Die weibliche Lust: Was will die Frau?

Am 3. Februar war Dr. Eliane Sarasin zu Gast in meinem Salon. Sie hielt einen Vortrag über die weibliche Lust. Auf Wunsch von den Salon-Gästen hat Dr. Sarasin die Zusammenfassung Ihres Vortrags in Form eines Blogartikels zu Verfügung gestellt.

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Bild: Ewald Vorberg

Von Eliane Sarasin Ricklin, Zürich 2018

Die weibliche Lust gilt als noch wenig entdeckter Kontinent in der Sexualforschung. Bereits Sigmund Freund sagte am Ende seiner Karriere: «Die grosse Frage, welche ich auch nach 30 Jahren Studium der weiblichen Seele nicht beantworten kann ist: Was begehrt das Weib?» Diesen rätselnden Blick haben auch heute fast 100 Jahre später noch viele Männer und nicht selten auch die Frauen selbst. Die weibliche Lustlosigkeit ist der häufigste Grund, weshalb Frauen eine sexualmedizinische Beratung aufsuchen.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Zur Geschichte der weiblichen Sexualität

Die Sexualität ist immer vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Zeitepoche zu sehen und dementsprechend auch in stetem Wandel: Angefangen von der Antike bis zur heutigen Gegenwart kennzeichnet die weibliche Sexualität ein Mix von Faszination aber auch Angst und Repression.

In der Antike genoss die Sexualität der Frau durchaus ein hohes Ansehen. Galen, ein griechischer Arzt, vertrat gar die Ansicht, dass der Orgasmus der Frau die Voraussetzung für eine Empfängnis sei. Mit dem Christentum veränderte sich die Sichtweise deutlich. Es beginnt schon damit, dass Eva Adam mit dem Apfel verführte und so verantwortlich für die Vertreibung aus dem Paradies ist. Im Kontrast dazu empfing die reine Maria den Sohn Christi unbefleckt, also keusch. Die weibliche Lust resp. die weibliche Verführung galten als gefährlich. Die Hexenverbrennungen im Mittelalter und der Keuschheitsgürtel zeugen von dieser Sichtweise. Die Sexualität der Frau wurde ins Korsett der Ehe gezwängt. Statt Vergnügen bedeutete Sex eine eheliche Pflicht zur Sicherung der Nachkommenschaft. Diese Einstellung hielt sich bis ins letzte Jahrhundert. Die grosse Veränderung kam mit der sexuellen Revolution Ende der 60er-Jahre. In dieser Zeit kam es zur Auflehnung gegenüber den die Sexualität betreffenden moralischen Gebote und Verbote. Der Ruf nach freier Liebe auch für die Frau wurde durch die Erfindung der Pille unterstützt und erstmals war eine Trennung von Sex und Reproduktion möglich.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Was wissen wir eigentlich darüber, was Frauen zu Sex motiviert?

2007 wurden über 1000 Frauen auf einem amerikanischen Campus befragt, aus welchem Grund sie Sex haben und es fanden sich 237 verschiedene Gründe! Hier eine kleine Auswahl: Aus Einsamkeit, aus Liebe, weil er so gut riecht, weil er so gut aussieht, um ihn zu binden, aus Rache, um Eifersucht zu wecken, aus Pflichtgefühl, aus Langeweile, weil ich mir einen Orgasmus verspreche, aus Neugier, gegen Geld, für Statuszuwachs, für’s Selbstwertgefühl, aus Lust an Unterwerfung, um Macht auszuüben, als Schlafmittel, zur Unterstützung der Diät, um Kinder zu zeugen, als Belohnung für den Hausputz, damit er sich wohl fühlt, für ein paar neue Schuhe…Deutlich resultiert, dass es nicht immer um Liebe und Bindung (etwas, was man Frauen ja meist nachsagt) sondern sehr wohl auch um körperliche Lust oder eben auch um Sex als «Mittel zu Zweck» geht.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Aus der Forschung kennt man verschiedene Pole, zwischen denen sich die weibliche Lust in einem Spannungsfeld bewegt:

Die beziehungsmotivierte Lust gegenüber der selbstbezogenen also autozentrierten Lust

Insbesondere bei jüngeren Frauen wie auch «jüngeren» Beziehungen steht oft der Wunsch nach Nähe und Intimität zum Partner im Vordergrund, wenn Frauen sich auf Sex einlassen. Es gibt jedoch sehr wohl auch eine selbstbezogene- insbesondere auf den eigenen Körper bezogene- Lust auf Sex. Frauen können durch verführerische Kleidung und Auftreten ihre Lust positiv beeinflussen, indem sie die männliche Aufmerksamkeit wecken. Das gleiche gilt für Fantasien, in denen Frauen sich selbst als «Objekt der Begierde» erleben. Dazu passen die häufig berichteten Überwältigungsfantasien von Frauen oder Sexszenen mit mehreren Männern, welche auf den ersten Moment doch etwas stossend wirken können. Erregend empfinden die Frauen den Gedanken des Kontrollverlusts, des Ausgeliefert seins. Nicht dass diese Fantasien in die Realität umgesetzt werden wollen!! Nichtsdestotrotz weiss man heute, dass das Skript «ich bin so unwiderstehlich, dass die Männer nicht anders können, als mich zu packen» für Frauen enorm luststeigernd ist. Dieser Aspekt wurde sehr lange von der Sexualforschung ausgeblendet, da er in der Zeit der emanzipierten, selbstbewussten und unabhängigen Frau nicht passend erschien. Um ein Lustobjekt zu sein, braucht es den männlichen Blick und davon ist die Frau viel abhängiger als es dem Feminismus lieb ist.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Zwei weitere gegenüberliegende Pole sind das Begehren und begehrt werden als eigene und bereits befriedigende Qualität und der sexuelle Akt aus einem nichtsexuellen Motiv

