtkonstellation in den heutigen Liebesbeziehungen ist nicht nur der erwähnte Kitsch-Roman, sondern auch die Popularität des Filmes „Die Schöne und das Biest“. Innerhalb von 24 Stunden erhielt der Trailer der neuen Verfilmung 91 Millionen Klicks. Die Tatsache, dass diese Geschichte mehrfach adaptiert wurde und sich bis heute einer so grossen Popularität erfreut, besagt – laut Eva Illouz – etwas Fundamentales über das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in der westlichen Kultur.

Die von Disney adaptierte auf einem französischen Volksmärchen basierende Geschichte, lässt sich wie folgt kurz zusammenfassen: Eine kluge und anmutige junge Frau führt mit ihrem Vater ein beschauliches Leben, das nur durch die Avancen eines Dorfschönlings getrübt wird. Als der Vater der Schönen auf einer Reise in die Fänge eines Ungeheuers gerät, bietet die junge Frau ihre Freiheit im Austausch gegen das Leben des Vaters an. Das Ungeheuer ist in Wirklichkeit ein junger Prinz, der als Strafe wegen seiner Kaltherzigkeit in ein hässliches Wesen verwandelt wurde. Dieses Wesen ist größer und stärker als ein normaler Mensch und ist vollkommen mit Fell bedeckt. Aus Wut und Hoffnungslosigkeit ist es zunächst jähzornig, gewalttätig und grausam. Die Schöne gewinnt mit der Zeit, trotz ihrer Furcht das Biest für sich. Sie führt ein luxuriöses Leben in einem Schloss, lernt hinter die abscheuliche Fassade des Mannes zu blicken und erkennt seine wahre Schönheit.

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„Die Schöne und das Biest“ Illustrationen von Walter Crane 1874

Dieses Motiv – in unterschiedlichen Versionen seit 600 Jahren in unserer Kultur präsent – in dem wir ein entferntes Echo der Mythen über Eros und Psyche oder Aphrodite und Hephaistos vernehmen, impliziert, dass die Tugend der Frauen an ihrer Fähigkeit zu messen ist, das Unerträgliche zu erdulden. Mit ihrer Liebe sollen sie die Verwandlung des Hässlichen und des Groben bewirken. Diese grundlegende Fantasie über eine mögliche Überwindung der männlichen Macht durch liebevolle Hingabe hat dazu beigetragen, die Machtverhältnisse zu verschleiern. Mit Hilfe solcher Geschichten wie: «Die Schöne und das Biest» wurden Frauen – als einzige soziale Gruppe in der Geschichte der Menschheit – erfolgreich dazu erzogen ihre Unterordnung nicht nur zu dulden, sondern sogar zu lieben.

"Die Schöne und das Biest" Illustrationen von Walter Crane 1874
„Die Schöne und das Biest“ Illustrationen von Walter Crane 1874

Eva Illouz ist erstaunt, dass Frauen heute immer noch diesem kulturellen Auftrag folgen. Als Beispiel führt sie die Tatsache an, dass der misogyne Donald Trump, sein Wahlsieg zum grossen Teil den Frauen verdankt – er erhielt 53 % aller Stimmen von der weiblichen Bevölkerung. Wie kommt es, dass Frauen gegen das abfällige Verhalten der Männer blind sind? – fragt die Soziologin. Was macht „das Biest“ so anziehend? Wie konnten Frauen ein Staatsoberhaupt wählen, das sie als minderwertig bezeichnet? Warum ignorieren sie die auf sie gerichtete psychische Gewalt?

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Petrus Gonsalvus und seine Frau Catharina

Die Soziologin sieht die Antwort in der Macht der kulturellen Prägung. Nicht nur Märchen, sondern auch Romane, wie die von Emily Brönte und Jane Austen enthalten Geschichten von unerträglichen Männern, die durch die Liebe einer Frau Wandlung erleben. Die These von Eva Illouz wird notabene durch populäre psychologische Ratgeberliteratur und Online-Selbsthilfe Angebote gestützt. Beispiel dafür sind z.B. Frauenseminare mit dem Titel: „Wie heile ich einen Mann von der Bindungsangst“. Hier empfehlen die Autoren und Coaches nicht nur die Liebe und Geduld. Auch die Erkenntnisse der Psychologie und Psychotherapie werden dazu eingespannt, um Frauen zu helfen ihren Auftrag zu erfüllen und den Mann von der modernen Variante seiner Widerspenstigkeit – der Beziehungsunfähigkeit – zu befreien.

