Gespräch mit dem Stein – oder die Erfahrung der Ohnmacht in Beziehungen

Gespräch mit dem Stein 4 - Brett - Hilke Knoblauch 2005

Text: Beata Sievi, Bilder: Hilke Knoblauch

Das Gedicht von Wislawa Szymborska „Gespräch mit dem Stein“ begleitet mich seit meinem 22. Lebensjahr. Ich schrieb es damals in mein Tagebuch hinein. Die Poesie gab in wenigen Worten eine existenzielle Erfahrung wieder, die mir vertraut war – die Erfahrung der Ohnmacht in Beziehungen. Vor kurzem entdeckte ich die Werke  der Künstlerin Hilke Knoblauch, die im Zusammenhang mit dem Gedicht  der polnischen Dichterin entstanden. Ein Zyklus von 18 kleinformatigen Arbeiten auf Leinwand greift auf Naturmaterialien wie Schiefer, Holz oder Rinde zurück und ist dem Thema der Ausgrenzung gewidmet.

Gespräch mit dem Stein 1 - Mach auf - Hilke Knoblauch 2005

Wislawa Szymborska

Gespräch mit dem Stein

Ich klopfe an die Tür des Steins. –
„Ich bin’s, mach auf. Lass mich ein,
ich will mich umschauen in dir, dich einatmen wie die Luft.
„Geh weg“, sagt der Stein. –
„Ich bin dicht verschlossen.
Sogar in Teile zerschlagen, bleiben wir dicht verschlossen.
Sogar zu Sand verrieben, lassen wir niemanden ein.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich komme aus reiner Neugier.
Das Leben ist meine einzige Chance.“

Ich möchte deinen Palast durchschreiten
und dann noch das Blatt und den Wassertropfen besuchen.
Ich hab nicht viel Zeit für das alles.
Meine Sterblichkeit sollte dich erweichen.
„Ich bin aus Stein“, sagt der Stein,
und muss gezwungenermaßen ernst sein.
Geh weg. Lachmuskeln hab ich keine.“

Ich klopfe an die Tür des Steins. –
„Ich bin’s, mach auf. 
Man sagt, es gibt große leere Säle in dir,
unbetrachtet, vergeblich schön,
taub, ohne ein Echo von irgendwessen Schritten.
Gib zu, dass du selbst nicht viel davon weißt.“
 
„Große und leere Säle – sagt der Stein – aber ohne Raum.
Schön, möglich, aber jenseits des Geschmacks deiner ärmlichen Sinne.
Du kannst mich kennenlernen,
du wirst mich aber niemals erkennen.
Meine ganze Oberfläche wende ich dir zu,
meine Innenseite wende ich von dir ab.“

Gespräch mit dem Stein 6 - Lötzinn- Hilke Knoblauch 2005

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich suche keine Zuflucht für ewig.
Ich bin nicht unglücklich. Ich bin nicht obdachlos.
Meine Welt ist eine Rückkehr wert.
Ich komme herein und gehe
mit leeren Händen wieder hinaus.
Und zum Beweis, dass ich wirklich da war,
zeig ich nichts vor außer Worten,
denen niemand Glauben schenken wird.“

„Du kommst nicht rein“, sagt der Stein.
Dir fehlt der Sinn der Anteilnahme.
Kein Sinn ersetzt dir den Sinn der Anteilnahme.
Selbst der bis zur Allsicht geschärfte Blick
nützt dir gar nichts ohne den Sinn der Anteilnahme.
Du kommst nicht rein,
hast kaum eine Ahnung von diesem Sinn,
kaum seinen Ansatz, eine Idee davon.“

Gespräch mit dem Stein 10 -Schiefer - Hilke Knoblauch

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.
Ich kann nicht zweitausend Jahre warten,
bis ich eintrete unter dein Dach.“
„Wenn du mir nicht glaubst“, sagt der Stein,
frag das Blatt, es wird dir dasselbe sagen.
Frag den Wassertropfen, er sagt dasselbe wie das Blatt.
Frag schließlich das Haar auf deinem Kopf.
Ich platze vor Lachen, vor großem Lachen,
vor Lachen, das ich nicht lachen kann.“

Ich klopfe an die Tür des Steins.
„Ich bin’s, mach auf.“
 
„Ich hab keine Tür“, sagt der Stein.

Gespräch mit dem Stein 6 - Lötzinn - Hilke Knoblauch

Ein Mensch spricht mit einem Stein. Auch wenn eine Türe bei Steinen in Wirklichkeit nicht vorkommt, wird im Gedicht an die Tür des Steines geklopft. Die polnische Dichterin, Wislawa Szymborska bedient sich der expressiven Kurzform – ihre knappen, aneinander gereihten Sätze, die eine unmögliche Situation ohne jegliche Erklärung behaupten, wirken realistisch und absolut. Sie legen eine Vermutung nahe, dass hier von der seelischen Dynamik zweier Menschen die Rede ist. Der eine Mensch sieht im anderen das Nicht- Vorhandene. Es ist sein eigener Wunsch nach Öffnung und Verbundenheit, der die Türe zum Inneren des anderen heraufbeschwört.
Der Stein des Gedichts ist trotz seines Steinseins, mit der Fähigkeit zum Sprächen ausgestattet. Auch hier werden knappe Sätze in der Alltagssprache formuliert, wodurch der Eindruck einer menschlichen Subjektivität und einer wahrhaftigen Auseinandersetzung entsteht. Die Sprache dient dem Stein allerdings nur zur Zurückweisung aller Annäherungsversuche. „Ich bin aus Stein“ – bekundet er in knappen Worten, wie jemand der sagt – „ Ich bin so“.
In mehreren Strophen beschreibt Szymborska eine Dynamik der verzweifelten Suche nach Nähe. Das lyrische Subjekt – ob Frau,  Mann oder Kind – lässt sich von der wiederholten Ablehnung nicht entmutigen, klopft an die Türe des Steins und bringt stets neue Argumente vor.

