„Paradies im Boudoir?“ – Salonbericht Teil 1

 

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La Trompetina – Antoine Pesne, Sammlung August Ohmm

„Die Natur muss wohl in sich unvollkommen sein, wenn sie uns eine Neigung eingibt, die das Gesetzt verdammt. Oder das Gesetz ist ein zu strenges Gesetzt, wenn er eine Neigung verdammt, die uns die Natur eingibt.“  Dreux du Radier, Dictionaire d`amour.

Die ersten Texte des Salons vom 14. Januar einführten uns in das Zeitalter des Rokokos. Vier hypothetische Briefe zwischen zwei literarischen Gestalten – dem Graf Valmont und der Fanny Hill beinhalten authentische Informationen über die erotische Kultur der Epoche und die Philosophie des Libertinismus. Durch das ungehemmte Ausleben der Sexualität will Libertinismus den von der Aufklärung errungenen Anspruch des Menschen auf irdisches Glück einlösen. In den Briefen werden Begegnungen erwähnt, die ausschliesslich auf die Befriedigung der sinnlichen Lust ausgerichtet sind. Das ist typisch für Libertinismus, der in den starken Gefühlen der Zuneigung eine Gefahr der geistigen Verwirrung sah und versuchte das Risiko des Leidens dadurch zu mindern, dass er die Liebe auf pure Sexualität reduzierte. (1)
Auch heute noch kann die erotische Literatur – die Tagebücher und Korrespondenzen und die erotische Kunst des 18.Jh. – Zündstoff für unsere Fantasie bieten. Wir können uns dabei die Frage stellen, unter welchen Umständen wir bereit sind, den Trieben, unabhängig von der Liebe, nachzugeben und was wir  dabei gewinnen. Welche Sehnsucht wird angesichts der lustvollen Szenarien lebendig ? Gleichzeitig empfinden einige von uns ein Unbehagen, insbesondere wenn diese Fantasie zum Programm wird. Wofür stehen unsere Befürchtungen ein?

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Christophé 1916, „Venus und Tannhäuser“, Sammlung Hans-Jürgen Döpp

 

In der heutigen Zeit finden wir ein Übermass an Angeboten für einen unverbindlichen Sex mit Unbekannten. Sowohl in den Annoncen als auch in direkten Begegnungen von Mann und Frau, wird oft eine Trennung der Sexualität von Gefühlen als erstrebenswert und als psychologisch realistisch angesehen. Diese Trennung zielt, meiner Ansicht nach, darauf ab den möglichen emotionellen Schmerz des allfälligen Verlustes oder die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Du zu vermeiden. Darin sehe ich eine Ähnlichkeit zwischen der heutigen Zeit und dem Libertinismus des 18 Jh. Es ist erstaunlich, dass sich in Bezug auf diese Angst vor der emotionellen Verletzung seit Jahrhunderten so wenig in unserer Kultur verändert hat.

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Radierung aus dem 1750, Sammlung: Hans-Jürgen Döpp

Gleichzeitig scheint mir die erotische Kultur des Rokokos sich durch mindestens zwei Elemente von der modernen Promiskuität zu unterscheiden. Zum einen zeigt sie grössere Fantasie und Ästhetik in der Gestaltung der luststeigernden Rituale – es werden alle Sinne mit einbezogen und es fehlt nicht an Rollenspielen und raffinierten theatralischen Szenarien – zum anderen spielen sich die Rituale im Kreise sich kennender Menschen, die der gleichen Gesellschaftsschicht – dem Adel – angehören. Promiskuität dürfte in diesem Fall ihre ursprüngliche Bedeutung feiern, die sie noch in der neolithischen Zeit hatte – die Stärkung der Zusammengehörigkeit. Mit diesem Aspekt sich heute anzufreunden, dürfte eine schwierigere Herausforderung sein, als die Gefühle und dem Trieb zu trennen.

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Emile Wattier, Das kleine Abendmahl des Regenten

Die Zeit der Aufklärung brachte auch eine intensive medizinische Auseinandersetzung mit den gesundheitlichen Aspekten der Sexualität, deren Echo wir in den zwei letzten Briefen hören. Die Wichtigkeit der sexuellen Erfüllung der Frau wird anerkannt und es wird ihr oft das grössere erotische Potential zugesprochen. Grund dafür sollte die Beschaffung der Organe sein, welche keine natürliche Grenze darstellt. Obwohl in Ansätzen fortschrittlich, zeugt der Diskurs noch immer von einer vorherrschenden Furcht vor der weiblichen Sexualität und generell vor Sinnlichkeit. Der Konflikt zwischen den Folgen der übermässigen Lust auf der einen Seite und der Enthaltsamkeit auf der anderen, wurde von den Medizinern dadurch gelöst, dass sie die Sinnlichkeit in die Schranken der Ehe verwiesen. (2)

 

Literaturnachweis:

1,2)« Paradies im Boudoir – Glanz und Elend der erotischen Libertinage im Zeitalter der Aufklärung » – Peter Prange, Marburg 1990
Bei der Lesung vom 14. Januar wurden ausserdem Fragmente aus folgenden Büchern berücksichtigt:

«Fanny Hill, Erlebnisse eines Freudenmädchens. John Cleland, 1749
« Gefährliche Liebschaften – Frankreich zu Zeiten der Libertins « Jacqueline Queneau, Jean-Yves Patte, 2002
« Correspondance de Madame Gourdan «, Anonym (Madame Gourdan, dite La Comtesse)

 

 

 

 

 

 

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