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Louise Brooks als Lulu im Film „Die Büchse der Pandora“ aus dem Jahr 1929

Die scharfsinnige Soziologin hinterfragt, was die Gefangenschaft für Frauen subjektiv akzeptabel macht. Ist es die Sorge um die Sicherheit ihrer Nachkommen, die sie alleine nicht gewährleisten können? Oder der Reiz des materiellen Reichtums, welchen zu erwirtschaften sie selbst nicht  in der Lage sind? Da die politische Macht und ökonomische Mittel immer noch überwiegend in den Händen von Männern liegen – so Eva Iloouz – sind Frauen dazu gezwungen oder geneigt Sex gegen soziale und ökonomische Sicherheit zu tauschen. Dies macht aber die Liebe für sie zu einer tief verwirrenden Erfahrung. Die Hoffnung, für ihre Hingabe Gleichheit und Würde zu erlangen, hat sich seit Jahrzehnten nicht erfüllt! Die israelische Soziologin erkennt die Bespiele dafür in den Salzburger Inszenierungen. Für Rose Bernd, die Protagonistin des gleichnamigen Dramas von Gerhard Hauptmann (1903) erweist sich die ohne des Schutzes der Ehe gelebte Sexualität als gefährlich. Rose`s Versuch, sich aus der Abhängigkeit von den Männern zu lösen, endet tragisch. Eine andere weibliche Figur – femme fatal Lulu im Drama „Die Büchse der Pandora“ von Frank Wedekind (1902), behält hingegen die Kontrolle über ihre Gefühle und somit auch die Macht über die Männer. Sie kommt zum Schluss, dass die Prostitution eine ehrlichere Version des Tauschhandels zwischen den Geschlechtern ist, als die Ehe und sucht die Liebe in einer Beziehung zu einer Frau. Dennoch endet auch ihre Geschichte nicht gerade glücklich. Im Patriarchat, das Frauen dazu zwingt, den Regeln des Austausches zu folgen – konkludiert die israelische Soziologin – ist Prostitution ihrem Wesen nach der Institution der Ehe sehr nahe.

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Louise Brooks als Lulu im Film „Die Büchse der Pandora“ vom 1939

Eros in der Postmoderne

Welche Alternativen gibt es? Die durch Feminismus erkämpfte neue Form der Gleichstellung konnte die Hoffnung auf Befreiung nicht einlösen. Zudem macht sich eine Abkühlung der Verhältnisse zwischen Frauen und Männern breit. „Die neuen Verhaltensregeln, die von einem Mann verlangen vor jeder erotischen Handlung einen Konsens einzuholen, haben Leidenschaft und spielerisches Verhalten zwischen Männern und Frauen zum Scheitern gebracht.“ – stellt die Soziologin fest und zitiert Daphne Merkis: „Die Gleichheit zwischen Männern und Frauen, ja selbst ihr Anschein erfordert eine Menge Arbeit und dürfte nicht immer der sicherste Weg sein, um sexuelle Reize auszulösen.“ Gleichheit führt offenbar zum Verlust des qualitativen Unterschieds zwischen Frauen und Männern und resultiert in flachen Verhältnissen, denen es an der Kraft der Transzendenz mangelt.

Im erotischen Kontext scheinen selbst die emanzipierten Frauen sich nach selbstsicheren Männern zu sehnen, die mit Selbstverständlichkeit sexuale Initiative ergreifen. Daher sprechen sie auf die romantischen Praktiken der vergangenen Epochen an oder aber auf die Szenarien des „Fifty Shades of Grey“.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass diese Verführungs-Szenarien auf einen Verhaltenskodex der Vormoderne beruhen, in dem die Bindungen in einem feudalen Gesellschaftssystem verankert waren – schreibt Eva Illouz in ihrem Essay „Die neue Liebesordnung“ – „Die Männer beherrschten die Frauen, was bedeutete, dass sie ihre sexuellen und häuslichen Dienste in Anspruch nahmen und die Frauen im Gegenzug beschützten .(…) Die Ungleichheit bzw. das aus ihr abgeleitete Verhältnis vom beschützenden Mann und der abhängigen Frau verfügte zweifellos auch über angenehme Aspekte, von denen einer in der Klarheit der Geschlechterrollen bestand.“ Zudem, haben in Augen der Soziologin, die Regeln des Werbeverhaltens zu der Ästhetisierung der männlichen Macht in unserer Kultur beigetragen. Die Verehrung und Ehrerbietung, die ein Mann gemäss den romantischen Vorbildern einer Frau entgegenbringt, hebt seine Macht vorübergehend auf. Die erotische Anziehung wird so durch eine spielerische Umkehrung der bestehenden Ordnung erzeugt. Feministische Praktiken, die ein solches Verhalten verbieten und die Macht als solche thematisieren, verderben das Spiel der Verführung.

