Drei Metaphern der Täuschung und der Liebe

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Lange bevor die Neurobiologie uns mit den chemischen Prozessen, die hinter dem intensiven Begehren und der Liebe verborgen sind, vertraut machte, hat die Literatur ihre eigene Metapher dafür gefunden. Dabei suchten die grossen Schriftsteller oft nach der Antwort auf die Frage, ob unsere Empfindungen und die tiefe Zuneigung zu einer bestimmten Person, lediglich einer Täuschung zu verdanken sind. Marcel Proust widmete sein Werk « A la recherche du temps perdu » der Analyse einigen unerwiderten Faszinationen und bediente sich dabei der Metapher der Spiegelung um zu erklären, weshalb die intensiven Gefühle andauern, auch wenn sie nicht zum gegenüber durchdringen.
„Wenn man liebt, ist die Liebe zu gross, um ganz in uns enthalten zu sein; sie strahlt aus auf die geliebte Person, trifft in ihr auf eine Fläche, an der sie nicht weiter kann, und ist dadurch gezwungen, zu ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren; in dieser Rückwirkung unseres eigenes Gefühls glauben wir dann das Gefühl des anderen zu erkennen und lassen uns viel stärker bezaubern als auf dem Hinweg, weil wir es nicht als das unsere wiedererkennen.“

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Cornwall, Bild: Beata Sievi

In einem eindrücklichen Text « Hesperiden. Ein Traum in Form eines Briefes » der in voller Länge nur im Original oder in französischen Übersetzung zugänglich ist, beschreibt Antonio Tabbucci den Liebesgott als ein Klang. Demnach unterliegen alle Menschen, die dem Klang beiwohnen lediglich einer mächtigen Sinnestäuschung, wenn sie zu lieben glauben.
(…) „Auch ich habe dem Gott der Liebe ein Opfer dargebracht, sein Tempel befindet sich auf einer Insel mit weissen und gewölbten Stränden, auf klarem Sand, der vom Meer umspült wird. Die Repräsentation dieses Gottes ist weder ein Idol, noch sonst etwas Sichtbares, sondern ein Klang. Ein klarer Klang des Meereswassers, das durch einen in den Felsen ausgehöhlten Kanal in den Tempel eindringt, sich ausbreitet und in ein geheimes Reservoir einmündet: hier, dank der Form der Wände und des Ausmasses der Konstruktion, reproduziert sich der Klang als Echo ohne Ende, entzückt denjenigen, welcher ihm zuhört und verursacht eine Art Rausch und Schwindelgefühl. Diesen Gott verehrend exponiert man sich auf Leiden unterschiedlichster und seltsamster Art, weil es sein Prinzip ist, welches das Leben beherrscht, aber dies Prinzip ist seltsam und launenhaft; es ist wahr, dass er die Seele und die Eintracht der Elemente darstellt, aber er kann ebenfalls Trugbilder, Wahnvorstellungen und Visionen erzeugen.“

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Cornwall, Beata Sievi

Der italienische Autor berichtet weiter über die Erkundung der einsamen Insel, die den Tempel des Liebesgottes beherbergt und über seine plötzliche Enttäuschung, als selbst der Tempel sich als eine Illusion erweist. Die eigene Wahrnehmung und der Traum vereinen sich in mehrschichtiger Metapher.

„Und ich habe auf dieser Insel den Spektakeln beigewohnt, die mich durch ihre unverdorbene Wahrheit verwirrt haben: so dass ich mich fragte, ob solche Erscheinungen wirklich existierten, oder eher aus meinem Gefühl geborene Phantasmen waren, die – aus mir heraustretend, da ich mich dem Gesang des Gottes ausgesetzt habe – den Schein von Realität angenommen haben: und so in Gedanken versunken, nahm ich den Weg zu dem höchsten Punkt der Insel, von wo aus man das Meer von allen Seiten betrachten kann.

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Cornwall, Bild: Beata Sievi

Alsdann bemerkte ich: die Insel war verlassen. Es gab keinen Tempel auf dem Strand, und die Gestalten und die verschiedenen Gesichter der Liebe, die ich wie ein lebendiges Gemälde gesehen und welche die verschiedenen Nuancen des Gefühls, wie Zärtlichkeit, Dankbarkeit, Stolz und Eitelkeit darstellten, alle diese Gesichter, die ich als eine menschliche Form zu erblicken glaubte, waren nichts anderes als Illusionen, durch was weiss ich welchen Zauber verursacht. Als ich den höchsten Punkt der Vorgebirge erreichte und, auf das Meer herabblickend, mich der Traurigkeit der Enttäuschung hingab, senkte sich eine blaue Wolke auf mich nieder und hüllte mich in einen Traum: ich träumte, dass ich dir diesen Brief schrieb, und dass ich nicht der Grieche war, welcher auf der Suche nach dem Abendland aufgebrochen war und nie zurückkam, sondern, dass ich all dies lediglich in einem Traumbild sah.“ (…)

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Strand von Cornwall, Bild: Beata Sievi
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Strand in Cornwall, Bild: Beata Sievi

Anders sieht es die polnische Dichterin und Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska. Mit einem kritischen Blick auf den blinden Zynismus der Menschen, die das Privatuniversum einer großen Liebe nicht verstehen können, vergleicht sie Leidenschaft, die sogar für die Liebenden selber oft unverständlich bleibt, mit dem blinden Optimismus einer Pflanze. In Ihrem Buch „Undisclosed lectures“ schreibt sie:

„Unbeteiligte Beobachter fragen die Liebenden oft was sie im Objekt ihrer Liebe erblicken. Solche Fragen sollte man besser in Ruhe zu lassen – grosse Liebe bedarf keiner Rechtfertigung. Sie ist wie ein Baum, der auf unerklärliche Weise einer Klippe entspringt: Wo sind seine Wurzeln, woher holt er die Nahrung, welches Wunder bringt seine grünen Blätter hervor? Auch wenn es unerklärlich ist – der Baum wächst – weil er offensichtlich das nötigste bekommt um zu überleben…“

Pfalz, Bild: Ewald Vorberg
Pfalz, Bild: Ewald Vorberg

Ist aber das Überleben ein ausreichendes Ziel für die Liebe? Ist nicht eine Liebe, die lediglich auf kargem Boden der Täuschung wächst, immer in Gefahr, nie wirklich zu gedeihen?

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Antonio Tabucci: La Femme de Porto Pim, et autres histoires, 1993
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Im Schatten jünger Mädchenblüte“, Suhrkamp 2004
Wislawa Szymborska: Lekture nadobowiazkowe, Znak 2004 oder „Nonrequired reading“ 2002

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