Während beim Mann die sexuelle Lust auf den sexuellen Akt zielt und -falls nicht möglich- in Frustration endet, so muss dies bei der Frau nicht so sein. Aus Interviews mit Frauen weiss man, dass nicht immer Geschlechtsverkehr oder Orgasmus deren angestrebtes Ziel des sexuellen Begehrens ist. Die sexuelle Lust kann als Zustand für sich bereits befriedigend sein. Die Luststeigerung durch den begierigen Blick des Mannes, diesen zu geniessen ohne es jedoch zum Vollzug kommen zu lassen, kann durchaus als hohes Potential der Selbstbestimmung gedeutet werden.

Die männliche Logik funktioniert mehr nach dem «wer A sagt, der muss auch B sagen». Die Frau hingegen, wenn sie A sagt, möchte neu entscheiden, ob sie auch B sagt. Dies kann nicht selten zu Verwirrung und Frustration beim Gegenüber führen. Die Neuevaluation vor dem «B-sagen» liegt auch darin, dass die Gefahren von Sex (Schwangerschaft, Infektionen) für die Frau deutlich grösser sind als für den Mann.

Das Gegenteil von der Lust ohne es zum Sex kommen zu lassen ist der Sex, welcher ohne Lust begonnen wird.

Bereits am Anfang dieses Jahrtausends entwickelte Rosmary Basson ein Modell der weiblichen Sexualität, welches als Alternative zum klassischen linearen Modell von Masters&Johnson «Lust – Erregung – Orgasmus – Auflösung» gesehen wird. Sie berücksichtigt die Beobachtung, dass viele Frauen sexuelle Aktivität aus einem Standpunkt der sexuellen Neutralität also ohne Lust beginnen. Deren Motivation ist nicht ein innerer Lustimpuls sondern eine Belohnung im Sinne von Nähe oder Beziehungserhaltung. So kann sich die Lust erst nach der körperlichen Erregung also während dem Akt einstellen.

Bild: Ewald Vorberg
Bild: Ewald Vorberg

Zum Schluss noch das Dilemma zwischen Autonomie und Bindung: Die Lust in Langzeitbeziehungen

Im Verlauf längerer Partnerschaften berichten Paare häufig über eine abnehmende Sexualität. Wichtig ist, dass dies weniger mit dem Alter der Partner zu tun hat als mit dem Alter der Beziehung. Frauen beklagen früher und öfter den Rückgang der Lust als Männer.

Es zeigen sich 3 Hauptgründe:

1. Die Institutionalisierung der Beziehung: Sex wird zur legitimierten Pflicht, es fehlt das aufregende, heimliche, neue vom Anfang der Beziehung

2. Schwierigkeiten mit Rollenwechsel zwischen der de-sexualisierten Rolle der Hausfrau, Mutter und/oder Berufsfrau hin zur lustvollen Geliebten

3. Übervertrautheit: Sex wird vorhersehbar und nicht mehr erregend.

Dazu passt die Formel von Jack Morin, einem amerikanischen Sexualtherapeuten: Erregung= Anziehung + Hindernis. Erotik braucht ein Hindernis, etwas fremdes, eine Schwierigkeit, welche überwunden werden muss. Dies macht eine erregende Dramaturgie aus! Frauen scheint es noch schwerer zu fallen als Männern, zu begehren, was sie bereits haben.

Abschliessend gilt festzuhalten, dass das sexuelle Begehren der Frauen je nach Lebensphase und Kontext unterschiedlich sein kann. Die Lust in der Eroberungsphase zu Anfang der Beziehung ist meist kein Problem, in Langzeitbeziehungen nährt sich diese aus Momenten der Überraschung und der Fremdheit.

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Bild: Evald Vorberg

Literatur:

Guter Sex trotz Liebe, Ulrich Clement 2015; Wild Life: Die Rückkehr der Erotik in die Liebe – Esther Perele; Die versteckte Lust der Frauen: Ein Forschungsbericht, Daniel Bergner, 2014.

Dr. Eliane Sarasin Sie ist als Sexualtherapeutin in Brust-Zentrum Zürich tätig. Sie wird  voraussichtlich am 2. Februar 2019 mit einem Vortrag über den weiblichen Orgasmus wieder ein Gast in meinem Salon sein.

Ich bedanke mich bei Ewald Vorberg für die wunderschönen Bilder, die in meinem Blog als Illustration des Thema „Weibliche Lust“ zu ersten mal öffentlich publiziert werden. Weitere Informationen über den Fotograf sind hier zu finden: www.evaldvorberg.de.

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