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„Die Schöne und das Biest“ Illustrationen von Walter Crane 1874

„Bis anhin stand die Macht in unserer Kultur im Zentrum der Liebe und Verführung“ – stellt Eva Illouz resümierend fest. Wenn wir nach erotischem Vergnügen suchen, greifen wir immer noch auf die alten Szenarien zurück. Gleichzeitig stehen wir heute an einem historischen Wendepunkt und wollen Gleichberechtigung und gegenseitigen Respekt zwischen den Geschlechtern etablieren. Dieser Moment verlangt nach einer neuen Form der Erotik.

Auf meine Frage, wie diese Wende herbeigeführt werden könnte, antwortete die Soziologin, dass es eine Aufgabe der Kultur sei, im Gegensatz zur Verfilmung von „Die Schöne und das Biest“ – moderne Geschichten hervorzubringen. Es besteht ein grosser Bedarf nach attraktiven Erzählungen, die auf einem neuen Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern beruhen. Diese Herausforderung kann nur gemeinsam von Frauen und Männer erfolgreich gemeistert werden.

Philosophie über den Liebesschmerz

 

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„Die Liebeskranke“ – Jan Steen

Das Thema des nächsten Salons ist die schwierige Liebe. Der Liebesschmerz hat zahlreiche Façetten – am Salon-Abend vom 4. November möchte ich mich vor allem dem Schmerz nicht erwiderter Liebe widmen. Damit meine ich sowohl eine Liebe, die auf Ablehnung stösst als auch eine Liebe, die nicht so erwidert wird, wie wir es ersehnen und die dennoch nicht aufgegeben werden kann. In meinen nächsten Artikeln möchte ich auf einige philosophische und soziologische Betrachtungen zu diesem Thema aufmerksam machen. Mein Fokus liegt dabei bei der Frage, welche Aspekte unseres Empfindens  durch unsere individuelle Geschichte und welche durch die kulturelle Prägung bedingt sind.

Jean-Luc Marion und die Apologie der unerwiderten Liebe

Romantische Liebe wird heute vor allem mit geteilter Euphorie und einem intensiven Glücksgefühl assoziiert. Wer ohne Gegenseitigkeit liebt, wird als unglücklich, emotionell unreif und therapiebedürftig angesehen. Diese Auffassung der Liebe stellt die Ökonomie des Wohlbefindens und das Diktat der Reziprozität in den Vordergrund. Sie zeugt von einem kulturellen Wandel der sich in unserer Kultur in den letzten 100 Jahren vollzogen hat. Ob wir eine Liebe, die nicht auf Gegenseitigkeit stösst als Schicksalsfügung oder als eine persönliche Niederlage auffassen, hängt wesentlich von unseren soziokulturell bedingten Erwartungen ab. Wie Eva Illouz sagt: « Soziologisch formuliert heisst dies, dass Leid durch kulturelle Definitionen des Selbst vermittelt ist.» Folglich kann ein Umgang mit dem Schmerz der Leidenschaft in einer bestimmten Epoche entweder als sinnvolle Erfahrung erachtet werden und zu innerer Bereicherung verhelfen – oder zu inneren Konflikten und zerstörerischem Gefühl der existentiellen Ausgrenzung führen.

In seinem Essay „Das Erotische. Ein Phänomen“ stellt der französische Philosoph Jean-Luc Marion eine unzeitgemässe Frage nach der Berechtigung einer Liebe, der keine Sicherheit der Erwiderung vorausgeht: – „Kann ich selbst als erster lieben, ich zuerst?“ In seinen Augen besteht daran kein Zweifel – im Gegenteil – was in der heutigen Beziehungskultur als Schwäche bezeichnet wird, definiert der Autor als ein Zeichen der einzigen wahren Liebe, die nichts mit einer Einschränkung der Freiheit gemeinsam hat. „Die unvergleichbare und unwiderlegbare Souveränität des Liebens erhält ihre Macht daraus, dass sie sich so wenig von der Reziprozität tangieren lässt, wie sie sich von der Gegenleistung für eine Investition anstecken lässt“.