Gespräch mit dem Stein  - Nie mam drzwi - Keine Türe - Hilke Knoblauch

Gespräch mit dem Stein 2 - Natur - Hilke Knoblauch

Da der Stein männlichen Geschlechts ist und der Dialog an mancher Austausch unglücklich Liebender erinnert, entsteht beim Leser schnell der Eindruck, es könnte ein Gespräch zwischen einer Frau und einem Mann sein. Wer würde sonst die innere Schönheit des Steins erkunden wollen? Ihm seine eigene Schönheit bewusst machen? Als der Stein dennoch unberührt bleibt, zwingt sie sich selbst emotionslos wie er zu handeln – „Ich werde mit leeren Händen wieder hinausgehen“ – verspricht sie, wie eine Frau, die einem Mann vor der sinnlichen Begegnung zusichert, dass sie sich in ihn nicht verlieben wird. Verzicht auf Gefühle, um Gefühle zu wecken – was für eine paradoxe, demütigende Strategie wird durch die seelische Not erzeugt! Sogar die Bereitschaft zur Geheimhaltung wird betont – „Ich zeig nichts aussen vor“ verspricht die Verblendete, um den Stein für sich zu gewinnen und seine Angst vor Nähe zu beschwichtigen. Als Allerletztes legt sie ihre Vergänglichkeit als Argument in die Schale.
Es ist erstaunlich und schmerzhaft zu beobachten, dass die Frau auch dann nicht aufgibt, wenn sie ausgelacht wird. Auch wenn der Stein selbst ihr alle objektiven Gründe für die Unfruchtbarkeit ihres Strebens erklärt, klopft sie ein Mal mehr an seine innere Türe – und erfährt dabei die endgültige Abweisung. Ihr ersehntes Objekt führt ihr vor Augen, dass sie etwas übersehen hat – die vermeintliche Türe zu seinem Inneren existiert nicht.

Gespräch mit dem Stein 8 - Mach auf - Hilke Knoblauch

In der Psychoanalyse wird eine solche Dynamik als  Faszination mit einem abweisenden Objekt beschrieben und sie kann beiden Geschlechtern widerfahren. Ihr Ursprung liegt in der Kindheit.
Wenn die Bindungsbedürfnisse und die Notwendigkeit affirmativen Austauschs von den Eltern nicht erfüllt werden, findet eine pathologische Abkehr von der äußeren Realität statt. Statt der tatsächlich frustrierenden Begegnung mit seiner Bezugsperson, phantasiert das Kind ein gutes inneres Objekt. Dies erlaubt einerseits, die Erfahrung der Ohnmacht zu vermeiden, anderseits muss die Bezugsperson, auf die ein Kind angewiesen ist, nicht als schlecht gedacht werden.
Später manifestieren sich solche verinnerlichten Beziehungs-Strukturen als eine Barriere zwischen verschiedenen Ebenen des Geistes, so dass zum Beispiel eine unangenehme Wahrheit oberflächlich akzeptiert, aber in einem tieferen Teil der Psyche geleugnet wird. Die Art und Weise, wie man unerwünschte Gedanken und Wahrnehmungen ersetzt, ist meist ein unbewusster Prozess, und es sind immer mehrere Faktoren, die eine solche Fähigkeit und die Wahrscheinlichkeit, dies zu tun, beeinflussen.
Franz Kafka hat von seiner Ohnmachtserfahrung angesichts nicht erfüllter Wünsche nach Zuneigung und Fürsorge in seinem „Brief an den Vater“ berichtet: „Nun bist Du ja im Grunde ein gütiger und weicher Mensch, aber nicht jedes Kind hat die Ausdauer und Unerschrockenheit, so lange zu suchen, bis es zu der Güte kommt.“
Das lyrische Ich im Gedicht von Szymborska hat diese Ausdauer und Unerschrockenheit gehabt. Und es ist daran gescheitert.

Gespräch mit dem Stein 15 - Bleiblech - Hilke Knoblauch

Das Gedicht „Rozmowa z kamieniem“ wurde ins Deutsche von Karl Dedecius übersetzt und ist zu finden in: Hundert Freuden, Wislawa Szymborska, Suhrkamp 1996.

Der gesamte Zyklus von 18 Arbeiten zu dem Gedicht von Wislawa Szymborska und weitere Informationen über Hilke Knoblauch finden Sie auf diesem Homepage.  Die Kunstwerke wurden im Rahmen einer Ausstellung „Focus Szymborska“ in der Inselgalerie in Berlin 2005 gezeigt und stehen derzeit bei der Künstlerin zum Verkauf zu Verfügung.

Gespräch mit dem Stein 15 - Bleiblech - Hilke Knoblauch, 2005

 

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