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Gerard Terborch – „Reeding a letter“

Der französische Philosoph ist der Überzeugung, dass Liebe nicht erwidert werden muss um als vollendet empfunden zu werden – wie ein Geschenk, das seinen Wert nicht verliert, auch wenn es nicht angenommen wird. Allen Menschen, die in unerwiderter Liebe einen Verlust sehen wollen, gibt er zu bedenken, dass nur derjenige verliert, der sich der Liebe entledigt. Dem Liebenden bleibt hingegen das wichtigste – die Liebe selbst – erhalten, wenn immer er sich dafür entscheidet. Ohne Gegenleistung und ohne Rücksicht auf das eigene Wohlergehen zu lieben bedeutet somit ein Wagnis und ist der grösste Liebesbeweis.

Diese Vision der Liebe scheint eine ganz andere Konstruktion des Selbst vorauszusetzen, als wir sie heute erleben – ein Selbst, dass in sich ruht und nicht auf die Bestätigung von aussen angewiesen ist. Sie ruft ein Ideal der höfischen Liebe in Erinnerung. Sowohl den Trobadoren, als auch den Liebenden bis in das 19. Jh. war nicht nur die Angst vor der Zurückweisung fremd – viele waren sogar in der Lage das Liebesleid in eine erhabene Erfahrung umzuwandeln, die die Seele läutert.

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Emile Levy – „Love letter“

Interessant sind die Ausführungen des französischen Philosophen zu Verknüpfungen von Liebe, Vernunft und kognitiven Fähigkeiten. Wann tritt die Liebe überhaupt in Erscheinung? Jean-Luc Marion sieht den wahren Anfang der Liebe genau in dem irrationalen Moment, in dem wir uns ohne Garantie und Sicherheit auf jemanden einlassen und unseren Gefühlen Raum geben.

„So wie ein Krieg letztlich ohne Grund ausbricht (…) so lässt der Liebende die Liebe ausbrechen. Er erklärt seine Liebe, so wie man den Krieg erklärt – ohne Grund. Das heisst manchmal sogar, ohne sich die Zeit zu nehmen oder Sorge dafür zu tragen, eine offizielle Liebeserklärung zu machen.“

Solche Hingabe kann nur jemand erfahren, der den Anspruch auf die Kontrolle über seine Gefühle aufgegeben hat. In einer Welt, in der die Partnerwahl immer mehr den rationalisierten Kriterien unterliegt fällt uns zunehmend schwer die Ohnmacht der Vernunft zu akzeptieren und den eigenen Empfindungen zu vertrauen. Für Jean-Luc Marion hingegen hat die Abwesenheit der Vernunft in Sachen Liebe etwas Natürliches: „Der Liebe mangelt es an Vernunft in dem Masse, wie es einem an Luft mangelt, je höher man auf den Berg steigt. Die Liebe weist die Vernunft nicht zurück, sondern die Vernunft selbst weigert sich, bis dahin zu gehen, wo der Liebende hingeht (…) Wenn es ums Lieben geht, reicht die Vernunft nicht aus».

In Konsequenz definiert Marion Liebe kaum als ein Gefühl, das von dem besonderen Wert des Liebesobjektes herrührt. Wer als erster liebt, liebt sogar oft ohne die genaue Kenntnis seines Objektes – er liebt nicht weil er kennt, sondern er erkennt das ausgewählte Wesen erst in dem Masse in dem er es liebt.

Die Erörterungen vom französischen Philosoph legen die Frage nahe, wer zu einer Liebe, die sich nur auf Intuition verlässt, keine Gegenseitigkeit voraussetzt und zu leidvollen Erfahrungen bereit ist, fähig sei. Wie konstituiert sich eine Persönlichkeit, die zu Bindung fähig, jedoch nicht auf eine kontinuierliche Anerkennung angewiesen ist? Kann unsere Kultur überhaupt einen geeigneten Hintergrund für eine solche persönliche Entfaltung und Liebe bieten? Ich hoffe, Antworten auf diese Fragen bei der Soziologin Eva Illouz zu finden, und zwar nicht nur in ihrem Buch «Warum die Liebe weh tut» sondern auch in Ihrem Vortrag «Die neue Liebesordnung» dem ich in wenigen Tagen in Salzburg beiwohnen werde.

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Literatur:

Was ist Liebe? Philosophische Texte von der Antike bis zu Gegenwart – Reclam Verlag 2015

Das Erotische. Ein Phänomen. Sechs Meditationen – Jean-Luc MarionVerlag Karl Alber, Freiburg in Breisgau 2011

Warum die Liebe weh tut – Eva Illouz, Surkamp 2016

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Caspar David Friedrich – „Wanderer über dem Nebelmeer“

Der nächste  Salon-Abend findet am 4. November statt und ist den unglücklich Liebenden gewidmet. Mark Schneider und Julia Knapp lesen aus Briefen und Literatur. Beata Sievi beleuchtet das Thema aus der wissenschaftlichen Sicht und moderiert die Salon-Diskussion. Zeit: 17-21 Uhr. Ort: Winterthur. Genaue Adresse wird bei Anmeldung angegeben. Preis inkl. Konsumation CHF 55.00. Weitere Informationen finden Sie hier. Anmeldung bis 20. August unter atelier@entrenous.ch ist erforderlich.

„Erotik und Entrüstung“ von Hans-Jürgen Döpp

Am 17. Juni war Hans-Jürgen Döpp zu Gast in meinem Salon. Es freut mich längere Auszüge aus seinem Vortrag „Erotik und Entrüstung“ zusammen mit den ausgewählten Bilder aus seiner umfangreichen Sammlung hier veröffentlichen zu dürfen.

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Privat-Livemont -„Satyr-Liebe“, 1900

Erotische Kunst oder Pornographie?

Seit Jahrhunderten führt die erotische Kunst eine Schattenexistenz. Sie wird weggesperrt, wenn nicht gar verfolgt und vernichtet. Verbannt in die Tresore öffentlicher Museen und privater Kabinette. Unstatthafte Bilder allesamt; als „pornographisch“ verboten insbesondere in unserem westlichen, dem Sexuellen gegenüber wenig aufgeschlossenen Kulturkreis. Hier haben Zensurgesetze durch Jahrhunderte hindurch Künstler und Verleger gezwungen, nur winzige Auflagen herzustellen, die nur eine kleine Gruppe kenntnisreicher „Amateure“ sich leisten konnte. Manche Editionen sind heute daher kaum mehr auffindbar, und wenn doch, dann sind sie unbezahlbar.

„Pornographie“ ist ein moralisierender Schmäh-Begriff. Nähme man den Ausdruck in seiner ursprünglichen griechischen, rein beschreibenden Bedeutung, nämlich als „Huren-Schreibe“, also als Bezeichnung eines Textes, der sich auf geschlechtsbezogene Dinge bezieht, dann könnte man freigeistig und ohne christliche Entwertung durchaus Erotische Kunst mit Pornographie gleichsetzen, soweit es um die dargestellten Inhalte geht. Diese Umwertung käme einer Rehabilitierung des Begriffes „Pornographie“ gleich.

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Rafael Dussan, Illustration zur „Histoire de l’Oeil“ von George Bataille, 2004

Gespalten zwischen Verbot und Überschreitung

Was erklärt die Empörung und Entrüstung, die seit Jahrhunderten die Geschichte der erotischen Kunst und Literatur begleitet? Mit wild gemischten Gefühlen reagieren wir auf alle künstlerischen und nicht-künstlerischen Darstellungen des Erotischen: Neugier mischt sich mit Empörung und Abscheu; sittliche Bedenken gehen einher mit intellektuellen Vorbehalten. Doch je höher der Ausschlag auf der Richter-Skala unserer Empörung, um so tiefer, so dürfen wir annehmen, ist die Erschütterung, die ein Werk in uns bewirkt; Erschütterungen, die auf tektonische Verschiebungen im seelischen Gefüge schließen lassen: Erotik bedroht uns!

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Rafael Dussan, Illustration zur „Histoire de l’Oeil“ von George Bataille, 2004

Was Erotik ist, lässt sich mit Georges Bataille am ehesten im Gegensatz zur Welt der Arbeit bestimmen. „Ich behaupte nicht“, schreibt Bataille, „daß die Erotik das wichtigste Problem ist. Das der Arbeit ist dringender: aber es ist ein Problem, das unseren Mitteln entspricht, während die Erotik das Problem der Probleme ist. Insofern er ein erotisches Lebewesen ist, ist der Mensch für sich selbst ein Problem. Die Erotik ist der problematischste Teil in uns.

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Bataille unterscheidet zwischen der Welt der Arbeit und der der Erotik. Damit werden zwei unvereinbare Bereiche benannt, die auf zwei unvereinbaren Elementen beruhen: dem des Verbotes und dem der Überschreitung. Auf alle Fälle gehört der Mensch der einen und der anderen der beiden Welten an, die sein Leben, ob er will oder nicht, zerreißen. Die Welt der Arbeit und der Vernunft ist die Grundlage unseres Lebens. Aber die Arbeit erfüllt uns so wenig, wie uns die Isolierung in der abgrenzten Individualität nicht glücklich macht. Das Element der Überschreitung ist kennzeichnend für die Erotik. In der Überschreitung geht es – Bataille zufolge – um die Auflösung gebildeter Formen, jener Formen des sozialen, regelmäßigen Lebens, welche die Ordnung der bestimmten Individualitäten ausmachen, die wir sind. Diese auf Aus- und Abgrenzung beruhenden Formen werden in der Erotik in Frage gestellt, im höchsten Grade verwirrt und gestört.

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Godal, Die Herrin, 1920

Eros und Gewalt

Erotik markiert die brisante Schnittstelle zwischen Natur und Kultur. Was uns bedroht an ihr, wird als Einbruch der Gewaltsamkeit und Grausamkeit erfahren. Immer wieder gibt man sich seit Rousseau dem vergeblichen Versuch hin, diese Gewalt und Grausamkeit aus der Wahrnehmung des Sexuellen zu verdrängen: Sexualität wird im westlichen Europa und in Amerika idealisiert als harmloses Freizeit-Vergnügen, das zum „healthy-way-of-life“ gehört. Doch diese Form „befreiter“ und tolerierter Sexualität ist selbst schon eine domestizierte; ihr hat man den Stachel der Lust und der Gewaltsamkeit schon gezogen, auf den wie kein anderer zuvor und nach ihm Marquis de Sade mit seinem Werk hinwies. Das erschreckte Zurückweichen vor dem göttlichen Monster Sade, dessen Schriften man noch in unserem aufgeklärten Jahrhundert als „Bluthusten der europäischen Kultur“ verurteilte, gründet im Schrecken vor der Naturgewalt des Sexuellen. Ein idealistisches, auf christlichen Humanismus sich gründendes Menschenbild wird stets wieder gekontert durch den Hereinbruch dieser heidnischen Macht.

Sexualität versus Erotik

Sexualität ist, sei es in den geglückten Formen ihrer Bemeisterung, sei es in den Formen der Entfremdung, immer auch zugleich „Kulturgeschehen“- auch und gerade dann, wenn sie aus dem offiziellen Prozeß der Kultivierung ausgesperrt bleibt: Sie begleitet diesen als ein unterirdischer Strom. Sie ist der Schatten der Zivilisationsgeschichte, in deren Verlauf der sinnliche Leib zur Wohnstätte des „Leibhaftigen“ wurde.

Es ist die Distanz, welche Erotik von Sexualität unterscheidet. Der erotische Akt ist ein geglückter Balanceakt, in dem der Kältestrom einer rational organisierten Gesellschaft, – der im Extrem genauso zum Zusammenbruch der Gemeinschaft führen kann-, mit dem Wärmestrom einer zügellosen, zerstörerischen Sexualität zu einem immer wieder prekären Ausgleich findet. Apollo kann nicht ohne Dionysos leben!

Paul Emil Becat, Huit Images avec leur Texte, 1932
Paul Emil Becat, Huit Images avec leur Texte, 1932

Doch auch in ihren gezähmten Versionen bleibt Erotik eine dämonische Macht im menschlichen Bewußtsein, da in ihr der gefährliche Gesang der Sirenen nachklingt, denen sich zu nähern tödlich ist. Hingabe und Aufgabe, Regression und Aggression: das sind die Kräfte, die nach wie vor locken. In der Literatur hat die Konvergenz von Lust und Todessehnsucht schon immer eine große Rolle gespielt.

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Rudolf Keller, aus „Erotische Märchen“ – Rapunzel, 1919

Dem Dämon ins Gesicht sehen

Distanz ermöglicht Freiheit. Insofern gewährt auch Kunst Freiheit. Sie gewährt die Freiheit, mit dem Feuer zu spielen, ohne an ihm zu verbrennen. Sie spricht das Auge an; sie gewährt ein Liebäugeln mit der „Sünde“, ohne dass man selbst sündigt.

Erotische Kunst provoziert ihrer Natur gemäß Entrüstung, da sie die Grenzen eines tabuierten, eines verbotenen Bereiches überschreitet. Dabei geht es um innere Verbote, nicht immer nur um solche, die von außen, durch Moral und Gesetzgebung gesetzt werden. Insofern wird Erotik, unabhängig von aller gesellschaftlichen Liberalisierung, stets ein brisanter Bereich bleiben.

Erotik und erotische Kunst bleiben dämonische Mächte im menschlichen Bewußtsein, Mächte, die immer wieder verbotene und gefährliche Wünsche in uns wecken. Wie aber umgehen mit diesen Mächten? Bataille setzt einem verschreckten Zurückweichen entgegen: „Ich glaube nicht, daß der Mensch Aussicht hat, Licht in die Situation zu bringen, bevor er nicht beherrscht, was ihn erschreckt … Der Mensch kann das, was ihn erschreckt, übersteigen, er kann ihm ins Gesicht sehen“.

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Lapin, aus „Les Erreurs d`Amour“, 1930

Angaben zum Autor:

Hans-Jürgen Döpp studierte Soziologie und Pädagogik und unterrichte über mehrere Jahre „Psychosexuelle Sozialisation“ an der J.W.Goethe Universität Frankfurt. Von 1995 bis 2001 betätigte er sich als Kurator des Beate Uhse-Erotik-Museums in Berlin. Seine Sammlung gehört zu den grössten in Europa. Er ist Autor einer Vielzahl von Büchern zur Kulturgeschichte der Erotik und Verleger erotischer Mappenwerke.

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Viset, Vision, 1928

Sexualtrieb zwischen Natur und Kultur–Salon Bericht Teil 2

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Bild: Ewald Vorberg

„Sex – Die wahre Geschichte“ – Chris Ryan`s Plädoyer für Wollust im Urparadies

Monogamie ist von der Natur nicht vorgesehen. Mit dieser wissenschaftlich fundierten Erkenntnis widerspricht das Buch „Sex – Die wahre Geschichte“ dem bisher vorherrschenden Verständnis menschlicher Evolution. Die beiden Autoren untersuchen die prähistorischen Wurzeln der menschlichen Sexualität und fragen, welches Sexual- und Paarungsverhalten das natürliche ist. Die Veranlagung zur Monogamie, die Darwin und nach ihm viele Evolutionsbiologen konstatierten, scheint eine Fehlinterpretation zu sein.

Die Autoren greifen die Wurzeln unseres Verständnisses von Ehe an und argumentieren, dass die Ideologie der Monogamie einen ungesunden Druck erzeugt. Es ist eine Tatsache, dass unsere Gesellschaft das Nachlassen der sexuellen Anziehung in Langzeit-Beziehungen nicht als natürlich annehmen kann und gleichzeitig nach sexueller Treue verlangt. Dies hat sowohl zahlreiche Therapie-Angebote als auch eine Erotik-Industrie hervorgebracht. Beide sind darauf ausgerichtet  das nachlassende Begehren anzukurbeln und sind damit zu einem blühenden Wirtschaftszweig angewachsen.

Gestützt auf Forschungsergebnisse der Anthropologie, Primatologie und Vorgeschichte machen die Autoren darauf aufmerksam, dass Promiskuität in der neolithischen Zeit nicht wahlloser Sex mit Fremden bedeutete, wie wir sie heute verstehen, sondern sexuelle Kontakte mit mehreren Partnern innerhalb der Gemeinschaft. Somit stand die Sexualität ursprünglich im Dienste einer breit angelegten sozialen Verbundenheit.

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Pietro Donzelli, Album: „Luce“, Nimbus Kunst und Bücher

Salon-Reflexionen zu Lektüre von Chris Ryan

Für den Salon-Abend habe ich Fragmente des Buches gewählt, in denen zwei Themen im Vordergrund standen: der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Libido und der Zusammenhang von Monogamie und Eifersucht.

Die Frage danach ob Frauen genauso intensiv wie Männer Sex geniessen können wurde schon zur Zeit der Aufklärung diskutiert. Auch wenn wir heute weniger Probleme haben die Gleichberechtigung im sinnlichen Vergnügen zu akzeptieren, herrscht noch kein Konsens über die Voraussetzungen dafür. Ist es wirklich so, dass Frauen von Natur aus eine stärkere emotionale Bindung an den Partner benötigen, um Sex zu geniessen, oder ist dieses Verhalten kulturell bedingt? Aus meinen Begegnungen und Gesprächen mit Männern und Frauen geht hervor, dass die Verbindung von Sexualität und Gefühlen nicht so sehr durch das Geschlecht, sondern vielmehr durch unser Bindungsmodell geprägt wird. (Wir könnten anstelle von Bindungsmodell auch einfach von unserer Fähigkeit sprechen, Nähe zu empfinden und die damit verbundenen Emotionen zu regulieren).

Auch betreffend Eifersucht wird oft die Frage ihres Ursprungs diskutiert. Mit den Berichten über promiskuitive Urvölker und polygame Gruppenehen beweist Ryan, dass Eifersucht nicht unser genetisches, sondern ein kulturelles Erbe sei. Seiner Meinung nach ist romantische Liebe nur in unserer Kultur mit der Vorstellung verknüpft, den geliebten Menschen zu besitzen. Oft dient sie als Ausgleich zu einer mangelhaften elterlichen Liebe. In den Ur-Gesellschaften hingegen scheint das Eingebunden-Sein des Einzelnen in die Gemeinschaft unglaublich viel stärker zu sein. Die Menschen verfügen somit von Grund auf über eine sichere Bindung und können ihre Sexualität viel freier leben. Sexualität und das Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit sind nicht, wie in unserer heutigen Zivilisation, miteinander verknüpft.

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„Garten der Lüste“ , Heronymus Bosch, 1500

In Ryan’s Ausführungen und Schilderungen der polygamen Gemeinschaften ist der Wunsch, irgendwie an diese ursprüngliche „Welt ohne Angst“ anzuknüpfen, spürbar. Aber ist das eine realistische Perspektive in einer  Welt, in welcher 60 % der Menschen emotionelle Defizite und ein unsicheres Bindungsmodell aus ihrer Kindheit davontragen? Neurologisch gesehen ist nicht nur die genetische sondern auch die nachgeburtliche Prägung besonders im Bindungsbereich sehr stark. Woher sollen wir  unsere Sicherheit nehmen, um mit Eifersucht besser umgehen zu können? Welche Chancen haben wir in Bezug auf eine freie Sexualität, wenn uns dieses Urvertrauen in die haltende Umwelt fehlt? Diese Fragen bleiben im Buch unbeantwortet.

Das letzte Jahrzehnt hat mit ihren uneingeschränkten Möglichkeiten der digitalen Kommunikation eine wachsende Anzahl von Angeboten für unverbindlichen Sex, in all seinen Formen gebracht. Auch wenn die Befreiung der Sexualität von den Zwängen religiöser Normen ihrer Entfaltung dient, scheint derzeit aber im Hinblick auf die volle Entwicklung unseres Potentials doch eine gewisse Orientierungslosigkeit zu herrschen. Wie sind die Angebote zu deuten? Sind sie, wie Christian Ryan suggeriert ein Anknüpfen an unsere wahre Natur, oder aber nur ein reflexartige Genuss-Suche, die von den Angeboten der Marktwirtschaft gesteuert wird.

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Bild: Beata Sievi

Eva Illouz („Warum Liebe weh tut“) macht darauf aufmerksam, dass der heute oft gestellte Anspruch auf emotionelle Distanz auch in sexuellen Beziehungen ein neuer Ausdruck der männlichen Macht sei. Sie hält Frauen dazu an, auf ihre Bindungsbedürfnisse im Zuge so verstandener sexueller Freiheit keineswegs zu verzichten. Die Emanzipation hat aus ihrer Sicht so etwas wie eine Gleichstellung in der Reduktion der Bedürfnisse hervorgebracht, aber keine wahre Freiheit. Auch Konrad Stauss („Bonding-Psychotherapie“) verdeutlicht, dass unsere westliche Zivilisation dazu neigt, die Bindungsbedürfnisse zugunsten der Autonomie und Selbstverwirklichung zu opfern, um dem hoch gesteckten Leistungsdruck zu genügen. Da Sexualität biologisch gesehen eine Funktion der Bindung ist, scheint es mir nicht möglich über freie Sexualität zu diskutieren ohne sich die Fragen zum Umgang mit unseren Emotionen und Bedürfnissen nach Nähe und Sicherheit, die in sexuellen Begegnungen entstehen, zumindest klar zu stellen.

Rollo May, befürchtete schon in den 80-er Jahren, dass uns Eros im Meer des Sex-Konsums verloren geht. In seinem Werk „Liebe und Wille“ behauptet er – im Gegenteil zu Chris Ryan – dass ein Mensch kein Affe sei und seine Fähigkeit zu persönlicher Verbindung im Sexual-Akt von Angesicht zu Angesicht genau das wesentlich Menschliche sei…

Und welche Wünsche und Visionen in Bezug auf den Umgang mit Liebe und Sexualität in unserer Gesellschaft erweckte in Ihnen die Lektüre, liebe Salon-Gäste?